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StartseiteThemaWarum das zurückgehaltene Gutachten brisant ist23.03.2021

Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Köln Warum das zurückgehaltene Gutachten brisant ist

Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln wurden zwei Gutachten erstellt. Das erste, zunächst zurückgehaltene, wurde nun doch zur Einsicht freigegeben. Dass es in zwei Punkten über das offizielle Gutachten hinausgeht, könnte erklären, warum es unter Verschluss gehalten wurde. Ein Überblick.

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, geht nach einer Pressekonferenz zur Vorstellung eines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch (dpa/AFP Pool/Ina Fassbender)
Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki hatte zwei Gutachten in Auftrag gegeben (dpa/AFP Pool/Ina Fassbender)
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Knapp eine Woche nach der Vorstellung des Gutachtens der Anwaltskanzlei Gercke & Wollschläger über den Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki auch das erste, ein Jahr lang unter Verschluss gehaltene Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) zur Einsicht frei gegeben. Das WSW-Team belastet ebenso wie die Gercke-Anwälte mehrere lebende und verstorbene katholische Kirchenvertreter, darunter Erzbischöfe und Generalvikare. 

Das WSW-Gutachten geht darüber hinaus aber auch mit dem System Kirche ins Gericht. Gegen den amtierenden Erzbischof Woelki werden in beiden Gutachten keine Vorwürfe erhoben. Woelki war vorgeworfen worden, den Prozess der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in seinem Erzbistum zu verschleppen, da er das WSW-Gutachten von März 2020 zurückgehalten hatte.

Zudem lautete ein Vorwurf, dass er einen nachgewiesenen Fall sexualisierter Gewalt durch einen Priester nicht nach Rom gemeldet hatte. Bereits im Jahr 2010 hatte Papst Benedikt verfügt, dass jeder Fall von sexualisierter Gewalt durch Priester nach Rom zu melden ist.

Im September 2018 hatte die Deutsche Bischofskonferenz eine bundesweite Studie zu Missbrauch[*] an Minderjährigen durch katholische Geistliche vorgestellt. Demnach finden sich in untersuchten Kirchenakten aus den Jahren 1946 bis 2014 Hinweise auf bundesweit 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe sowie auf 1.670 beschuldigte Priester, Diakone sowie Ordensleute.

Für das Erzbistum Köln führt die Studie mindestens 135 potenzielle Opfer und 87 beschuldigte Priester auf.

Zwei Gutachten - die Vorgeschichte

Im Dezember 2018 beauftragte der Kölner Erzbischof Woelki die Münchener Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) mit einem Gutachten. Es sollte unter anderem aufzeigen, wie Verantwortliche im Erzbistum mit Missbrauchsanschuldigungen umgegangen sind. Zudem sollte geklärt werden, ob die Diözesanverantwortlichen bei potenziellen Missbrauchsfällen im Einklang mit kirchlichem und staatlichem Recht gehandelt haben.

Am 10. März 2020 – zwei Tage vor dem geplanten öffentlichen Termin –  sagte das Erzbistum Köln die Vorstellung des Gutachtens kurzfristig ab. Die damalige Begründung: Zuvor müsse die vorgesehene Nennung von Verantwortlichen in äußerungsrechtlicher Hinsicht abgesichert werden, das Bistum befürchte Rechtsstreitigkeiten mit namentlich genannten Personen.

  (imago stock&people / Michael Gottschalk) (imago stock&people / Michael Gottschalk)Der Priester, der Kardinal und die Kinder
Ein Pfarrer, so der Verdacht, soll sich mehrfach schwer an Kindern vergangen haben – zum ersten Mal 1986. Eine Recherche im Hoheitsgebiet der Kardinäle Meisner und Woelki.

Ende Oktober 2020 teilte das Erzbistum schließlich mit, dass das Gutachten der Münchener Kanzlei WSW nicht veröffentlich werden soll – wegen gravierender "methodischer Mängel". Westpfahl Spilker Wastl weist die Vorwürfe zurück. Stattdessen wurde der Kölner Strafrechtler Björn Gercke (Kanzlei Gercke & Wollschläger) mit der Erstellung eines neuen Gutachtens beauftragt. Am 18. März 2021 stellten Gercke und sein Team das zweite Gutachten vor. 

