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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Schweigen durchbrechen03.04.2019

Sexueller KindesmissbrauchDas Schweigen durchbrechen

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder geht uns alle an, kommentiert Christiane Habermalz. Denn der häufigste Tatort ist die Familie. Das geht aus der Zwischenbilanz der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hervor. Deshalb müssten Lehrer, Erzieher und Familienmitglieder auf die Hilferufe der Kinder achten.

Von Christiane Habermalz

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Symbolfoto zum Thema Kindesmissbrauch: Man sieht ein Mädchen in einer Zimmerecke mit Teddy von hinten und im Vordergrund die Beine eines Mannes (imago/imagebroker)
Ein Großteil der Opfer wird im häuslichen Umfeld missbraucht. Fast die Hälfte der Betroffenen gibt an, zu Beginn der Tatzeit unter sechs Jahre alt gewesen zu sein. (imago/imagebroker)
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Deutschland befindet sich in Sachen Kinderschutz in der Krise – so formulierte es heute der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Und es sei an der Zeit, dass die Politik erkenne, dass sie sich in diesem Bereich komplett neu aufstellen müsse. Eine bittere Bilanz angesichts des Berichts, den die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs heute vorlegte. Die stellte nicht nur fest, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder keinesfalls nur ein Thema der Vergangenheitsbewältigung ist, sondern eines, das aktueller ist denn je.

Familie als häufigster Tatort

Sie machte auch deutlich, dass die Opfer sich regelmäßig mit einer Mauer des Schweigens konfrontiert sehen, wenn sie versuchen, auf ihre Qualen aufmerksam zu machen. Das gilt für Institutionen wie die Kirche oder Schulen, Vereine, die sich schwertun mit der Aufarbeitung von sexueller Gewalt unter ihrem Dach, und die jahrelang alles getan haben, um das Ausmaß der Taten zu vertuschen und zu verharmlosen. Es gilt noch viel mehr für die Familien, in denen die weitaus meisten Fälle von Missbrauch stattfinden, und in denen die Kinder den Tätern besonders schutzlos ausgeliefert sind.

Opfer werden zu Nestbeschmutzern gemacht

Fast die Hälfte der Betroffenen gibt an, zu Beginn der Tatzeit unter sechs Jahre alt gewesen zu sein. Und ein Viertel hat sexuelle Gewalt gleich durch mehrere Täter erlebt: Erst durch den Großvater, dann durch den älteren Bruder. Oder erst in der Familie und später im Heim oder durch Fremdtäter. Die Familie steht unter dem besonderen Schutz des Staates. Aber was, wenn die Familie zum Tatort wird? Fast immer sind es die Betroffenen selber, die ihr Leid aufdecken müssen – auch Jahrzehnte später gelten sie oft noch als Nestbeschmutzer und Familienzerstörer. Es ist dringend notwendig, dass sich die Politik Strategien überlegt, wie Kinder wirksamer geschützt werden können – durch Schulungen und Qualifizierungen von Behördenmitarbeitern, durch mehr Personal an der richtigen Stelle. Denn schlimm ist es, wenn auch Ämter und Polizei komplett versagen – wie im Fall des 56-jährigen pädophilen Dauercampers in Lügde, dem vom örtlichen Jugendamt auch noch monatlich 1.000 Euro Pflegegeld gezahlt wurden für die Inobhutnahme seines 8-jährigen Opfers.

Sexualisierte Gewalt geht uns alle an

Das Vertuschen, Verleugnen und Verdrängen muss ein Ende haben – denn an den erlittenen Traumata leiden die Betroffenen ein Leben lang. Aber sexuelle Gewalt gegen Kinder ist nicht nur eine Sache der Politik – sondern geht uns alle an. Die Gesellschaft muss aufmerksamer werden gegenüber den Signalen, die von Kindern ausgesendet werden. Nachbarn, Lehrer und Erzieher dürfen nicht wegsehen, wenn Kinder wie ausgelöscht wirken, sich ihr Verhalten plötzlich verändert. Fast alle Betroffenen erzählen, dass sie immer wieder versteckte Hilferufe ausgesandt haben – diese wurden nur nicht gehört. Kälte, Gleichgültigkeit, Verrohung einer Gesellschaft zeigen sich als erstes im Umgang mit den Kindern. 

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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