Freitag, 27.11.2020
 
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Serie "Innenansichten mit" der Kabarettistin Sarah BosettiHass ist Energie

"Je politischer ich geworden bin, desto krasser wurden die Hasskommentare." Um dem etwas entgegen zu setzen, verwandelt Sarah Bosetti Anfeindungen in Liebeslyrik, über die sie sich gemeinsam mit dem Publikum amüsieren kann. Wir haben sie dabei begleitet – auf der Bühne und privat.

Von Stephanie Gebert

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05.05.2017, Bayreuth,Das Zentrum,Sarah Bosetti - Ich will doch nur mein bestes 2017, Foto: Sarah Bosetti Copyright: HMBxMedia/xMatthiasxKimpel (www.imago-images.de)
Sarah Bosetti kämpft mit Worten und Humor gegen menschenverachtende Weltanschauungen (www.imago-images.de)

Es ist Ende August, Sarah Bosetti hat noch etwas Zeit vor ihrem Auftritt im Pantheon in Bonn. Sie ist froh, dass sie trotz der Corona-Gefahr wieder auf die Bühne darf: "Der erste Solo-Auftritt nach der Pause, der vor drei Wochen war – als ich auf die Bühne gegangen bin und dieser freundliche Begrüßungsapplaus kam, da war ich ganz 'hach'." Selbstironisch fügt sie hinzu: "Ich bin ja gar nicht immer ein großer Fan von Menschen. Aber jetzt, wo ich sie so wenig gesehen habe, vermisse ich sie dann doch."

Die frühere Poetry-Slammerin nutzt die Bühne für ihr aktuelles Programm "Ich hab nichts gegen Frauen, du Schlampe". Darin trägt sie Online-Kommentare vor, in denen ihr etwa der Tod oder Vergewaltigung gewünscht wird, und verwandelt diese Texte in Liebesgedichte. "Das ist das Gegenteil von dem, was die Leute wollen, die diese Kommentare schreiben", ist sich die Autorin sicher. Ziel der Verfasser sei es, sie mundtot zu machen. "Aber das wird mit dieser völlig albernen Sache, der Liebeslyrik, durchbrochen."

Mit Humor gegen Online-Hass

Zum Auftritt in Bonn kommen Menschen, die eher etwas älter sind als die 36-jährige Kabarettistin. Sie sind beeindruckt von ihrem Mut, offen über diese Beleidigungen zu sprechen und sich ihnen entgegenzustellen. Einige sind auch überrascht über das Ausmaß des Online-Hasses: "Also, ich finde die Äußerungen, die ihr geschrieben werden, schon sehr krass. Also das hätte ich nicht gedacht, dass Leute sich so abartig äußern", sagt eine Besucherin in der Pause.

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Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität ermittelt wegen Hatespeech im Netz. Sollte das neue Gesetz gegen Hasskriminalität in Kraft treten, kommt auf die Ermittler mehr Arbeit zu. Schon jetzt sind sie dabei auf Hilfe der Bürger angewiesen.

Auch Sarah Bosetti lassen die Anfeindungen nicht komplett kalt: "Das fühlt sich so an, als würde man in einem Raum von 1.000 Leuten ausgebuht. Auch wenn man weiß, dass das alles Idioten sind, fühlt man immer noch dieses Kribbeln auf der Haut." Trotzdem will sie dem Hass keinen Raum in ihrem Leben geben, auch wenn sie nach dem Auftritt mit dem Taxi zum Hotel fährt, anstatt alleine dorthin zu laufen – das habe sie ihrer Mutter versprochen.

Privatsphäre schützen

"Positiv verbissen", nennt Kollege Daniel Hoth die Arbeitsweise von Sarah Bosetti. Er schätze ihre intelligenten Texte und den bissigen Sarkasmus. Hoth ist mit Sarah Bosetti bis 2017 als Künstlerduo "Mikrokosmos" auf Poetry-Slams durch die Bundesrepublik getourt. Für die Sendung kommt er in den Treptower Park im Berliner Osten – ein Lieblingsort von Sarah Bosetti. Hier geht sie gerne joggen oder mit ihrer kleinen Tochter spazieren. Viel mehr will die Entertainerin aber nicht preisgeben von ihrem Privatleben – verständlich, wenn man von den vielen Anfeindungen weiß.

Rechts sitzt Sarah Bosetti im Schneidersitz im Treptower Park mit Blick auf den Fluss auf dem Boden, links steht Stephanie Gebert mit Mikrofon (Stephanie Gebert)Sarah Bosetti (rechts) will ihre Privatsphäre so gut es geht vor den Augen der Öffentlichkeit schützen - ein Treffen im Treptower Park ist aber drin (Stephanie Gebert)

Ganz inkognito ist die Kabarettistin aber nicht mehr unterwegs. Dank vieler Engagements fürs Radio und Fernsehen, Auftritte in Kabarett-Sendung wie "Extra3" und "Mitternachtsspitzen", wird sie inzwischen auch oft auf der Straße erkannt. Ihr ist das eher unangenehm, vor allem wenn sie in unpassenden Situationen angesprochen wird – wie letztens, als sie gerade ihren Hund ausgeschimpft hat.

Eine Welt ohne Feminismus

Für die Zukunft wünscht sich Bosetti, der nächsten Generation eine Welt zu hinterlassen ohne Feminismus: "Wenn also Feminismus einfach so überflüssig geworden wäre, dass meine Tochter und ihre ganze Generation sich damit nicht mehr auseinandersetzen müsse, das fände ich einen ganz guten Anfang." Bis es soweit ist, tourt sie aber weiter durchs Land und kämpft mit den Waffen des Humors für mehr Menschlichkeit.

Produktion: Deutschlandfunk 2020

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