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StartseiteSport AktuellDie Verantwortung des organisierten Sports03.12.2019

Sexualisierte GewaltDie Verantwortung des organisierten Sports

Die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen im Sport steckt noch am Anfang. Die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung hat in Berlin Empfehlungen zur Prävention und gegen Vertuschung vorgestellt - und dabei vor allem die Sportverbände in die Verantwortung genommen.

Von Andrea Schültke

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Sabine Andresen, Vorsitzende der Aufarbeitungskommission der Bundesregierung, bei der Tagung in Berlin (Deutschlandradio / Schültke)
Sabine Andresen, Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, fordert, dass sich der "Sport seiner Verantwortung stellt" (Deutschlandradio / Schültke)
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Die Kommission um ihre Vorsitzende Sabine Andresen sieht ein Recht von Betroffenen auf Aufarbeitung und eine Pflicht der Institutionen dazu. Auch im organisierten Sport:

"Wir fordern, dass der Sport sich auch hier seiner Verantwortung stellt und Aufarbeitung überall auf den verschiedenen Ebenen auch in Angriff nimmt."

Aufarbeitung für mehr Prävention

Unter den Zuhörerinnen auch Birgit Palzkill, die unabhängige Beauftragte zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Landessportbund NRW. Der plane jetzt ein Aufarbeitungsprojekt, berichtet die ehemalige Basketballerin. Ihr ist aber auch die seit Jahren laufende Präventionsarbeit wichtig. Ohne Aufarbeitung möglicher Missbrauchsfälle der Vergangenheit ist ein Schutzkonzept für die Gegenwart und Zukunft nur schwer möglich - so die häufige Kritik. Der entgegnet sie:

"Ich glaube, dass durch präventive Maßnahmen dann überhaupt erst mal das Thema auf den Tisch kommt und dann auch eine Aufarbeitung gemacht werden kann und umgekehrt. Ich sehe das als zwei Seiten der gleichen Medaille an."

Dr. Birgitta Palzkill vom Landessportbund Nordrhein-Westfalen (Deutschlandradio / Schültke)Birgitta Palzkill vom Landessportbund NRW: Keine Prävention ohne Aufarbeitung (Deutschlandradio / Schültke)  

Persönliche Verwicklungen vieler Verantwortlicher

Wie schwierig die Verbindung von beidem in der Praxis ist, berichtet Konstanze Winterstein-Walther.  Beim Kinder- und Jugendschutzdienst Weimar hat sie einige Betroffene beraten, die sexuellen Missbrauch durch einen Turntrainer erfahren haben. Das Verfahren läuft noch. Inzwischen gibt es ein Präventionskonzept - aber die Vergangenheit sei noch nicht aufgearbeitet worden, so ihre Wahrnehmung:

"Ich glaube, das hat vor allen Dingen was ganz essenziell damit zu tun, dass die Verantwortlichen, die sich mit ihren eigenen Anteilen und Schuldfragen auseinandersetzen müssten, weiterhin in den verantwortlichen Positionen sind. Da gibt es ganz viele persönliche Verwicklungen, dass ich glaube, dass deshalb Aufarbeitung bis jetzt noch nicht möglich war."

Konstanze Winterstein-Walther vom Kinder- und Jugendschutzdienst Känguru (Deutschlandradio / Andrea Schültke)Konstanze Winterstein-Walther vom Kinder- und Jugendschutzdienst: "Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet" (Deutschlandradio / Andrea Schültke)

Große Verbände in der Pflicht

Ein Beispiel für Strukturen im Sport, die sexuellen Missbrauch begünstigen. Auch das zu erkennen ist Teil der Aufarbeitung. Sportsoziologin Bettina Rulofs plädiert dafür mit der Aufarbeitung zunächst in der Spitze anzusetzen, also bei großen Verbänden:

"Ich denke, das ist eine der nächsten Aufgaben im Bereich einer ernsthaften Bearbeitung von sexualisierter Gewalt. Dass sich die Sportverbände auch um das Thema Aufarbeitung kümmern. Und sie haben jetzt mit den vorgelegten Empfehlungen endlich auch Ansatzpunkte, mit denen Sie weiterarbeiten können."

Die heute vorgestellte Broschüre enthält praktische Tipps von der Zusammenstellung der Teams über rechtliche Fragen bis hin zu Entschädigungszahlungen. Eine der wichtigsten Empfehlungen: Betroffene in den Aufarbeitungs-Prozess einbinden.

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