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StartseiteForschung aktuellE-Busse, Fahrradspuren und Sitzecken statt Parkplätze12.12.2018

Serie: Die Klimaverbesserer (5/5)E-Busse, Fahrradspuren und Sitzecken statt Parkplätze

Die Stadt Osnabrück will die Energiewende im Verkehrssektor, und zwar möglichst bald. Auf dem Weg in die mobile Zukunft setzen die Planer deshalb auf konkrete Kleinprojekte. Die lassen sich schnell umsetzen, und regen die Einwohner schon jetzt zum Mitmachen an.

Von Volker Mrasek

Ein sogenannter Bus Plus mit Überlänge (23m) steht neben einem gewöhnlichen Bus (r) an einer Bushaltestelle am 20.12.2017 in Osnabrück (Niedersachsen).  (dpa / Friso Gentsch)
Große Busse, elektrische Busse, neue Mobilitätsstationen - Osnabrück macht ernst beim Mobilitätswandel (dpa / Friso Gentsch)
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"Jakob?" -  "Ja!" -  "Könntest du noch mal abkoppeln?" -  "Ja! Jetzt?" -  "Okay!"

Osnabrück, Stadtteil Düstrup. An der Endhaltestelle der Linie 41 steht ein großer Gelenkbus. 

"Der Pantograph ist unten, oder?" - "Ja, genau, der ist unten." - "Jetzt müsste CP und PP geschaltet sein."

Mehr als 120 Fahrgäste haben Platz in dem Bus. Aber es saß noch nie einer drin! Das Fahrzeug ist nagelneu, die Deckenverkleidung offen. Zum Vorschein kommen elektrische Schaltkreise, erklärt der Techniker: "Wir checken die Kommunikation zwischen Bus und Ladegerät, damit die miteinander reden können."

Mobilitätswandel startet 2019

Osnabrück plant den Mobilitätswandel. Und dazu gehören auch Busse vom neuen Schlag wie dieser hier: nicht mit Dieselmotor, sondern mit Elektroantrieb und ausfahrbarem Ladearm auf dem Dach. Der sogenannte Pantograph passt genau in eine der beiden Ladeschalen an der Endhaltestelle. Wie überdimensionierte Trockenhauben ragen sie über die Busspur. Eine Straßenbahn gibt es in der 200.000-Einwohner-Stadt nicht. 

"Die erste Linie wird jetzt Anfang 2019 in Betrieb genommen. Mittelfristig haben wir vor, bis 2021 insgesamt fünf Buslinien in Osnabrück zu elektrifizieren, die dann als Metrobuslinien entsprechend verkehren, mit insgesamt 62 Bussen." 

Der Geograph Joachim Kossow ist Projektleiter bei den Stadtwerken Osnabrück. Sie betreiben die Busflotte und liefern die Energie für die neuen Metro-Linien gleich mit: Ökostrom aus eigenen Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen.

Projekt mit vielen Bausteinen

"Osnabrück ist insofern besonders, dass wir tatsächlich schon 2010 die strategische Entscheidung gefällt haben, keine Dieselbusse mehr zu beschaffen. Und das war weit vor dem Dieselskandal", berichtet Kossow. Auch andere deutsche Großstädte setzen auf E-Busse. In Hamburg, Köln und Münster sind heute schon einige im Linienbetrieb unterwegs. Doch Osnabrück geht die Sache umfassender an. Stadtverwaltung und Stadtwerke haben sich zusammengetan und das Projekt "Mobile Zukunft" gestartet. Es läuft über vier Jahre und soll Weichen stellen - für einen nachhaltigeren und klimafreundlicheren Verkehr. Mit vielen weiteren Bausteinen. Projektleiterin auf Seiten der Stadt ist die Geographin Brigitte Strathmann:

"Wir haben gesagt: Wir können uns jetzt natürlich vier Jahre lang damit befassen, große Pläne zu entwickeln. Und da haben wir gesagt: Das wollen wir nicht. Wir wollen ganz schnell in konkrete, vorzeigbare Kleinprojekte gehen, die aber für den Mobilitätswandel stehen."

