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StartseiteEine WeltIndiens #metoo-Moment13.10.2018

Sexuelle BelästigungIndiens #metoo-Moment

Als Bollywood-Schauspielerin Tanushree Dutta vor zehn Jahren einen Kollegen der sexuellen Belästigung bezichtigte, nahm das damals in Indien niemand richtig ernst. Doch die Wahrnehmung ändert sich. Nicht nur Dutta erhebt ihre Vorwürfe erneut. Weitere Frauen schließen sich ihr an.

Von Silke Diettrich

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Frauen fordern Gerechtigkeit für Tanushree Dutta, nachdem die Bollywood-Schauspielerin ihre vor zehn Jahren ungehört gebliebenen Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen einen Schauspielerkollegen erneuerte. (AFP / Punit Paranjpe)
Frauen fordern Gerechtigkeit für Tanushree Dutta (AFP / Punit Paranjpe)
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Seit Tagen ist #MeToo das Topthema in allen indischen Medien: heftige Debatten in sozialen Netzwerken, Talkrunden im Fernsehen, Aufmacher in den Zeitungen. Es geht um Vergewaltigungen in Bollywood, sexuelle Belästigungen in Redaktionen, um mentale und körperliche Demütigungen im Sport. Die Bollywood-Schauspielerin Tanushree Dutta war die erste, die öffentlich gegen ihren Kollegen ausgesagt hat, dass er sie am Set sexuell belästigt haben soll.

Allerdings ist das schon zehn Jahre her. Und niemand hat das damals so richtig ernst genommen. Dutta hat keine Aufträge mehr bekommen und ist dann in die USA gegangen. Erst in diesem Sommer ist sie nach Indien zurückgekehrt. Was ihr vor zehn Jahren am Set wiederfahren sei, hat sie nun noch einmal getwittert. Und dieses Mal hat sie damit wohl einen Nerv getroffen.

"Uns wird eingebläut, wir dürften darüber nicht reden"

"Seit jeher", sagt Dutta, "ist die Belästigung von Frauen Teil unserer Kultur. Und uns wird eingebläut, wir dürften darüber nicht reden. Das gilt sogar für Vergewaltigungsopfer. Die sollen alles unter den Teppich kehren. Das ist mit so viel Scham behaftet, und dann das Stigma, dass das Opfer trägt. Sollte es nicht eigentlich genau anders herum sein?"

Die Bollywood-Schauspielerin Tanushree Dutta am 12. Oktober 2018. Sie erneuerte ihre vor zehn Jahren erstmals geäußerten Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen einen Schauspielerkollegen und sorgte damit für das, was viele Medien Indiens #MeToo-Moment nannten. (AFP / Sujit Jaiswal)Tanushree Dutta (AFP / Sujit Jaiswal)

Die Debatte findet längst nicht mehr nur in den Medien statt. Junge Frauen in ganz Indien scheinen nur darauf gewartet zu haben, das erzählen zumindest Smriti, Appurna und Amisha. Die drei studieren an einem Mädchen-College im Norden von Delhi. Sie reden offen darüber, dass sie schon von Männern belästigt wurden, zu Hause von Verwandten, auf der Straße oder in Bussen. Alle ihre Freundinnen hätten schon Ähnliches erlebt:

"Unsere Gesellschaft ist männerdominiert. Auch auf unseren Straßen sieht man das", sagt Amisha. Und Appurva pflichtet ihr bei: "Frauen sieht man nur, wenn sie zur Arbeit gehen. Einfach mal so draußen herumhängen, das können nur Männer."

"Es gibt eine Art liberale Welle in Indien"

Alle drei sind zwanzig Jahre alt, keine von ihnen kommt aus Delhi. Deshalb leben sie hier auch auf dem Campus, mit 300 anderen Mädchen, um zu studieren. Ansonsten wären sie auf jeden Fall noch bei ihren Eltern untergebracht.