Obwohl das Gercke-Gutachten Kardinal Woelki entlastete, sah sich der Erzbischof weiter Kritik ausgesetzt. Nach massivem Druck gab er schließlich auch das WSW-Gutachten ab dem 25. März 2021 zur Einsicht frei - allerdings unter strengen Auflagen, die nach neuerlicher heftiger Kritik abgeschwächt wurden. Zunächst hätten sich Journalistinnen und Journalisten per Unterschrift verpflichten müssen, aus dem WSW-Gutachten gar nicht zu zitieren. Damit hätte das Erzbistum Köln weitreichende rechtliche Möglichkeiten bekommen, gegen eine Bericherstattung vorzugehen.

Schließlich mussten Journalistinnen und Journalisten mit ihrer Unterschrift nur noch bescheinigen, "dass einem die äußerungsrechtlichen Risiken bewusst sind", erläuterte Christiane Florin, die als Redakteurin für Religion und Gesellschaft im Deutschlandfunk die Chance wahrnahm, das WSW-Gutachten in Augenschein zu nehmen. Dazu war eine elektronische Voranmeldung in einem Ticketingsystem notwendig, beim dem auf 90 Minuten begrenzten Termin waren außerdem nur Stift und Notizblock erlaubt, Mobilfunkgeräte durften nicht mitgeführt werden. "Gesamt fand ich das alles skurril", so das Fazit von Florin. "Ich habe so etwas noch nicht erlebt."

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, sitzt bei der ökumenischen Andacht zum Beginn der Passionszeit auf einer Bank.  (dpa / picture alliance / Marcel Kusch) (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)Journalisten kritisieren Auflagen des Erzbistums Köln 
Nach mehrmaligem Verschieben von Presseterminen gibt es weiterhin Streit um den Umgang mit dem noch unveröffentlichte Münchener Gutachten. Das Erzbistum Köln behindere die Berichterstattung, meint Dlf-Redakteurin Christiane Florin.

Das veröffentlichte Gutachten

Am 18. März 2021 stellten der Strafrechtler Björn Gercke und sein Team das zweite Gutachten vor. Das ausdrückliche Untersuchungsziel dieses Gutachtens sei es, "Verantwortliche zu identifizieren und im Zuge der Veröffentlichung zu benennen", hatte die Pressestelle des Erzbistums Köln im Dezember  2020 dem Deutschlandfunk mitgeteilt.

Kardinal Rainer Maria Woelki hält das Gutachten kurz nach der Veröffentlichung in der Hand. (picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Ina Fassbender) (picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Ina Fassbender)Kirchenkritiker Frerk: "Kirche definiert selber, welche Akten sie freigibt"
Kardinal Woelki werde seinem hohen Anspruch nicht gerecht, den Umgang mit sexueller Gewalt im Erzbistum aufzuklären, sagte Kirchenkritiker Carsten Frerk im Dlf. Das Gutachten basiere auf Quellen, die das Bistum vorsortiert habe.

Das 895 Seiten umfassende Gutachten belastet mehrere Kirchenvertreter schwer, darunter den verstorbenen Kardinal Joachim Meisner und den früheren Generalvikar in Köln und amtierenden Hamburger Erzbischof Stefan Heße. Die Pflichtverletzungen beziehen sich nach den Erkenntnissen der Kanzlei auf 14 in den Akten des Erzbistums dokumentierte Missbrauchsfälle. Meisner soll gegen die Aufklärungs-, Meldungs-, Sanktions-, Verhinderungspflicht und die Pflicht zur Opferfürsorge verstoßen haben. Auf ihn kommen demnach allein 24 der insgesamt festgestellten 75 Pflichtverstöße, also knapp ein Drittel. Beim Kölner Kardinal Woelki sehe man dagegen keine Pflichtverletzungen.