Verschiedene Verkehrsangebote

Die Planer wollen dafür "Mobilitätsstationen" einrichten, wo man zwischen den einzelnen Verkehrsangeboten wechseln kann. An den Endhaltestellen der E-Busse soll es kleine Parkhäuser zum sicheren Abstellen von Fahrrädern geben, einen Stand mit Car-Sharing-Fahrzeugen und testweise auch Pedelecs zum Ausleihen, Elektrofahrräder.

"Ich komme mit dem Bus an, steige aufs Fahrrad um. Ich komme mit dem Fahrrad an, steige in den Bus. Ich komme mit dem Bus an, steige ins Car-Sharing-Auto, " so stellt es sich die Geographin vor. Ein weiterer Appetitanreger für Autofahrer: "Park and Ride ergänzt um Paketstationen. Wenn ich einkaufe und vielleicht aus dem Umland mit dem Auto anreise, dann aber in den Bus umsteige in die Stadt, möchte ich keine großen Tüten schleppen. Der Händler liefert das dann abends in das codierte Fach, und der Kunde ist zufrieden."

Anbindung an die Viertel

Eine Elektrobus-Anbindung samt Mobilitätsstation bekommt auch das Landwehrviertel spendiert, ein ehemaliges Militärgelände im Nordwesten Osnabrücks. Hier entstehen rund 800 neue Wohnungen und Häuser. "Es geht ja darum, den Menschen einfach die Vielfalt von Mobilität deutlich zu machen. Und das geht am besten, wenn man die Mobilität dahin bringt, wo die Menschen leben". So Strathmann.

Sammelparkplätze am Rand des Quartiers und nur wenige in den Wohnstraßen selbst, pro Haushalt bloß ein Stellplatz. Dafür aber ein Elektrobus, der im Zehn-Minuten-Takt aufkreuzt. "Es gibt erstmal den Ansatz, dass die Leute nicht ein Zweitauto zwingend anschaffen müssen. Das ist ja auch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung zur Verkehrsvermeidung."

"Der Osnabrücker Weg"

Die neuen Metrolinien-Busse werden übrigens nicht nur klimaschonend unterwegs sein, sondern auch besonders flott. Das soll sie noch attraktiver machen, aber keineswegs teurer, wie Joachim Kossow verspricht:

"Wir werden im Rahmen der Liniennetz-Reform, die wir jetzt 2019 durchführen, die Linienwege verschlanken, so dass diese Metrobus-Linien relativ gerade in die Stadt rein und wieder hinausfahren. Und für die Feinerschließung werden wir dann ein Stadtbus-Netz implementieren, was mittelfristig dann auch elektrisch sein soll."

Es gibt noch andere kleine Mosaiksteine im Mobilitätskonzept der Stadt. Viele nennen es inzwischen den "Osnabrücker Weg". In einer Straße sind Auto-Parkplätze weggefallen, um einen Radweg zu verbreitern. An anderer Stelle stehen jetzt Freiluft-Sitzecken für Passanten darauf. Vorerst auf Eis gelegt sind dagegen Radwege, die tagsüber Sonnenlicht tanken und nachts phosphoreszieren, so dass sie sicherer sind. Die Idee erwies sich als technisch nicht so leicht umsetzbar. Das bremst die Planer aber nicht in ihrem Enthusiasmus. Kossow meint:

"Natürlich kann man sagen: Das sind im Moment nur kleine Projekte, die wir umsetzen. Ich glaube aber, es ist wichtig, überhaupt anzufangen und damit überhaupt ein Zeichen zu setzen, dass es vorangeht. Wir haben aufgehört zu reden, wir machen! Das ist etwas, was andere Städte durchaus von uns lernen können."

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