Seit einem Jahr kämpfen sie darum, mehr Freiheiten zu bekommen. Sie organisieren Demonstrationen, weil sie nach 20 Uhr nicht rausgehen dürfen, es sei denn, sie geben drei Tage vorher Bescheid. Dann brauchen sie auch noch einen männlichen Begleiter, der bei der Verwaltung namentlich vermerkt ist. Der muss sie abholen und wieder am Campus absetzen. Sich wegsperren zu lassen, wie es schon vor hunderten Jahren zu Zeiten der Mogule hier in Delhi üblich war, das wollen sie nicht mehr mitmachen. Sie haben das Gefühl, einer ganz neuen Generation von Frauen anzugehören:

"Sogar die Generation meiner Eltern hat noch nicht einmal offen über Sex gesprochen", sagt Amisha. "Aber wir haben jetzt damit angefangen, auch über solche Sachen zu reden, es gibt eine Art liberale Welle in Indien, und das gibt uns Selbstvertrauen zu sagen: Ja, ich bin sexuell belästigt worden von einem Mann."

"Die Leute denken, Feminismus wäre was gegen Männer"

Die drei sitzen auf der Wiese gleich neben dem Gedenkstein der Universität, die vor über 70 Jahren hier gebaut wurde. Ihre Aussagen stehen im krassen Kontrast zu den alten Mauern, die die Mädchen umgeben. Es sei dringend an der Zeit, dass sich die Einstellungen zu Frauen hier in Indien ändere, sagen sie selbstbewusst:

"Stell dir vor", sagt Appurva, "jedes Schimpfwort bei uns hat damit zu tun, Frauen zu erniedrigen. Es gibt kaum Schimpfwörter, die sich nur auf Männer beziehen würden."

Sie wollen die Wörter nicht sagen, aber für sie steht fest: Die Mentalität im Land müsse sich hier ändern, ohne dass sich die Männer von Frauen angegriffen fühlen:

"Die Leute verstehen das Konzept von Feminismus hier nicht. Sie denken, dass wäre was gegen Männer. Wenn eine Frau um ihre Rechte kämpft, dann interpretieren die Leute das falsch und unterstellen ihr, sie wolle sich nur wichtig machen."

Vorwürfe auch gegen heutigen Staatssekretär

Mittlerweile hat die MeToo-Debatte auch eine politische Dimension erreicht. Mindestens zehn Frauen werfen einem amtierenden Staatssekretär aus dem Außenministerium vor, dass er sie sexuell belästigt habe. Auch das ist schon einige Jahre her, damals war er noch Chefredakteur einer Tageszeitung. Jeder soll gewusst haben, dass MJ Akbar gerne einen, so sagen sie hier, "Harem" junger Journalistinnen um sich geschart hat. In seinem Büro habe er die Frauen an die Tür gedrängt, ihnen dabei Küsse aufgezwängt und soll seine Hände auf ihre Brüste gepackt haben.

Der Staatsekretär ist noch auf Dienstreise, aber es gibt jetzt eine Kommission von ehemaligen Richtern, beauftragt von der Regierung, die sich der Sache annehmen sollen. Ein beschuldigter Regisseur hat derweil sein Handtuch geschmissen und dreht seinen aktuellen Film nicht weiter, ein Chefredakteur einer Zeitung hat seinen Job gekündigt. Deswegen werden die Frauen, die ihre Fälle öffentlich gemacht haben, von vielen nun wie Hexen durch die sozialen Medien gejagt. Mit Häme, Spott und dem Vorwurf, sie alle würden lügen.

Tanushree Dutta, die Bollywood-Schauspielerin, die sich als erste getraut hatte zu reden, wird so heftig bedroht, dass sie nun von der Polizei Personenschutz bekommt. "Niemand", sagt Dutta, "würde sich das hier freiwillig antun wollen, wenn es nicht wirklich passiert wäre."

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