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StartseiteCampus & KarriereWenn Schüler sich Nacktfotos schicken27.11.2013

SextingWenn Schüler sich Nacktfotos schicken

Laut einer Studie hat jedes sechste Mädchen in Deutschland bereits einmal Nacktbilder versandt. Dieses sogenannte Sexting wird dabei für einige von ihnen zum Problem - zum Beispiel, wenn die Bilder für jeden im Internet sichtbar sind. Workshops an Schulen sollen über die Folgen aufklären.

Von Verena Kemna

Eine junge Frau liest etwas auf ihrem Smartphone. (picture alliance/dpa/Jens Kalaene)
Ein versendetes Nacktbild kann zu Cybermobbing führen. (picture alliance/dpa/Jens Kalaene)
Weiterführende Information

Nacktbilder aufs Handy - und dann ins Netz (DRadio Wissen, Redaktionskonferenz, 12.11.2013)

Die Diplompsychologin Julia von Weiler hat einen Namen, wenn es um Jugendschutz im Netz geht. Sie organisiert Workshops in Schulen, berät Eltern, Lehrer und Opfer, arbeitet als Vorstandsmitglied für den Berliner Verein "Innocence in danger".  Das Phänomen "Sexting" sei ein Trend, der bereits seit Jahren anhält. Erwachsene und vor allem Jugendliche stellen Nacktfotos und -Filme ins Internet.

"Sexting ist ein Phänomen, das sich seit Mitte der 2000er Jahre verbreitet hat, nämlich mit dem Siegeszug der digitalen Medien und vor allem der Smartphones in alle unsere Hosentaschen ist das Fotografieren und Versenden dieser Fotos wahnsinnig einfach geworden und das ist natürlich auch ein Trend, den Jugendliche für sich entdeckt haben."

Laut einer Studie hat jedes sechste Mädchen in Deutschland bereits einmal Nacktbilder versandt. Besonders gefährdet seien die 12- und 13-jährigen Mädchen und auch Jungen. Patricia, Eileen und Zille sind 16 Jahre alt. Sie besuchen eine 11. Klasse in der Berliner Heinrich-von-Stephan-Gemeinschaftsschule. Alle drei nutzen Smartphones, haben Erfahrung mit Facebook und sind regelmäßig im Internet unterwegs. "Sexting" ist für diese Jugendlichen tabu, davon gehört haben sie alle.

"Eine Bekannte von mir hat mal Bilder von sich ins Internet gestellt, die sehr freizügig waren und die wurde dann auf ihrer Schule von den Mitschülern sehr runtergezogen und hat sich dann auch eine lange Zeit nicht in die Schule getraut. Sie musste dann das Jahr wiederholen, aber es wurde immer schlimmer mit ihr, sie musste dann die Schule wechseln, da wurde es besser, da hat man sie mehr akzeptiert. Aber eine Zeit lang hat sie sich sehr unwohl gefühlt und ich habe gemerkt, dass sie durch die Gesellschaft und ihre Schule sehr runter gezogen wurde."

Bilder landen auf Pornoseiten

Ein falscher Klick und schon verfügen anonyme Täter über die freizügigsten Bilder und Filme. Der Druck, den sie damit auf Kinder und Jugendliche ausüben können, reicht vom Cybermobbing bis hin zum sexuellen Missbrauch und kann  bei den Opfern sogar zum Selbstmord führen. Fast 90 Prozent der Sexting-Fotos finden sich auf sogenannten parasitären, meist pornografischen Webseiten, erklärt die Psychologin Julia von Weiler.

"Wir leben ohnehin in einem Zeitalter des totalen Exhibitionismus, in dem es dazugehört, sich überall zu entblößen, wenn Sie so wollen, in jedem sozialen Netzwerk, in jedem Chatroom, überall entblößen sie sich physisch und emotional, da ist für die Jugendlichen Sexting oft gar nicht so schwerwiegend in der Überlegung." 

Auch die 16-jährige Eileen erzählt, dass die Tragödie ihrer Freundin mit einem gedankenlosen Klick begonnen hat.

"Sie hat einen Jungen toll gefunden und hat dann was Falsches angeklickt und dadurch wurden die Bilder öffentlich. Das war das Problem, dann hat jeder die Bilder gesehen, obwohl sie die nur für diese eine Person machen wollte. Sie hatte halt ein falsches Häkchen gesetzt auf Facebook und dann wurde es für alle öffentlich, das war das Problem."

Aufklärungsprogramm für Schulen

Patricia und Zille wissen von ähnlichen Geschichten. Workshops zum Thema, wie der in ihrer Schule, seien hilfreich, aber nicht ausreichend, meinen die drei 16-jährigen. Schon in der 6. Klasse sollte die Aufklärung in Sachen Cybersex und Cybermobbing beginnen, findet Eileen. Ihre Freundin Zille fragt sich, wer eigentlich die Generation Facebook aufklären soll. Die Lehrer, meint sie, seien dafür denkbar ungeeignet.

"Guck dir mal die Lehrer an, die bei uns in der Schule sitzen, die meisten haben gar kein Facebook-Profil. Es ist ja in einigen Bundesländern sogar verboten, Schule mit Facebook zu verbinden. Wer macht so was, wer klärt die Leute auf, die jetzt 10, 12, 13 sind? Machen wir das in der Schule, dann wird das nicht viel bringen, denn es gibt keinen Lehrer, der sich vernünftig bei Facebook auskennt."

Die Psychologin Julia von Weiler hat ein spezielles Aufklärungsprogramm für Schulen entwickelt. Ältere Jugendliche können sich als Ansprechpartner für die Elf-, Zwölf- und Dreizehnjährigen ausbilden lassen.  

"Ich mache immer wieder Workshops an Schulen, weil ich es wichtig finde, zu wissen, was ist da los, wie geht es denen, wo sind die unterwegs und weil ich immer wieder sehr erstaunt und erfreut darüber bin, wie diskussionsfreudig Jugendliche sind, wenn man sich auf den Weg macht, mit ihnen zu diskutieren." 

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