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StartseiteRock et ceteraDer Roadie07.04.2019

Serie: Musikers HandwerkszeugDer Roadie

Cargohose, Minitaschenlampe, Metal-Shirt: Ohne den Roadie geht im Live-Musikbusiness nichts. Die Produktion muss schleunigst auf die Straße, der Flughafen hat Nachtflugverbot. Wo spielen wir morgen? Glastonbury? Gladbach? Keine Ahnung, sieht doch alles gleich aus - für den Roadie. Eine Hommage.

Von Tim Schauen

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Roadie beim Aufbau der Bühne der Fußball-Weltmeisterschaft im Olympiastadion München, aufgenommen am 2.6.2006 (imago / Plusphoto)
Roadie beim Aufbau einer Bühne im Olympiastadion München (imago / Plusphoto)
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Die Haare: mindestens bis zur Schulter. Aber während der Arbeit zum Zopf! Das T-Shirt: verwaschen. War mal schwarz, ist gerade noch grau. Der möglichst beängstigende Cartoon der Unterwelt-Doom-Metalband kaum mehr lesbar. Nur zu erkennen: "World-Tour 88/89". Die schwarze Cargohose geht höchstens bis zu den Knien, denn die mindestens vier Tattoos auf jeder Wade des Roadies müssen ja auch mal hergezeigt werden. Korrespondieren schön mit den Motiven auf den Unterarmen. Wer hat, der hat! Eine Kette verbindet die Brieftasche oder was auch immer mit der Gürtelschlaufe der Hose, mit der der Roadie für immer verwachsen ist. Auch mit der Rolle Gaffer-Tape, die mit Kabelbinder am Gürtel fixiert ist.

Roadie ist kein Fan

Hat er keine MiniMaglite, diese schnuckelige Taschenlampe und kein Multifunktionswerkzeug am Gürtel hängen, ist er ein Anfänger und kann das T-Shirt von der "Weltournee 88/89" niemals von der Band geschenkt bekommen haben, für die er damals arbeitete. Sondern er muss als Fan dagewesen sein! Oh mein Gott! Und dann kann er eigentlich kein Roadie sein: Ein Roadie ist kein Fan sondern ein Arbeitstier. Ohne ihn - und das meinen wir bierernst - geht nichts!

Der Roadie mag kein Tageslicht sondern ist auf buntes Licht aus Scheinwerfer-Kannen konditioniert. Darin sieht der Rauch der Selbstgedrehten viel cooler aus. Er mag keine frische Luft, sondern den Duft aus der Nebelmaschine, dem Hazer, am liebsten Moschus oder Vanille. Lächeln: Nicht gestattet! Der Roadie ist schließlich nicht zum Spaß hier, sondern zum Aufbauen. Zum Abbauen. Zum Umbauen.

Die Kisten mit der Hardware des Schlagzeugers müssen aus dem 38-Tonner? Roadie! Die Traversen für die PA, also die Lautsprecherboxen müssen aufgebaut werden? Roadie! Eine Wand aus 4x12-Zoll-Gitarrenboxen muss hinter dem Gitarristen aufgetürmt werden? Der Roadie tourt mit der Band, er ist on the road. Lokal angeheuerte Helfer sind bloß "Stagehands", die sich dem Roadie unterzuordnen haben. Es sei denn, sie haben ein Metal-T-Shirt, das älter ist als das des Roadies. Aber das kann man wieder bei dem Scheisslicht auf der Bühne eh nicht sehen.

Bier, Wein, Wodka - für die Stars!

Die letzte Zugabe ist also gespielt, der Trommler schmeißt seine Stöcke - der Roadie kennt sie nur als "drumsticks"- ins Publikum, der Gitarrist lässt Konfetti aus Plektren regnen: Der Roadie erwacht aus der Agonie, die ihn während des Konzerts erfasst hat. Es sei denn, er hat vom Büffet der Stars genascht. Aber jetzt ist er wach: Denn es gibt Adrenalin Bier, Wein, Wodka - für die Stars! Der Roadie muss abbauen und zwar sofort! Zeit ist Geld, bewegte Tonnen an Material die Währung des Roadies. Abbauen, Einladen, Trucks mit Verstärkern, Kabel, Kisten, äh, Cases füllen. Nach der Show ist vor der Show, die Produktion muss schleunigst auf die Straße, der Flughafen hat Nachtflugverbot! Wo spielen wir morgen? Glastonbury? Gladbach? Keine Ahnung, ist auch egal, sieht doch alles gleich aus - für den Roadie.

Im Ernst: Danke!

Aber ganz im Ernst! Ohne Euch ging das nicht! Daher: Danke! Und nichts für ungut. Dürfen wir jetzt vielleicht ein Fenster aufmachen? Ist schon wieder hell.

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