Montag, 09.12.2019
 
Seit 10:10 Uhr Kontrovers
StartseiteCampus & KarriereJugendarbeiteslosigkeit in Spanien14.07.2014

Serie: Europas vergessener Nachwuchs Jugendarbeiteslosigkeit in Spanien

Spanische junge Arbeitslose hatten sich viel von dem Program "The Job of My Life" der deutschen Bundesregierung erhofft. Sie kamen nach Deutschland, um entweder zu arbeiten oder eine Ausbildung zu absolvieren. Doch viele sind nach kurzer Zeit wieder in ihrer Heimat.

Von Marc Dugge

Die Spanische Flagge weht am 05.06.2013 an der Costa Calma (Fuerteventura) unter der am wolkenlosen Himmel stehenden Sonne. (picture-alliance / dpa-ZB / Soeren Stache)
Das Bundesprogramm war für viele Spanier die Chance, aus prekären Arbeitsverhältnissen zu entkommen. (picture-alliance / dpa-ZB / Soeren Stache)
Weiterführende Information

Jugendarbeitslosigkeit - Italien kurz vor der EU-Ratspräsidentschaft (Deutschlandfunk, Europa heute, 30.06.2014)

Jugendarbeitslosigkeit - "Da möchte man eigentlich nicht Jugendlicher sein" (Deutschlandfunk, Campus und Karriere, 24.06.2014)

Besuch in Albacete, eine Stadt im Süden der Region Castilla La Mancha. Eine 170.000-Einwohnerstadt, die ein spanischer Dichter vor 100 Jahren mal das "New York von La Mancha" genannt hat. Weil Albacete für ihn der Inbegriff der Moderne, der Industriegesellschaft war. Auch heute gibt es hier Industrie, werden etwa Hubschrauber und Messer hergestellt. Aber von der immerwährenden Aufbruchstimmung einer Stadt wie New York ist Albacete weit entfernt.

"Im Sommer kann man hier manchmal einen Job finden. Im Tourismus und in der Gastronomie geht was, das sind aber auch die einzigen Bereiche. Und ab September wird's schwierig."

Sagt Carlos, 27 Jahre alt. Carlos ist einer der vielen jungen Arbeitslosen der Stadt. Die Wirtschaftskrise hat auch in Albacete Spuren hinterlassen: 2008 waren noch rund zehn Prozent ohne Arbeit - heute sind es etwa 25. Carlos hat in Spanien Gastgewerbe studiert. Aber keinen Job gefunden. Deshalb versprach er sich viel von dem Programm "The Job of My Life" von der deutschen Bundesregierung.

"Mi pareció una idea muy buena."

Berufsausbildung oder Arbeit als Fachkraft

Die Idee des Programms: 5000 junge Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, nach Deutschland zu kommen. Entweder, um eine Berufsausbildung zu bekommen - oder gleich als Fachkräfte zu arbeiten. In Krankenhäusern zum Beispiel oder in der Hotellerie. Dafür bekommen sie Sprachkurse, Praktika, Betreuung, finanzielle Unterstützung. Das Ziel: Fachkräfte für Deutschland zu finden - und gleichzeitig jungen Menschen in Südeuropa eine Perspektive zu bieten. Das örtliche Arbeitsamt hat Carlos das Programm empfohlen. "Entdecke Deutschland - und habe Spaß dabei", hieß es auf der Website des Programms. Natürlich hat er sich dafür beworben.

"Ich habe mich in Toledo vorgestellt und wurde ausgewählt. Dann habe ich hier in Albacete einen sechswöchigen Deutschkurs gemacht. Als wir in Deutschland ankamen, gab es nur Probleme. Der Arbeitsvermittler, der für uns zuständig war, hatte uns weder Unterkünfte noch die Arbeitsplätze organisiert."

Carlos hatte noch Glück, er kam letztlich in einer einfachen Pension unter. Andere der mehr als 100 Neuankömmlinge mussten in improvisierten Sammelunterkünften unterkommen. Die Betriebe, bei denen die jungen Leute arbeiten sollten, wussten oft von nichts. Die privaten Arbeitsvermittler hatten sich offenbar völlig überschätzt und Berichten zufolge schlampig gearbeitet. Die Bundesregierung und die spanische Botschaft schalteten sich ein. Mehrere Spanier konnten aber nicht untergebracht werden - auch Carlos nicht. Er reiste zurück nach Spanien. Zurück ins Haus der Eltern. Nach Albacete.

"Was sie gesagt haben? Naja, das eben alles von Anfang an schlecht organisiert war. Und dass ich nach Arbeit suchen oder wieder studieren soll. Ich versuche, hier noch einen höheren Abschluss zu machen. Und hoffe, dass man mir irgendwann mal einen Job anbietet. Das hoffe ich zumindest."

Hohes Interesse bei der spanischen Jugend

So wie Carlos haben sich viele Spanier für eine Ausbildung in Deutschland interessiert. So sehr, dass die deutsche Regierung das Programm "The Job of my Life" nach einer wahren Antragsflut erst einmal ausgesetzt hat. Weil das Budget schon nach kurzer Zeit ausgereizt war. Seit April werden vorerst keine Anträge mehr angenommen. Die Deutsch-Kurse im Goethe-Institut sind allerdings weiterhin voll, berichtet deren Leiterin Margareta Hauschild.

"2012 war der Höhepunkt. Wir hatten 7.500 Einschreibungen in jenem Jahr. Zu bestimmten Hochzeiten zehn Sprachkursschichten pro Tag, von 7.30 Uhr bis 21.30 Uhr. So was kann man nicht jeden Tag aufrechterhalten."

Seit 2012 sei die Nachfrage etwas zurückgegangen, weil es immer mehr private Sprachschulen gebe, so Margareta Hauschild. Allerdings verzeichne das Goethe-Institut Madrid immer noch die höchste Zahl an Einschreibungen weltweit.

Die Deutsch-Kurse sind deshalb so nachgefragt, weil die Jobaussichten in Spanien weiterhin mies sind. Sicher, die Wirtschaft wächst wieder, die Exporte wachsen, mehr Menschen haben Arbeit, auch junge Menschen. Allerdings bleiben die Arbeitslosenzahlen auf einem hohen Niveau. Und viele glauben nicht, dass es der Regierung rasch gelingen kann, die Jugendarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen. Tanía Pérez, Jugendsekretärin der Gewerkschaft CCOO:

"Die Jugendlichen gehen nicht, weil sie so einen Entdeckergeist haben, weil sie die Welt kennenlernen wollen, sondern aus purer Not. Auch die gut Ausgebildeten gehen - jene, die mit viel öffentlichem Geld in Spanien ausgebildet wurden! Ob sie je zurückkehren, ist völlig ungewiss. Sie werden jedenfalls nicht zurückkommen, um hier prekäre Arbeitsverhältnisse vorzufinden - etwa, in Cafés zu jobben oder im Bausektor."

Carlos hat genau das vorgefunden: Er ist in einem prekären Arbeitsverhältnis, jobbt in einer Bar, weil es in Deutschland für ihn nicht geklappt hat. Dieses Mal nicht geklappt hat. Will er es nochmal versuchen, frage ich ihn, nochmal den Absprung wagen, aus dem New York von La Mancha?

"Klar, ich würde das wieder machen, wenn alles besser organisiert wäre. Wir hatten eben mit diesem Arbeitsvermittler Probleme. Aber sonst da waren auch viele nette Leute, die uns sehr geholfen und nett aufgenommen haben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk