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StartseiteInformationen am MorgenGrundsatzdebatte um die Prostitution22.07.2020

Sexarbeit in Corona-ZeitenGrundsatzdebatte um die Prostitution

Bundesweit sind Bordelle seit Monaten wegen der Coronakrise geschlossen. Die Kritik daran wird lauter, zumal Sex auch ohne feste Betriebsstätten weiter zum Kauf angeboten wird. Doch die deutsche Politik diskutiert ganz grundsätzlich, ob das Prostitutionsgesetz verschärft werden soll.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Mehrere hundert Prostituierte und Bordellbetreiber fordern in Hamburg, dass sie ihr Gewerbe wieder aufnehmen dürfen. (picture-alliance / Markus Scholz)
Prostituierte in Hamburg demonstrieren gegen Lockdown (picture-alliance / Markus Scholz)
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Hinter schweren Türeingängen steht verschachtelt im zweiten Hinterhof ein einstöckiges, hell verputztes Häuschen, mitten in Berlin-Tempelhof. Rundherum Mietwohnungen und die donnernde Autobahn 100. Fröhlich strahlend kommt Johanna Weber einem entgegen: "Halloooo! Einmal durchgehen… Sooo, das ist unser kleiner Garten. Und der sieht in diesem Jahr ganz großartig aus, denn wir haben ja nichts zu tun."

Blick in einen Raum des "Artemis", einem Bordellbetrieb mit Wellness-Oase in der Nähe des Kurfürstendammes in Berlin (picture alliance / Marcel Mettelsiefen) (picture alliance / Marcel Mettelsiefen)Bordellbetreiber und Sexarbeiterinnen ohne Job
Sexarbeit in Deutschland befindet sich aufgrund der Corona-Pandemie in der Krise. Sexarbeiterinnen sorgen sich um ihre Existenz und sehen sich ungerecht behandelt. Einige Politiker wittern dagegen jetzt die Chance, die käufliche Liebe gleich ganz zu verbieten.

Weber, gertenschlank und Kurzhaarschnitt, betreibt hier seit fünf Jahren ein kleines Bordell mit drei Zimmern. Unter den Fenstern blühen wilde Erdbeeren, Sommerblumen, Minze, "und alles Mögliche, was sich hier selber angesiedelt hat, denn dieses Jahr konnten wir ja nichts Neues kaufen, denn da wir keine Einnahmen haben, können wir auch nichts ausgeben".

Wegen der Corona-Pandemie sind die offiziell gemeldeten Bordelle in Berlin seit Monaten dicht. Kein Bundesland hat das Verbot bisher aufgehoben. Für die meisten Frauen sei das verheerend, erzählt eine junge Prostituierte, die sich Aya Velázques nennt.

Mehr Haus- und Hotelbesuche statt Bordelle

Auch sie arbeitet in dem kleinen Studio in Tempelhof, und ist gut vernetzt im Milieu: "Viele haben jetzt Hartz IV beantragt und haben sich die ganzen Monate irgendwie so durchhangeln können, aber die Situation ist wirklich so drastisch wie nie zuvor, vor allem, weil auch noch diese politische Unsicherheit mit im Spiel ist und wir kein festes Datum haben, wann wir unsere Tätigkeit wieder aufnehmen dürfen. Und diese Existenzangst, die zermürbt natürlich auf Dauer."

Auf einer schmalen, steilen Treppe geht es ins Obergeschoss. Dort fällt der Blick als erstes auf ein, bis zur Decke, vollgestelltes Regal: Unten mehrere Paar Pumps in pink und schwarz und in riesigen Schuhgrößen, darüber Masken aller Art: Aus Leder, als Einhorn oder als Wolf. Zurück im Erdgeschoss, liegt rechterhand der sogenannte rote Salon: Neben Augenbinden, Seilen und Handmanschetten hängt an der Wand ein Spender mit Desinfektionsmittel.

Das sei Standard und nicht erst seit Corona so, erklärt Johanna Weber: "Wir haben schon neue Regeln gemacht und gesagt, dass man eine halbe Stunde länger das Zimmer hat. Das heißt, es kann Minimum eine halbe Stunde gelüftet werden, alle Aerosole raus, und der Putzplan wird auch intensiviert. Und grundsätzlich ist es so, dass wir sowieso nach jedem Kunden das Badezimmer schon immer geputzt haben."

Der SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe Karl Lauterbach bei einem Pressestatement. (imago images / Reiner Zensen)Der SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe Karl Lauterbach (imago images / Reiner Zensen)

Die beiden Frauen, die hier an diesem Nachmittag ihren Arbeitsplatz zeigen, kommen vergleichsweise gut über die Runden. Johanna, die Ältere, hat als Solo-Selbständige staatliche Corona-Hilfe beantragt, und Aya führt in ihrem anderen Leben ein Textilunternehmen. Beide engagieren sich beim Bundesverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen.

Das aktuelle Betriebsverbot halten sie für verantwortungslos: "Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass jetzt aufgrund dieses Sexkauf-Verbots keine Prostitution stattfindet. Sie findet natürlich statt. Sie ist sehr stark in unsichtbare Ecken verlagert, Betriebstätten fallen eben weg, dadurch finden mehr Haus- und Hotelbesuche statt. Und infektiologisch gesehen haben wir im Moment eben die denkbar schlechteste Situation."

"Ich verstehe die Bedenken der Prostituierten gut", betont SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Aber es kann nicht sein, dass wir also die Prostituierten hier diesem Risiko aussetzen und möglicherweise auch damit die Pandemie wieder beschleunigen."

Prostituierte wehrt sich gegen "Schuldstigma"

Doch solange das Gewerbe jetzt im Verborgenen arbeitet, sind Kontrollen und Gespräche kaum noch möglich, erklärt die Berliner Polizei schriftlich gegenüber unserem Programm. Täter oder Opfer, Aya möchte nichts davon hören: "Man kann uns das Schuldstigma anheften, wie eben Herr Lauterbach uns letztens als Superspreader bezeichnet hat. Sozusagen die Seuchenschleuder der Nation. Und das, obwohl es dafür keinerlei Evidenz gab. Wir haben Massenübertragungen bei Gottesdiensten gehabt, oder bei Tönnies. Aber nicht in Bordellen. So große Ansammlungen von Menschen kommen da ja auch gar nicht zusammen. In der Regel sind immer genau zwei Menschen miteinander beschäftigt."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Seit Wochen wird der Graben zwischen dem Milieu und seinen Gegnern immer tiefer. Ein eigens erarbeitetes Hygienekonzept mit Mindestabstand und Kontaktlisten überzeugt ihn nicht, sagt Karl Lauterbach: "Beispielsweise werden viele Kunden schlicht und ergreifend anonym bleiben wollen und geben daher falsche Identitäten an oder gar keine.

Aya Velázquez sieht das anders: "Also wenn die Bedingung jetzt momentan ist, Kontaktdaten aufzunehmen, das geben uns unsere Kunden gerne, denn die möchten ja auch informiert werden im Falle des Falles."

Nicht nur die Kunden, auch das Milieu selbst ist enorm breit aufgefächert: Die einen verweisen auf die Freiheit der Berufswahl. Andere wiederum würden dazu gezwungen, sagt Karl Lauterbach: "Das Machtgefüge, die Abhängigkeit in der Prostitution haben in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass Prostituierte erheblichen Gefahren und Übergriffen ausgesetzt worden sind, und somit, glaube ich, sind die Konzepte gut, aber die Durchsetzbarkeit ist nicht da."

Warnung vor gesetzlichem Prostitutionsverbot

Bislang existieren weder Studien zur Ausbreitung des Coronavirus in Bordellen, noch verlässliche Angaben über die Anzahl von Zwangsprostituierten. Laut Berliner Polizei gibt es derzeit keine gestiegenen Fallzahlen von Menschenhandel mit sexueller Ausbeutung.

"Prostitution findet auch deshalb statt, weil den Prostituierten in der Vergangenheit wenig angeboten wurde, außerhalb der Prostitution." Karl Lauterbach setzt deshalb auf das so genannte "Nordische Modell", bei dem sich die Freier strafbar machen, aber nicht die Prostituierten.

16 Abgeordnete aus Union und SPD fordern in einem Brief sämtliche Landesregierungen auf, das Bordellverbot beizubehalten und lieber nach dem Vorbild Schwedens zu verfahren. Auf Nachfrage bekräftigen fast alle, die den Brief unterzeichnet haben, ihr Anliegen. Der CDU-Abgeordnete Frank Heinrich meldet sich telefonisch aus seinem Urlaubsdomizil und erklärt, die Coronakrise sei wie ein weggezogener Vorhang: Nun würden die Zustände im Prostituierten-Milieu sichtbar.

Ulle Schauws, frauenpolitische Sprecherin der Grünen (Imago / CommonLens)Ulle Schauws, frauenpolitische Sprecherin der Grünen (Imago / CommonLens)

Die Opposition protestiert: "Was ich sehr perfide finde, dass jetzt unter Corona versucht wird, zu sagen, jetzt wollen wir doch mal schauen, ob wir nicht gänzlich die Prostitution verbieten können", kritisiert Ulle Schauws. Die frauenpolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion rechnet fest mit einer neuen Grundsatzdebatte. "Also die Frage, geht es wirklich um den Schutz von Prostituierten, und um die Sorge, was ist mit ihnen, den kann ich in diesem Brief nicht erkennen."

Und wieder mal knarzen im Freudenhaus in Berlin-Tempelhof die in die Jahre gekommenen Holzdielen. Das älteste Gewerbe der Welt erlebe gerade einen Kulturwandel, davon ist Aya Velázquez überzeugt: "Zumindest auf politischer Ebene kann es sich niemand mehr erlauben, beispielsweise Witzchen über Transgender zu reißen. Das hat man ja bei Annegret Kramp-Karrenbauer sehr gut gemerkt. Sowas wird inzwischen sozial sanktioniert. Und meine Vision ist, dass wir mit der Sexarbeit ganz genau dorthin auch kommen, dass es die Wertschätzung erfährt, die ihr in meinen Augen auch zusteht."

Die nächste Debatte um die Prostitution in Deutschland ist damit nicht beendet, sondern hat gerade erst begonnen.

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