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StartseiteCorsoSex, Drugs und Cha-Cha-Cha29.09.2017

Serie "Babylon Berlin"Sex, Drugs und Cha-Cha-Cha

Die Fernsehserie "Babylon Berlin" lässt die 20er-Jahre auferstehen. An über zwanzig Drehorten, mit Hunderten Komparsen, Kameras und Kulissen lebt die Weimarer Republik wieder auf. Gelingt der Versuch, deutsche Geschichte mit Hollywood-Mitteln zu erzählen?

Von Susanne Luerweg

Babylon Berlin Visual. (Frédéric Batier / X Filme)
Bei der bislang teuersten deutschen Serie stimmt fast alles. (Frédéric Batier / X Filme)
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Berlin im Jahr 1929. Eine Stadt am Abgrund. Elf Jahre nach dem Ende des ersten Weltkriegs steht die Demokratie auf wackeligen Füßen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander- hier fließt der Champagner, dort reicht es nicht einmal für eine Suppe.

Szene 1:
"Und wer sind Sie?"
"Gereon Rath, Sonderermittler aus Köln."
"Und was weiß der kölsche Sonderermittler über eine russische Leiche aus dem Berliner Landwehrkanal?"
"Der Mann ist gestern Nacht in meine Wohnung eingebrochen."

Szene 2:
"Das sieht aber nicht nach einem Unfall aus."
"Tschuldigung."
"Sie meinen, er wurde so zugerichtet?"
"Na ja, die Verletzungen wirken doch gleichmäßig."
"Sag mal Mädchen, hast du gestern sprechen gelernt oder warum quatscht du die ganze Zeit? Raus hier!"

Es stimmt fast alles

Der Ton ist rau in der Fernsehserie Babylon Berlin und entspricht, wie auch die Kulissen, der damaligen Zeit. Einer Zeit, in der Gewalt an der Tagesordnung war, und die gesellschaftlichen Spannungen sich in heftigen Straßenkämpfen entluden. Der sogenannte Blutmai ist historisch belegt und ein wesentlicher Handlungsstrang der ersten Folgen.

"Am 1. Mai steht uns jede Menge Ärger ins Haus. Radikale Kräfte aus allen Richtungen, versuchen seit Jahren unseren Staat zu unterhöhlen und das Chaos in unsere Straßen zu tragen, aber wir haben die Bürger unseres Landes und unsere demokratische Verfassung zu schützen."

Bei der bislang teuersten deutschen Serie stimmt fast alles. Neben den beiden großartig agierenden Hauptdarstellern Volker Bruch und Liv Lisa Fries, tauchen fast alle hiesigen Schauspielstars in kleinen oder großen Rollen auf. Von Thomas Thieme über Matthias Brandt und Peter Kurth bis hin zu Hannah Herzsprung, Fritzi Haberlandt und Jördis Triebel. Die Ausstattung stammt vom preisgekrönten Szenenbildner Uli Hanisch und Regie führten drei der derzeit besten deutschen Regisseure Achim von Borries, Henk Handloegten und Tom Tykwer, die auch gemeinsam das Drehbuch entwickelt haben.

"Irgendwann waren um uns herum waren 16 Episoden, jeweils mit 50 Kärtchen, also der ganze Raum war gepflastert mit Karteikärtchen, mit Szenen, die mehr oder weniger detailliert festgehalten waren."

Dunkler als die Buchvorlage

"Babylon Berlin" ist nicht nur Ausstattungs- und Kostümfest, sondern auch ganz solides Handwerk, das durch die pointierten Dialoge und die brillante Kameraarbeit deutlich wird. Die Geschichte basiert auf einem Kriminalroman des Autors Volker Kutscher "Der nasse Fisch". Das Buch fungiert aber lediglich als ein Orientierungspunkt für die Regisseure. Der Hauptcharakter, der Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath, hat in "Babylon Berlin" deutlich mehr dunkle Seiten als in der Buchvorlage. Ein Kriegsheimkehrer mit finsteren Geheimnissen und einem klaren Auftrag.

"Der Oberbürgermeister von Köln wird erpresst - Herr Dr. Adenauer, mein oberster Dienstherr. Die Sache ist unappetitlich, soll vor der Wahl erledigt sein."

Hauptdarsteller Volker Bruch, bekannt aus "Unsere Mütter, unsere Väter", hat sieben Monate am Stück fast ununterbrochen vor der Kamera gestanden und manchmal an einem Tag mit zwei verschiedenen Regisseuren gearbeitet.

"Wo ich teilweise gesprungen bin. Da war ich vormittags bei dem einen Regisseur und nachmittags bei dem anderen Regisseur. Es war schon wirklich grenzwertig energiemäßig."

Spannende, vielfältige Musik

Die Energie spiegelt sich in der Serie wieder. Aber auch in ihrer musikalischen Gestaltung. Streckenweise laufen minutenlange Bildsequenzen, ohne dass ein Wort gesprochen wird, einzig die Musik erzeugt die Spannung. Sie ist ein weiterer Hauptdarsteller von "Babylon Berlin" und begeistert auch durch ihre stilistische Vielfalt von Gustav Mahlers Stück "Ich bin der Welt abhanden gekommen" bis zu dissonanten Elektrobeats.

"Die Musik gibt ja ein bisschen den Ton an, oder was so die gesamte Haltung während des Machens beim Projekt war, nämlich dass wir übergreifend arbeiten wollten, dass wir nicht so versessen, hyperauthentisch genau diese Zeit einfach nur erzählen wollten, sondern dass es uns sehr wichtig war, ein Gefühl von Brückenschlag auszulösen beim Zuschauer, dass man merkt, da sind Tonalitäten und Gefühle und ästhetische Einflüsse aus anderen Zeiten mit zu verspüren, die dann vielleicht sogar bis in die Gegenwart nachschwingen."

Musik, Macher, Darsteller - die Serie "Babylon Berlin" lässt die 20er-Jahre lebendig werden, ohne das Heute aus dem Auge zu verlieren, erzählt Geschichte, ohne zu belehren. Die ersten vier Folgen machen Lust auf mehr. In einer der späteren Episoden wird Bryan Ferry mitspielen und natürlich Musik machen. 

Schon einmal feierte Deutschland internationale Erfolge mit einer Serie, die im Jahr 1929 spielt. Rainer Werner Fassbinders Döblin-Verfilmung "Berlin Alexanderplatz" wurde allerdings lange Zeit von den hiesigen Zuschauern abgelehnt, das wird "Babylon Berlin" vermutlich nicht passieren.

Ab 13. Oktober 2017 ist "Babylon Berlin" auf Sky zu sehen, Ende 2018 in der ARD.

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