Für das Gutachten wurde laut Kanzlei der Zeitraum zwischen 1975 und 2018 untersucht. Es ermittelte 202 Beschuldigte und 314 Betroffene. Bei fast der Hälfte der Fälle handele es sich um sexuellen oder schweren sexuellen Missbrauch. Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder seien unter 14 Jahre alt gewesen, ein Großteil davon Jungen. Viele Taten hätten bereits vor 1975 stattgefunden, seien aber erst mit Aufkommen der Missbrauchsdebatte 2010 gemeldet worden. Das Gutachten wurde der Staatsanwaltschaft Köln übermittelt, um die Ermittlungsergebnisse nach weltlichem Recht zu prüfen. In keinem einzigen Fall attestieren die Gutachter den Verantwortlichen Strafvereitelung im strafrechtlichen Sinn.

Erhebliche Mängel in der Aktenführung

Gercke und die Co-Autorin der Studie, Kerstin Stirner, bescheinigen den Verantwortlichen eine große Rechtsunkenntnis und eine desaströse Aktenlage. Es habe erhebliche Mängel in der Aktenführung gegeben, Akten wären auf Anfrage nachgereicht worden oder hätten gefehlt. Die Geschehnisse könnten nicht lückenlos aufgeklärt werden. Man könne nur Dinge begutachten, die sich in Akten widerspiegeln, betonten sie. Auch die Münchener Kanzlei WSW hatte zuvor Defizite in der Aktenführung moniert.

Einschätzung des Gutachtens

Nach Lektüre des Gutachtens sagte Christiane Florin, Redakteurin für Religion und Gesellschaft im Dlf: "Wenn Sie das alles lesen, in dieser nüchternen, sachlichen Juristensprache, dann passiert glaube ich bei den meisten genau das, was die Gutachter so sorgsam vermeiden wollten: Es steigen Emotionen hoch, regelrecht Ekel. Was wird da für eine Kirche sichtbar? Eine Kirche, deren Hierarchen Opfer noch einmal erniedrigen, die Täter schützt im Namen der 'Brüderlichkeit im Nebel', von der Meissners Dossier spricht. Eine Kirche, in der Vertuscher behaupten, sie hätten das Recht nicht gekannt. Eine Kirche, in der Vorschriften aus dem Vatikan so geheim waren, dass hohe Kleriker sie angeblich nicht kennen konnten. Es kann eigentlich nicht sein, dass hier nur einzelne ihren Pflichten nicht nachgekommen sind. Es kann nicht sein, dass hier nur Akten unsortiert waren. Sichtbar wird ein System, das moralisch völlig unsortiert, ja verkommen ist."

Der moralische Anspruch, den die Kirche hat, werde in diesem Gutachten ausgeblendet, so Florin. Zur Aufarbeitung würde aber genau das dazugehören.

Der Kölner Kölner Erzbischofs Rainer Maria Woelki (r) nimmt am 20.09.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen) von seinem Vorgänger Kardinal Joachim Meisner (l) den Petrusstab entgegen. Mit einem Gottesdienst ist der neue Kölner Erzbischofs Rainer Maria Woelki in sein Amt eingeführt worden. Foto: Oliver Berg/dpa ++ (picture alliance / dpa | Oliver Berg) (picture alliance / dpa | Oliver Berg)Florin: "Es steigen Emotionen hoch, regelrecht Ekel" 
In der sachlichen Juristensprache des Gutachtens zum Umgang mit sexueller Gewalt im Erzbistum Köln werde ein System sichtbar, das moralisch verkommen sei, sagt Dlf-Kirchenexpertin Christiane Florin. 

Konsequenzen für hohe Kleriker

Woelki zog unmittelbar nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens Konsequenzen und entband Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und den langjährigen Offizial Günter Assenmacher von ihren Aufgaben. Ihnen waren in dem Gutachten Pflichtverletzungen attestiert worden. Schwaderlapp und der ebenfalls schwer belastete Hamburger Bischof Heße boten zudem Papst Franziskus ihren Rücktritt an.

"Es hat mich überrascht, dass schon die Namen derjenigen genannt wurden, die beurlaubt werden sollen", sagte Christiane Florin, angesichts der Tatsache, dass Woelki der Inhalt des Gutachtens angeblich vor der Pressekonferenz noch nicht bekannt war. Florin kritisierte, dass die Aufklärung nicht unabhängig, also von außen, gekommen sei:

"Was gar nicht stattgefunden hat, ist die Auseinandersetzung mit der Frage: Wie war diese massive Vertuschung über Jahrzehnte möglich? Was sind da systemisch begünstigte Faktoren? Das kann doch nicht allein die chaotische Aktenführung sein. Dieser Debatte möchte man sich im Erzbistum Köln nicht so gerne stellen."

Einen Tag nach Veröffentlichung des Gutachtens, am 19. März 2021, stellte Woelki auch Weihbischoff Ansgar Puff von seinen Aufgaben frei. Puff habe um diesen Schritt gebeten, erklärte das Erzbistum. Das Gutachten listet eine Pflichtverletzung Puffs auf, nennt ihn allerdings nicht namentlich. In seiner Zeit als Personalchef im Erzbistum zwischen 2012 und 2013 soll Puff in einem Fall gegen die Aufklärungspflicht verstoßen haben.

Andere Vorgehensweise als Münchener Kollegen

Weil das Team um Gercke die Herangehensweise der Münchener Kanzlei WSW nach eigener Aussage in Teilen nicht nachvollziehen konnte, fertigte der Kölner Strafrechtler letztendlich ein komplett neues Gutachten an. So wurden nicht nur exemplarisch 15 Missbrauchsfälle herausgepickt wie beim ersten Gutachten, sondern alle Fälle in Kurzform dargestellt. Zudem wurde auch der Mittelbau untersucht. "In einem Unternehmen würde man sagen: die mittlere Managementebene", sagte Gercke bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Gutachtens. Gercke betonte, ein juristisches Gutachten erstellt zu haben. Es sei auf Basis von Akten und Befragungen von Kirchenvertretern erfolgt. 

  (picture alliance / dpa / Friso Gentsch) (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)Kirchenaktivistin: Da entblößt sich das hässliche Gesicht der Kirche
Die Skandale rund um den Kölner Kardinal Woelki zeigten , wie das System der katholischen Kirche funktioniere, sagte Lisa Kötter, Mitgründerin der Bewegung Maria 2.0, im Dlf. Es gehe um Macht, Geld und Einfluss.

Reaktionen auf das Gutachten

Die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch" forderte im Dlf eine unabhängige Aufarbeitung der Vorwürfe. "Wir beklagen, dass wieder die Kirche als Auftraggeber, der Erzbischof, der ja potenziell selber kritisch zu prüfen sein wird in seinem Verhalten, diejenigen sind, die das Gutachten auf den Weg gebracht haben", sagte Sprecher und Mitbegründer Matthias Katsch. Er habe größte Zweifel, dass man einen Komplex nur durch Aktenstudien aufklären könne. Man hätte auch mit Betroffenen sprechen müssen. 

Das zurückgehaltene WSW-Gutachten

Das Gutachten von Westpfahl Spilker Wastl unterscheidet sich zunächst rein quantitativ von demjenigen der Kölner Kanzlei Gercke & Wollschläger: Es hat einen Umfang von lediglich 512 Seiten und stellt auf denen auch weniger Pflichtverletzungen fest, nämlich 67 (bei Gercke sind es 75 konkrete Pflichverletzungen). Das WSW-Team belastet zudem die gleichen sechs Amtsträger, die auch das Kölner Gutachten namentlich benennt. Der Gercke-Report beleuchtet zusätzlich die Rolle von zwei weiteren Personen, allerdings ohne ihren Namen zu nennen.

Anders als das Gutachten des Gercke-Teams liefert die Münchner Kanzlei jedoch keine rein juristische Betrachtung, sondern auch eine moralische Bewertung. Nicht Pflichtverstöße würden als das Hauptproblem benannte, sondern, "dass offenbar an der Spitze des Erzbistums nicht ein Minimum an Menschlichkeit geherrscht hat", sagte Dlf-Redakteurin Florin nach dem 90-minütigen Studium des WSW-Gutachtens. Zudem nimmt es das System Kirche ins Visier und macht weitreichende Empfehlungen.

Einschätzung des Gutachtens

Westpfahl Spilker Wastl bezögen die Frage, die sich die Kirche selbst stelle, nämlich die nach den ethischen Pflichten, mit in ihre Betrachtung ein, so die Einschätzung von Dlf-Redakteurin Florin. Dieser Aspekt bleibe beim Gercke-Gutachten völlig ausgeklammert, das lediglich beschreibe, was unter dem juristischen Blickwinkel vorgefunden wurde. Zum Gutachterauftrag habe aber gerade auch das sogenannte kirchliche Selbstverständnis gehört, merkt Florin an. Und das hätten WSW in ihre Bewertung miteinbezogen.

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, sitzt bei der ökumenischen Andacht zum Beginn der Passionszeit auf einer Bank.  (dpa / picture alliance / Marcel Kusch) (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)Einblicke in das zurückgehaltene Missbrauchsgutachten
Das von Kardinal Rainer Maria Woelki zurückgehaltene Missbrauchsgutachten durfte jetzt doch von Journalistinnen und Journalisten eingesehen werden. Welche neuen Erkenntnisse liefert es?

Die Führungskräfte des Erzbistums würden im WSW-Gutachten auch an ihren ethisch-moralischen Pflichten gemessen, was zu Bewertungen wie "völlig verfehlte Grundhaltung" oder eine "einseitig mitbrüderliche Haltung" führe. Florin: "Das heißt, man hatte mehr Mitgefühl mit den Priestern, die, ich sage es mal jetzt drastisch, vergewaltigt haben, als mit den Kindern, den Jugendlichen oder denen, die sich als Erwachsene gemeldet haben."

In einem weiteren Punkt gehen Westpfahl Spilker Wastl über den Gercke-Report hinaus: "Sie haben versucht, ein Machtsystem zu beschreiben", analysiert Florin. Sexualisierte Gewalt, Vertuschung, Ignoranz und Empathielosigkeit gegenüber den Opfern, all das sei auch Machtmissbrauch. Nur so sei zu verstehen, warum das System so viele Jahrzehnte lang so geräuschlos funktioniert habe, auch noch nach 2010, als die Öffentlichkeit und die Medien bereits genauer hingeschaut hätten.

"Man glaubte, die Macht zu haben, dass das nie öffentlich wirklich diskutiert werden kann, dass diese Pflichtverletzungen, aber eben auch dieses ganze Unrecht, was den Opfern geschied, dass das nicht wirklich öffentlich thematisiert wird", sagt Florin und kommt zu dem Schluss: "Man blickt da wirklich offen in ein Unrechtssystem, das nicht nur doppelmoralisch ist, sondern auch unmoralisch."

Was das WSW-Gutachten so brisant macht

Brisant am WSW-Gutachten sind weniger die Dokumentation des Fehlverhaltens Einzelner, was ja schon aus dem Gercke-Gutachten bekannt war, sondern die Empfehlungen am Ende des Reports. Angeregt wird eine kritische Überprüfung des priesterlichen Selbstverständnisses und eine Reform der Priesterausbildung. Ein Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und der vorgeschriebenen Ehelosigkeit der Priester sei nach derzeitigem Kenntnisstand zwar nicht nachweisbar, müsse aber näher untersucht werden.

Diskussionswürdig sei auch die teils geradezu paranoide Angst der Kirche vor Öffentlichkeit und der damit verbundene Hang zur Geheimhaltung. "Und ganz zum Schluss kommt auch das Wort von den Männerbünden vor. Und das sind natürlich alles Gedanken, die im Erzbistum Köln nicht willkommen sind", sagt Florin. Kardinal Woelki habe zwar mit der Person Meißner, seinem Ziehvater, in gewisser Weise Schluss gemacht hat. Dass aber weiterhin nicht über die Insitution und die Struktur im Erzbistum gesprochen werde, zeige, dass mit dem System Meißner und dessen Ideologie in Köln noch lange nicht Schluss sei.

Konkret empfehlen die Gutachter weiter die Begrenzung der Amtszeit etwa des Generalvikars – des Verwaltungschefs eines Bistums – die Professionalisierung von Leitungsfunktionen und eine lückenlose Aktenführung. Unverzichtbar sei zudem der direkte Kontakt kirchlicher Verantwortungsträger mit den Opfern des Missbrauchs. Sie müssten sich dem Leid aussetzen, das diese Menschen erfahren hätten.

Woelki und der Verdachtsfall gegen Düsseldorfer Priester 

Auch Woelki war vorgeworfen worfen, 2015 den Verdachtsfall gegen den Düsseldorfer Priester O. wegen schweren sexuellen Missbrauchs nicht an den Vatikan gemeldet haben. Als Gründe galten damals der Gesundheitszustand des Verdächtigen und die Ablehnung des Opfers für eine Aussage. Der Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller nannte das im Deutschlandfunk eine "glatte Unwahrheit".

  (picture alliance / AP / Martin Meissner) (picture alliance / AP / Martin Meissner)Kirchenrechtler: "Es ist ein moralischer Tiefpunkt erreicht"
Kardinal Woelki steht für seinen Umgang mit einem Kindesmissbrauch-Verdachtsfall in der Kritik. Woelki habe entgegen seiner Aussagen keinerlei Anstrengungen für die Aufklärung unternommen, sagte der Theologe Thomas Schüller. 

Dass Woelki den Fall sexuellen Missbrauchs 2015 nicht nach Rom gemeldet habe, sei ein klarer Rechtsbruch sowie ein Bruch mit den eigenen Leitlinien und mit päpstlichen Normen, sagte der Journalist Joachim Frank im Deutschlandfunk. Der Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe hat im "Kölner Stadt-Anzeiger" ausführlich über den Verdachtsfall berichtet.

Kardinal Woelki habe den mittlerweile verstorbenen potenziellen Täter aus persönlichen Gründen geschützt, so Frank. "Er hat den Pfarrer, mit dem er seit Jahrzehnten gut befreundet war – der war so eine Art Mentor von ihm – 2012 noch mit zur Kardinalserhebung nach Rom genommen und hat dann, als er 2015 Erzbischof von Köln war, sich den Fall noch einmal kommen lassen und erneut entschieden, diesmal in seiner Verantwortung, dass nichts unternommen wird, dass nicht untersucht wird." 

  (picture alliance / Günther Ortmann) (picture alliance / Günther Ortmann)Rücktritt Woelkis wäre "notwendiges Zeichen der Reinigung"
Kardinal Woelki steht nach Recherchen des Journalisten Joachim Frank im Verdacht, einen Fall sexuellen Missbrauchs vertuscht zu haben: Woelki habe den Täter aus persönlichen Gründen geschützt. 

Einschätzungen zu Woelkis Rolle

Beide Gutachten stellen keinerlei Pflichtverletzungen Woelkis fest. Die Pressekonferenz zum Gercke-Gutachten sei eine Art Inszenierung gewesen, in der Woelki als der große Aufklärer dargestellt worden sei, sagt Dlf-Rdakteurin Florin. Mit dieser Erzählung vom "Aufklärer Woelki" habe der Erzbistum bislang Erfolg: "Der Säulenheilige Meißner wurde vom Sockel gekippt und Woelki ist dann auf dieses Podest gestiegen und hat gesagt: So, ich bin der Aufklärer."

Das sei allerdings nicht glaubwürdig, weil Woelki ein Mann des Systems Meisner gewesen sei. Bei der Frage nach der Mitwisserschaft, auch nach der ethischen Hilfspflicht, stoße diese Inszenierung an ihre Grenzen, so Florin. Doch als Erzbischof habe er "eine ihm ganz eigene Macht". Er müsse nicht aufgrund öffentlichen Drucks wie ein Politiker zurücktreten, da er keiner Öffentlichkeit wirklich verpflichtet sei.

