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StartseiteUmwelt und VerbraucherWas so alles in einem Handy steckt 30.10.2014

Serie Was so alles in einem Handy steckt

Jedes Jahr ein neues Handy – Wissenschaftler und Designer der Berliner Universität der Künste stemmen sich gegen diese Mentalität. In ihrem Projekt "Schrottküche" sollen Jugendliche für den Umgang mit wertvollen Ressourcen sensibilisiert werden.

Von Claudia Euen

Zu sehen ist ein Gabelstapler, der Paletten mit Elektroschrott transportiert (Deutschlandradio / AFP / Damien Meyer )
Wie sich Elektrogeräte nachhaltig nutzen lassen (Deutschlandradio / AFP / Damien Meyer )
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Es klappert und summt in der Schlesischen Straße 27. In dem Jugend-, Kunst- und Kulturhaus in Berlin sitzen junge Menschen aus aller Herren Länderan großen Holztischen und schrauben, löten und kleben.

Moctar ist 23 Jahre alt und hantiert mit den Einzelteilen eines alten Mobiltelefons. "Wir haben das Handy geöffnet, um zu sehen was drin ist und den Vibrationsmotor rausgenommen und ihn mit einer Batterie verbunden. Aus dem Material wollen wir einen Roboter bauen. Das ist schwierig, aber die Lehrer helfen uns. Ich will, dass es sich bewegt, aber ich weiß nicht, wie das geht. Bisher jammert es nur vor sich hin."

Moctar stammt aus dem Niger. So wie auch die anderen Jugendlichen aus Deutschland oder Syrien will er Stromkreisläufe verstehen, also an der einen Seite etwas abklemmen, damit an der anderen Seite ein Geräusch rauskommt oder sich etwas bewegt. Schrottküche heißt das Projekt, initiiert vom Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin. Es macht das Innenleben alter Telefone zum Thema, sagt Designerin und Workshop-Leiterin Miriam Lahusen: "Wir machen die Telefone auf, mit Schraubenziehern, was gar nicht so einfach ist. Und dann fangen wir an, diesen Transformer wieder zusammen zu setzen, als Roboter, Monster und wenn man sie über den Motor anschließt, dann fangen sie an zu krächzen und zu creepen und dann kann man sie dekorieren und ihnen eine persönliche Note geben."

In Deutschland liegen Millionen Mobiltelefone ungenutzt in Schubladen

Charlotte baut einen Roboter, der eine Spinne darstellen soll oder einen Käfer mit Beinen aus Draht, der Geräusche über Lautsprecher macht. Sie versucht gerade, zwei Silberdrähte an eine fingernagelgroße Batterie zu stecken. Mit Technik hatte die 19-Jährige vorher nicht viel am Hut. Auch nicht mit Handys. Sie gehört nicht zu den Jugendlichen, die alle drei Monate ihr altes Mobiltelefon gegen ein neues austauschen, was zur Folge hat, dass die Deutschen zwischen 80 und 100 Millionen alter Handys in ihren Schubladen horten. Kein Wunder. Nicht nur, dass jedes fünfte Handy vor Ablauf von zwei Jahren repariert werden muss, auch locken Mobilfunkanbieter mit immer attraktiveren und kürzeren Vertragslaufzeiten und damit auch mit einem neuen Handy, dabei ist das viel mehr als nur ein Gerät zum Telefonieren, sagt Charlotte: "Ich wusste schon immer dass ich kein iPhone haben will, weil ich auch mit dem Touchscreen nicht klarkomme. Aber ich habe mir auch noch nie viele Gedanken gemacht, wie viel Gold in einem Handy enthalten ist, wie viel davon weggeschmissen wird und, dass wenn man jedes Handy recyceln würde, sehr viele Leute in den Minen wahrscheinlich nicht so viel Arbeit hätten und auch nicht daran sterben würden."

Zu sehen ist ein Müllcontainer mit unzähligen alten Mobiltelefonen.  (AFP / Jung Yeon-Je)Millionen Mobiltelefone liegen ungenutzt in Schubladen oder landen im Müll. Dabei gehen wertvolle Metalle verloren. (AFP / Jung Yeon-Je)

In einem Mobiltelefon stecken 60 verschiedene Stoffe, darunter rund 30 Metalle, wie Kupfer und sogar Edelmetalle: 100 Handys enthalten 25 Gramm Silber, 2,4 Gramm Gold und ein Gramm Palladium. Zum Vergleich: Eine Tonne Erzgestein einer mäßigen Goldmine enthält ein Gramm Gold. Die wertvollen Rohstoffe werden überwiegend in Schwellen- und Entwicklungsländern wie China, Kongo und Südafrika unter schlechten Arbeitsbedingungen abgebaut. Gerade deshalb ist es den Designern der Schrottküche wichtig für das Thema zu sensibilisieren. Es soll aber auch den Forschergeist der jungen Menschen anstacheln, sagt Miriam Lahusen: "Uns geht es natürlich darum, diese Blackbox zu öffnen, um zu zeigen, was alles geht. Wie kann man so ein Gerät auch umnutzen, und dass man es auf keinen Fall in den Mülleimer werfen darf, aber auch wie man spielerisch mit diesen Geräten neues schaffen kann und vielleicht auch zu inspirieren was völlig anderes damit zu schaffen."

Aus Altem Neues machen, Produktionskreisläufe ankurbeln - die zweitägige Schrottküche macht den Jugendlichen nicht nur enorm viel Spaß, sondern holt Wissen ans Licht, das sich sonst hinter den glänzenden Hüllen begehrter Alltagsobjekte versteckt.

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