Freitag, 22.03.2019
 
Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteSport am WochenendeNeue Maßstäbe mit der EURO 202417.02.2019

Serie: Endspiel ums Klima (8)Neue Maßstäbe mit der EURO 2024

Bei der Fußball-WM 2006 war der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Vorreiter mit dem Projekt "Green Goal" in Sachen Umweltschutz bei Sport-Großereignissen. Das ist auch das Ziel für die Fußball-Europameisterschaft 2024, bei der der DFB mit seinem Öko-Konzept wieder neue Wege gehen will.

Von Jonas Reese

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
DFB-Präsident Reinhard Grindel von der deutschen Delegation hält einen Zettel mit "Germany" neben dem EM-Pokal während der Bekanntgabe-Zeremonie zur Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft 2024.  (dpa)
DFB-Präsident Reinhard Grindel freut sich über die Vergabe der EURO 2024 an Deutschland (dpa)
Mehr zum Thema

Serie: Endspiel ums Klima Welchen Beitrag leistet der Sport?

Serie: Endspiel ums Klima (1) Klimasünder Fußballfan

Serie: Endspiel ums Klima (2) Wie Skigebiete auf den Klimawandel reagieren

Serie: Endspiel ums Klima (3) Klimaschutz - ein Spagat für Sportler und Verbände

Serie: Endspiel ums Klima (4) Öko-Pioniere im Oberhaus

Serie: Endspiel ums Klima (5) Energiefresser Breitensport

Serie: Endspiel ums Klima (6) Formel-E als Klimaretter

Serie: Endspiel ums Klima (7) Sportstätten für die Zukunft

"Ich muss sagen, das war eine sehr, sehr gute Idee damals. Und heute können wir froh sein, uns an diesem Projekt beteiligt zu haben." Das Jahr 2005. Franz Beckenbauer präsentiert Green Goal, das Umweltkonzept der Weltmeisterschaft ein Jahr später.

Der Plan: Zum ersten Mal soll eine Fußball-WM klimaneutral sein. Freiwillig hat sich das Organisationskomitee unter Beckenbauer dazu verpflichtet. Man will die Chance nutzen, und auf Umweltprobleme und Klimawandel aufmerksam machen.

Treibhausgase vermeiden, Investitionen in Klimaschutzprojekte 

An Beckenbauers Seite damals der Chef des UN-Umweltprogramms und ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer: "Das gab's bislang nicht. Es ist das Pilotprojekt." Ein Novum, ein Wendepunkt: Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballsports wird der Umweltschutz eine bedeutende Rolle bei einer Weltmeisterschaft spielen, so heißt es im Konzept von Green Goal.

Konkret: Klimaschädliche Treibhausgase sollten so weit wie möglich vermieden werden. Alle anderen Emissionen sollten durch Investitionen in Klimaschutzprojekte in Indien und Südafrika kompensiert werden. 1,3 Millionen Euro hat man dafür bezahlt, ein Drittel davon kam vom Weltverband FIFA.

Franz Beckenbauer (l). und Klaus Töpfer stellen das Projekt Green Goal für die Fußball-WM 2006 vor. (dpa/Steffen Kugler )Franz Beckenbauer (l). und Klaus Töpfer stellen das Projekt Green Goal für die Fußball-WM 2006 vor (dpa/Steffen Kugler )

Tolle Idee, nur so ganz ging der Plan damals nicht auf, zumindest im Nachhinein. Denn man berechnete nur die Treibhausgase, die im Inland anfielen und sparte die vielen Emissionen aus, die allein durch die Anreise der Fans aus dem Ausland anfielen. Heuchelei wurde den Organisatoren damals im Nachhinein vorgeworfen.

Neuer Ansatz für die EM 2024

Für die nächste Ausrichtung 2024 will man es anders machen. Der Klimaneutralität hat man sich dieses Mal nicht verschrieben. Dafür der langfristigen Nachhaltigkeit: Eines der zwei Kernelemente des Ökologie-Konzeptes ist ein Klimafonds für den deutschen Sport. Mit ihm sollen klimafreundliche Maßnahmen finanziert werden, erklärt einer der Autoren des Konzepts, Daniel Bleher vom Öko-Institut in Darmstadt:

"Hier wird investiert in Sportstätten, in Energieeffizienz in Sportstätten, in wassersparende Armaturen, in energieeffiziente Heizkessel beispielsweise. Wo man weiß, diese Investition trägt zum Klimaschutz bei. Es ist aber vielleicht nicht immer möglich, dass die Investition in Tonnen CO2 zu quantifizieren. Und das steht auch gar nicht so im Mittelpunkt, dieses Gegenrechnen wieviel CO2 habe ich für denn für die Menge X Euro kompensiert."

"Ein Großevent ist niemals klimaneutral"

Eine Abkehr vom klassischen Öko-Ablasshandel. Auch wenn noch nicht klar ist, mit wieviel Mitteln dieser Klimafonds ausgestattet sein wird, weg vom populären Label "Klimaneutral" hin zu einem Fonds, findet Tilmann Heuser vom BUND grundsätzlich richtig:

"Das ist vor allem ehrlich, weil man muss vor allem ganz klar sagen: ein Großevent ist niemals klimaneutral. Es geht immer nur über die Frage von Kompensation. Und deshalb ist der Ansatz, würde ich sagen, mal ehrlich, um dann mal zu gucken, wie kann ich die Klimakosten dann zum einen Mal erfassen, um dann das Geld, was man dafür braucht, auch gezielt da rein zu stecken, um die Vereine zu unterstützen, tatsächlich vor Ort, Klima-Emissionen zu verringern."

