Sonntag, 04. Dezember 2022

Kommentar zu sexualisierter Gewalt im Sport
Es braucht unabhängige Anlaufstellen für Betroffene

Die Berichte von Betroffenen sexualisierter Gewalt zerstören das positive Bild vom nur gesunden, wertevermittelnden und fairen Sport, kommentiert Andrea Schültke. Die Betroffenen hätten ein Recht auf Aufarbeitung - und auf Entschädigungszahlungen.

Ein Kommentar von Andrea Schültke | 27.09.2022

Im Bundesfamilienministerium wird die Studie «Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Kontext des Sports» vorgestellt. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs informiert über die Befragung von Zeitzeuginnen und Betroffenen zu sexuellem Kindesmissbrauch im Freizeit-, Leistungs- oder Schulsport.
Am 27. September wurde die Studie über sexualisierte Gewalt im Sport vorgestellt (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Die Ergebnisse der Studie sind nicht überraschend. Wer zuhören wollte, wusste es längst:  Nicht nur Familien, Kirchen und Internate sind Tatorte, der Sport ist es auch. Diese Erkenntnis gibt es nicht erst seit heute. Studien belegen längst das Ausmaß physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt im Leistungs- und Breitensport.  Aber nun gibt es auch die Erfahrungsberichte hinter den Zahlen.
72 Betroffene haben ihre Leidens- oder Überlebensgeschichte erzählt und der Kommission zur Verfügung gestellt. Die meisten von ihnen beschreiben schwerste Verbrechen, die ihnen als Kinder und Jugendliche im Sport widerfahren sind und das nicht nur einmal. Sie berichten von seelischen und körperlichen Schmerzen, Depressionen und Selbstmordversuchen. Und sie sprechen von Menschen im Sport, die ihnen nicht zugehört und nicht geglaubt haben.

Es muss unzählige Betroffene geben

Das wiegt schwer, denn der Sport ist die größte Freizeitbewegung in Deutschland. Die Hälfte aller Mädchen und 60 Prozent aller Jungen sind in einem Sportverein aktiv. Es muss also unzählige Betroffene geben, die im Sport schwere Gewalt erfahren haben. Diese Geschichten der Betroffenen zerstören das positive Bild und die Erzählung vom nur gesunden, wertevermittelnden und fairen Sport.
Selbstverständlich hat der Sport diese positive Seiten, auch die Betroffenen haben ihn geliebt. Dennoch hat er bei ihnen und unzähligen anderen großes Leid hinterlassen. Wie hat sich der organisierte Sport bisher damit auseinandergesetzt? Mit Schutzkonzepten, von denen nicht einmal klar ist, ob sie überhaupt wirken.  „Flucht in die Prävention“, nennt das ein Experte. Dabei hilft nur der Blick zurück in die Vergangenheit, um wirklich wirksame Maßnahmen zu entwickeln, die sexualisierte Gewalt in der Zukunft verhindern können. Die Geschichten der 72 Menschen müssen der Anstoß zum Handeln sein. Sie alle haben ein Recht auf eine Aufarbeitung, bei der auch die Frage der Entschädigungszahlungen nicht ausgeklammert werden darf.

Was Politik und Sport den Menschen schuldig sind

Es braucht vom Sport unabhängige Anlaufstellen für Betroffene, externe juristische Bearbeitung von Fällen und Sanktionsmöglichkeiten von Tätern außerhalb der Verbände und Vereine. Diese Aufgaben könnte ein sogenanntes „Zentrum für Safe Sport“ übernehmen. Das im Koalitionsvertrag festgeschrieben und im Aufbau ist. Sinnvoll arbeiten kann diese unabhängige Institution aber nur, wenn sie mit den notwendigen finanziellen Mitteln ausgestattet ist. Das sollte die Politik übernehmen, aber der organisierte Sport muss sich beteiligen und sich damit Verantwortung stellen für die Verbrechen, die in seinem Umfeld geschehen sind.
Das sind Politik und Sport den Menschen hinter den Zahlen schuldig. Nicht allein den 72, die ihre Geschichte erzählt haben, sondern allen anderen Betroffenen im Sport auch.