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StartseiteSport AktuellDas Schweigen soll ein Ende haben13.10.2020

Sexuelle GewaltDas Schweigen soll ein Ende haben

In vielen Sportvereinen ist sexuelle Gewalt an Kindern lange totgeschwiegen worden. Eine Kommission arbeitet die Fälle Betroffener auf. Drei Frauen erzählten am Dienstag in Berlin von ihrem Schicksal.

Von Andrea Schültke

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Medizinball in einer Turnhalle. (imago)
93 Betroffene aus dem organisierten Sport haben sich bei der Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauch gemeldet. (imago)
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Aufgearbeitet hat der organisierte Sport Vorfälle sexualisierter Gewalt in seiner Vergangenheit noch nicht. Er setzt bisher auf Prävention, will mit verpflichtenden Kinderschutzprogrammen Fälle in der Zukunft verhindern. Sabine Andresen, Vorsitzende der Aufarbeitungskommission stellt fest:

"Aus unserer Sicht ist es jetzt für den Sport an der Zeit Verantwortung für Aufarbeitung zu übernehmen und Betroffenen, erwachsenen Betroffenen, Zugänge zu Hilfeleistung und Unterstützung zu verschaffen."

Die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Sabine Andresen.  (Deutschlandradio / Andrea Schültke)Die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Sabine Andresen, (Deutschlandradio / Andrea Schültke)

Geschichten als Audio eingespielt

93 Betroffene hatten sich bei der Kommission gemeldet und in vertraulichen Anhörungen oder schriftlich ihre Geschichte erzählt. Drei Frauen erklärten sich bereit, jetzt öffentlich zu sprechen. Ihre Geschichten wurden als Audio eingespielt, sodass sie nicht noch einmal berichten mussten.

Kinder turnen in einer Turnhalle (Symbolbild) (picture alliance/JOKER/Petra Steuer) (picture alliance/JOKER/Petra Steuer)Sexuelle Gewalt - Der Sport muss sich seiner Verantwortung stellen
Rund 100 Betroffene aus dem Sport haben sich bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gemeldet. Was es jetzt braucht, sind Menschen im gesamten organisierten Sport, die aufstehen und hinsehen, kommentiert Maximilian Rieger.


Eine von ihnen ist die Judoka Marie Dinkel. Als 13-Jährige hatte die sexuelle Gewalt durch ihren Trainer erlebt, es zunächst verdrängt und dann mit 18 erstmals darüber gesprochen. Marie Dinkel war aus der Schweiz zugeschaltet, daher manchmal nicht ganz so gut zu verstehen. Unter anderem erklärte sie, es sei wichtig, dass sich Betroffene aus dem Sport vernetzen:

"Und wenn man in so einer Gruppe zusammen agiert, denke ich ist es leichter, sich Gehör zu verschaffen, als wenn man alleine dasteht und die Last komplett alleine tragen muss."

Um zu bewirken, dass sich etwas bewegt, damit andere junge Menschen angst- und gewaltfrei Sport treiben können, stellten auch die drei Betroffenen ihre Geschichten zur Verfügung und erklärten in den Gesprächen heute, was ihrer Ansicht nach getan werden muss im Sport, um sexualisierte Gewalt zu verhindern.

Marie Dinkel wurde als 13-Jährige von ihrem Judolehrer missbraucht. (Deutschlandradio / Andrea Schültke)Marie Dinkel wurde als 13-Jährige von ihrem Judolehrer missbraucht. (Deutschlandradio / Andrea Schültke)

Führungsperson übernimmt Verantwortung für Taten

Für den Deutschen Olympischen Sportbund, DOSB, war Vizepräsidentin Petra Tzschoppe nach Berlin gekommen. Sichtlich bewegt sagte sie gleich zu Beginn ihres ersten Redebeitrags: "Ich möchte an dieser Stelle und zwar nicht nur persönlich, sondern im Namen des organisierten Sports, alle Betroffenen, auch diejenigen, von denen wir bisher noch nicht wissen, für das Leid, das ihnen wiederfahren ist, um Entschuldigung bitten."

Damit hat erstmals eine Führungsperson im organisierten Sport in Deutschland Verantwortung übernommen für die Taten, die innerhalb der Organisation geschehen konnten. Sie glaube ihr das, so eine Betroffene, die die Entschuldigung als wichtiges Signal wertete.

Petra Tzschoppe (Mitte), Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). (Andrea Schültke / Deutschlandradio )Petra Tzschoppe (Mitte), Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) nahm Verantwortung für die Taten. (Andrea Schültke / Deutschlandradio )

Darüberhinaus kündigte Petra Tzschoppe auch eine weitere Unterstützung Betroffener an, über den Fonds sexueller Missbrauch. Dorthin können sich Betroffene wenden, um Sachleistungen finanziert zu bekommen, wie etwa Therapien. Bis 2016 hatte der Sport 170.000 Euro in den Fonds gezahlt, die Zahlungen dann aber eingestellt. Jetzt soll es eine Neuauflage geben:

"Und wir werden uns als organisierter Sport an diesem Fonds auch beteiligen. Die nächsten Schritte sind jetzt von der Politik zu fixieren, also wann das startet mit welchen Höhen dort für Folgeschäden noch eingestanden wird, kann ich zum heutigen Zeitpunkt nicht beantworten."

Ein enormes Zugeständnis, nachdem der Sport über Jahre alle Fragen nach einer Fortsetzung der Zahlungen abgeblockt hatte. Und ein Zeichen, dass die Berichte der Betroffenen etwas bewirken können.

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