Kardinal Rainer Maria Woelki hält sich bei der Vorstellung des Gutachtens die Hand an den Kopf (picture alliance/ASSOCIATED PRESS|Ina Fassbender) (picture alliance/ASSOCIATED PRESS|Ina Fassbender)Gutachten zu sexueller Gewalt - Kirchenrechtler: Sehr wahrscheinlich, dass Woelki von Fällen wusste
"Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" habe Kardinal Rainer Maria Woelki in seiner Zeit als Kölner Weihbischof Kenntnis über Vorwürfe zu sexueller Gewalt gehabt, sagte der Kirchenrechtler Bernhard Anuth im Dlf. Das Gutachten laste ihm keine Schuld an, weil er damals kein Entscheider war.

Welche strukturellen Konsequenzen sollen gezogen werden?

Bei einer Folge-Pressekonferenz am 23. März 2021 räumte Woelki eine "systembedingte Vertuschung" im Erzbistum Köln ein. Das Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gegen Priester habe dies nachgewiesen. "Das hätte so nie passieren dürfen", so Woelki. Weitere Taten gelte es in Zukunft zu verhindern.

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, kommt zu einer Pressekonferenz des Erzbistum Köln zur Vorstellung der Konsequenzen aus dem vergangene Woche veröffentlichten Missbrauchsgutachten des Strafrechtlers Gercke. (picture alliance/dpa/dpa-Pool | Oliver Berg)Woelki bei der Pressekonferenz am 23. März (picture alliance/dpa/dpa-Pool | Oliver Berg)

Deshalb stellte Woelki gemeinsam mit Generalvikar Markus Hoffmann einen Acht-Punkte-Maßnahmenkatalog vor. In einem langem, mit Bibel-Zitaten gespickten Vortrag, versprachen die Kirchenmänner unter anderem einen "echten Wandel in unserer Haltung" (Woelki). Einen Rücktritt lehnte er ab: "So ein Rücktritt wäre nur ein Symbol", sagte der Kardinal. Es wäre aber besser gewesen, wenn er den Fall O. nach Rom gemeldet hätte, so Woelki.

Konkret angekündigt wurde die Arbeit einer unabhängigen Aufarbeitungs-Kommission und Anerkennungszahlungen an Betroffene in einem Gesamtvolumen von bis zu sechs Millionen Euro. Dieses Geld kommt laut Erzbistum nicht aus dem Kirchensteuer-Aufkommen, sondern aus einem Sondervermögen, das sich aus freiwilligen Abgaben von Klerikern speist. Die Bischofskonferenz hatte die Höhe der Anerkennungszahlungen von zuvor in der Regel 5.000 Euro erhöht und sich auf eine Leistungssumme von bis zu 50.000 Euro verständigt.

Weitere Versprechen: Mehr Prävention, mehr Kontrolle von bereits negativ aufgefallenen Geistlichen, eine bessere Intervention bei Verdachtsfällen, eine Fortführung des Betroffenen-Beirats sowie mehr psychologische Betreuung in der Priesterausbildung. Auch die vielkritisierte Aktenführung soll verbessert werden. Woelki sagte, Akten sollten nicht mehr manipuliert oder vernichtet werden dürfen. Zudem sollen Akten nicht mehr "hinter den Schrank fallen".

[*] Der Begriff "Missbrauch" bzw. "sexueller Missbrauch" im Zusammenhang mit Minderjährigen wird in der öffentlichen Diskussion bislang häufig verwendet. Nach Ansicht der Redaktion ist der Begriff jedoch irreführend, da er fälschlicherweise suggeriert, dass es auch einen sexuellen Gebrauch Minderjähriger geben könne. In diesem Text wird deshalb überwiegend die Formulierung "sexualisierte Gewalt an Minderjährigen" verwendet.  

Quellen: Deutschlandfunk, KNA, dpa, Rheinische Post, Christiane Florin, jma, og, tei

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