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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Gutachten, das schonungslos Namen benennt18.03.2021

Sexualisierte Gewalt in der KircheEin Gutachten, das schonungslos Namen benennt

Ein neues Rechtsgutachten zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Geistliche im Bistum Köln liegt nun vor. Es sagt nichts über das Leid der Opfer, kommentiert Andreas Main. Aber es würden schonungslos Namen genannt. Auf dieser Basis lasse sich weiterdenken.

Ein Kommentar von Andreas Main

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Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, nimmt an einer Pressekonferenz zur Vorstellung eines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch teil. Ein Jahr lang hat der Kölner Kardinal Woelki ein Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen zurückgehalten. Nun wird eine neue Untersuchung vorgestellt. (picture alliance/dpa/AFP Pool | Ina Fassbender)
Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, hat ein Gutachten zum Umgang mit Vorwürfen sexualisierter Gewalt zurückgehalten und eine neue Untersuchung beauftragt, die nun vorgestellt wurde (picture alliance/dpa/AFP Pool | Ina Fassbender)
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Das war ein Freispruch erster Klasse. Zumindest, was Kardinal Rainer Maria Woelki betrifft. Freispruch – diesen Begriff würde mir Strafrechtler Björn Gercke um die Ohren hauen, der jenes Gutachten vorgestellt hat, das Pflichtverletzungen von Amtsträgern im Erzbistum Köln untersucht. Denn er ist natürlich kein Richter.

Und doch ist das juristische Gutachten ein Freispruch erster Klasse für Woelki – zumindest im übertragenen Sinne. Denn bei ihm sehen Gercke und sein Team keine einzige Pflichtverletzung. Ganz anders bei seinen Vorgängern. Bei Kardinal Joseph Höffner seien es acht, bei Kardinal Joachim Meisner, seinem legendären Nachfolger, der heftige Reaktionen von Verehrung bis Verachtung auslöste, seien es sage und schreibe 24 Pflichtverletzungen. Ein Drittel aller Pflichtverletzungen in knapp 50 Jahren gehen auf seine Kappe. Er hat demnach Fälle nicht nach Rom gemeldet, er hat sich nicht genug für die Opfer eingesetzt und so weiter.

Die Türme des Kölner Doms, gesehen vom rechtsrheinischen Deutzer Ufer aus. (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres) (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Köln - Zwei Gutachten und viele Vorwürfe 
Das neue Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln findet Hinweise auf Beschuldigte und Betroffene sowie Pflichtverletzungen durch den ehemaligen Erzbischof Meisner - nicht aber durch Kardinal Woelki. Ein Überblick.

System Meisner

Man muss wohl von einem System Meisner sprechen. Die Aktenführung im Erzbistum, so die Einschätzung der Gutachter, war intransparent – in meinen Worten: eine Katastrophe. Das ging im System Meisner so weit, dass der Bischof parallel zu den Personalakten in einem Extra-Ordner Akten über Priester aufbewahrte, die im Verdacht standen, nicht so zu leben, wie es von Priestern erwartet wird. Dieser Ordner, so die Gutachter, hatte den Titel: "Brüder im Nebel".

Kardinal Rainer Maria Woelki hält das Gutachten kurz nach der Veröffentlichung in der Hand. (picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Ina Fassbender) (picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Ina Fassbender)Kirchenkritiker Frerk - "Kirche definiert selber, welche Akten sie freigibt"
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki werde seinem hohen Anspruch nicht gerecht, den Umgang mit sexueller Gewalt im Erzbistum aufzuklären, sagte der Kirchenkritiker Carsten Frerk im Dlf. Das ändere auch das veröffentlichte Gutachten nicht. 

Man muss auch deshalb von einem System Meisner sprechen, weil die meisten der übrigen knapp zehn Amtsträger, denen Pflichtverletzungen bescheinigt werden, unter Meisner groß geworden sind und zu Generalvikaren oder Personalchefs wurden. Zwei von ihnen, einen amtierenden Weihbischof und einen Kirchenrichter, hat Woelki noch in der Pressekonferenz und noch vor der Lektüre des 800 Seiten umfassenden Gutachtens vorläufig von ihren Aufgaben entbunden. Ein weiterer hochrangiger Bischof aus dem System Meisner ist Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg. Ihm bescheinigt das Gutachten elf Pflichtverletzungen aus der Zeit in Köln. Er hat dem Papst inzwischen seinen Rücktritt angeboten und dürfte kaum mehr zu halten sein.

Die beiden Kölner Kardinäle Woelki (l.) und Meisner (r., 2017 verstorben) auf der Deutschen Bischofskonferenz 2013 (imago stock&people / Michael Gottschalk)Die beiden Kölner Kardinäle Woelki (l.) und Meisner (r., 2017 verstorben) auf der Deutschen Bischofskonferenz 2013 (imago stock&people / Michael Gottschalk)

Gründlich ausmisten

Dieses Gutachten sagt nichts über das Leid der Menschen, denen von kriminellen Priestern und Laien in der katholischen Kirche Schaden zugefügt wurde. Aber es ist das erste Gutachten dieser Art in Deutschland, das schonungslos Namen benennt. Ein Paukenschlag, der aufrüttelt. Auf dieser Basis lässt sich weiterdenken. Aber dafür muss das Gutachten gelesen werden, bevor man es als unzureichend runtermacht.

Die Lektüre braucht Zeit. Und da müssen wir uns, muss ich mich medienkritisch fragen, ob ich nicht auch zu denen gehöre, die urteilen und verurteilen, die kommentieren und richten oder freisprechen, ohne einen tiefen Einblick zu haben. Denn selbstverständlich habe ich die heute veröffentlichten 800 Seiten auch noch nicht ganz lesen können. Und dennoch sage ich: Befreiungsschlag, Freispruch für Woelki und zugleich der dringende Appell, den Laden gründlich auszumisten - oder feiner formuliert, an den systeminhärenten Schwächen in der Verwaltung eines Bistums zu arbeiten. Damit die Brüder und Schwestern nicht weiter im Nebel stochern.

Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main ist Redakteur der Redaktion Religion und Gesellschaft des Deutschlandfunks. Er studierte Katholische Theologie und Geschichte in Münster. Nach dem Volontariat bei der Katholischen Nachrichten-Agentur arbeitete er als Redakteur beim Lokalfunk, danach als freier Journalist für den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle.  

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