Öko-Konzept für Mobilität und Energie

Der zweite Leuchtturm, wie es im Kapitel Ökologie des Nachhaltigkeitskonzepts für die EURO 2024 heißt, widmet sich dem Thema Mobilität. Der größte Faktor in Sachen Emissionen. Hier will man die Fans verstärkt in klimafreundliche Verkehrsmittel locken. Nicht nur im Nahverkehr, sondern auch im Fernverkehr. Ein so genanntes Kombi-Ticket-Plus soll mit der Eintrittskarte fürs Spiel verbunden werden. Damit soll der Besitzer dann kostenlos oder vergünstigt per Bahn oder Fernbus zum Spielort anreisen dürfen.

(dpa / KAY NIETFELD)Während der WM 2006 konnten die Fans kostenlos mit dem Zug durch Deutschland fahren. (dpa / KAY NIETFELD)

Eine gute Maßnahme, meint Heuser vom BUND, aber ob sie wirklich kommt, sei fraglich: "Hier merkt man, dass es immer ein wichtiges Thema ist, was dann im Nachhaltigkeitsbericht erwähnt wird, aber dann die Beteiligung vor Ort, dass der DFB feststellt, dass die eher mau ist."

Von weitläufigen Fußgänger- und Rad-Zonen in den Spielorten, Auto- und Fahrrad-Sharing-Angeboten oder elektrisch-betriebenen Shuttle-Bussen ist im Öko-Konzept zu lesen. Jedes Stadion muss außerdem auf Strom aus Erneuerbaren setzen und ein bestimmtes Energie-Zertifikat vorweisen. Ein zentrales Abfall-Konzept gilt es noch zu erarbeiten. Insgesamt stellt Heuser den Vorhaben des DFB im Bereich Umweltschutz ein gutes Zeugnis aus. Unklar ist aber, wie nachhaltig das Ganze dann sein wird:

"Das ist so vom Grundsatz her ganz gut, was eben fehlt ist der strategische Ansatz. Bislang ist unklar, ob man das nur als Konzept für die EURO2024 macht, oder ob der DFB insgesamt sagt, wir entwickeln eine Nachhaltigkeitsstrategie für den Fußball insgesamt. Wo dann die EURO so ein Leuchtturm ist, aber wo man dann auch sagen kann, im Alltag da ändert sich auch was."

DFB: Mit Green Goal richtungsweisend

Noch befindet sich der DFB in der Planungsphase. Alle Ideen stehen so erstmal nur in derBewerbung. Was am Ende wirklich realisiert wird, das ist offen. Denn zu den wichtigsten Maßnahmen verpflichten sich die Macher freiwillig. Von der europäischen Fußball-Union UEFA, sind die Vorgaben in dieser Hinsicht eher gering. 

Markus Stenger, Bewerbungschef der EM, will die eigenen Ideen nun aber auch umsetzen: "Wir wollen da wirklich die Worte, die wir in der Bewerbung aufgeführt haben auch mit Taten belegen. Weil das ist auch wichtig, für die Glaubwürdigkeit von uns als Verband und Ausrichter."

Markus Stenger (l-r), DFB-Bewerbungschef, Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Friedrich Curtius, DFB-Generalsekretär, Celia Sasic, DFB-Integrationsbeauftragte, und Philipp Lahm, Botschafter des DFB für die EM-Bewerbung, stoßen in der Zentrale des DFB auf den Zuschlag für die EURO 2024 an. (dpa/Arne Dedert)Der Deutsche Fußball-Bund feiert den Zuschlag für die EURO 2024: Den Worten der Bewerbung sollen Taten folgen (dpa/Arne Dedert)

Am Ende wird man vielleicht wieder neue Maßstäbe gesetzt haben mit der deutschen Ausrichtung, wie im Jahr 2006 auch schon. Nach der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wurde nach deutschem Vorbild ebenfalls der CO2-Fußabdruck berechnet. Dieses Mal sogar mit den Reisebewegungen der Fans aus dem Ausland. Seit dem Bewerbungsprozess für die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 ist der Umweltschutz im Bewerbungsverfahren integriert.

DFB in der Bringschuld

Ganz unabhängig was dann wirklich für die deutsche EM 2024 konkret umgesetzt wird, das Wichtigste an den Maßnahmen ist ohnehin etwas Anderes, meint Daniel Bleher vom Öko-Institut, er war an der Entwicklung von Green Goal 2006 beteiligt, wie auch für die Frauen WM 2011 und bei der Entwicklung des Konzepts für 2024:

"Das Erbe ist in erster Linie in Form des Bewusstseins da. Dass man sich auch selber an den eigenen Maßstäben misst und, dass klar ist, dass durch Green Goal 2006 und 2011 der DFB eben auch international in einer Bringschuld ist. Das sehe ich so als das Relevanteste an."

Das heißt: Hinter die selbstgesetzten, freiwilligen Maßstäbe darf der DFB also auch für 2024 nicht zurückfallen, wenn er in seiner Vorreiterrolle glaubwürdig bleiben will.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk