Sonntag, 15.12.2019
 
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchutzkonzepte für öffentliche Einrichtungen25.07.2019

Sexueller KindesmissbrauchSchutzkonzepte für öffentliche Einrichtungen

Immer mehr Fälle von sexuellen Übergriffen gegen Kinder und Jugendliche im Bildungs-, Gesundheits- und Freizeitbereich kommen ans Licht. Mit Hilfe neuer Konzepte versuchen Institutionen zu Schutz- und Kompetenzorten zu werden. Wichtige Bausteine sind: darüber reden und falsches Schamgefühl überwinden.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Junges Mädchen als Opfer von häuslicher Gewalt | (picture alliance / Photoshot)
Welche Schutzkonzepte können Kinder vor Missbrauch bewahren? (picture alliance / Photoshot)
Mehr zum Thema

Andresen "Betroffene müssen in der Gesellschaft Gehör finden"

Australien Entschuldigung für institutionellen Kindesmissbrauch

Therapie nach Kindesmissbrauch "Wir müssen lernen, mit diesem Thema besser umzugehen"

Sexueller Kindesmissbrauch Die Schule als Tatort

"Kinder haben Rechte ein Kinderleben lang, Kinder haben Rechte. Na los, kommt mit, fang an! Kinder haben Rechte! Da bleiben wir nicht leis. Kinder haben Rechte! Damit das jeder weiß!"

Die Siebtklässler der "Schule am Tannenberg" in Göttingen haben das bekannte Kinderlied für ein Musical einstudiert. Kinderrechte wie der Schutz vor Gewaltanwendung sind an der Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung ein großes Thema.

Einige der rund 160 Schüler und Schülerinnen sind schwerst mehrfach behindert, können nicht selbständig essen und laufen. Manche haben das Downsyndrom oder Autismus. Auch Flüchtlingskinder sind dabei, manche nach mehrjähriger Flucht traumatisiert, berichten Sabine Lo-Becker und Maria Brinkmann, die Leiterinnen der Tagesstätte und der Schule. Das Thema sexueller Missbrauch sei häufig präsent:

"Dass besonders kleine Mädchen sexuell missbraucht werden von Freunden der Familie, vom Opa. Wir haben häufig Kinder, die eine große Assistenzleistung brauchen beim Schwimmen, zum Beispiel Duschen und Ausziehen, die lassen sich nicht mehr anfassen. Oder die haben im Genitalbereich blaue Flecken. Auf der anderen Seite haben wir häufig Kinder, die in Einzelsituationen im Bus oder bei den Therapeuten oder beim Einkaufengehen mit den Betreuern Sachen erzählen, wo wir denken: Das kann ein Kind sich nicht ausdenken, wenn es geistig behindert ist und in der Grundstufe."

Frage: "Da sind wir auf Alarmstufe, oder?"

"Ja, ja, ja, da gucken wir dann ganz genau hin. Und ein ganz großes Problem ist: Viele können ja gar nicht sprechen. Die können vielleicht malen, aber es gibt ja auch die, die auch das nicht können. Wo wir aber ganz stark den Verdacht haben, Mensch, irgendwas stimmt da nicht. Aber die Kinder haben keine Chance, irgendwie das mitzuteilen."

Um die Kinder vorbeugend zu stärken und bei Missbrauchsfällen gezielt handeln zu können, hat die Schule am bundesweiten Modellprojekt "Beraten und Stärken" teilgenommen. 15 Monate lang haben sich Schulleitung sowie ein Teil der Lehrer, Erzieher und Therapeuten fortgebildet und ein auf die Schule zugeschnittenes Schutzkonzept entwickelt.

Ein kleines Mädchen sitzt an eine Wand gelehnt neben ihrem Schulranzen und hält sich die Hände vors Gesicht. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer/dpa) (picture alliance / dpa / Nicolas Armer/dpa)Sexueller Kindesmissbrauch: Die Schule als Tatort 
Die Initiative "Schule gegen sexuelle Gewalt" will die 30.000 Schulen in Deutschland dabei unterstützen, eigene Schutzkonzepte aufzustellen – ohne dabei den Generalverdacht gegen Lehrer zu erheben.

Kinder mit Behinderung stärker von sexuellem Missbrauch betroffen

Maren Kolshorn von der Göttinger Kinder- und Jugendberatung Phönix hat sie dabei unterstützt. Nach Ansicht der Psychologin benötigen Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung arbeiten, besonders viel Beratung, weil diese stärker noch als andere gefährdet sind, Opfer sexueller Übergriffe zu werden.

"Sie haben oft viel weniger Wissen über Sexualität: Was ist richtig, was nicht? Was darf man, was darf man nicht? Sie haben oft eine ganz große Bedürftigkeit im Bereich Sexualität, weil sie es nicht ausleben können. Aber auch oft weil sie andere Vernachlässigungen haben und es sich dann wünschen, damit zu kompensieren. Sie haben dadurch eine viel viel größere Gefährdung auch tatsächlich, dass andere sie ausnutzen oder dass sie sich auf Dinge einlassen, weil sie die Konsequenzen nicht überschauen."

Präventionsprogramm stärkt Kinder beim Reden über Grenzüberschreitung

Die "Schule am Tannenberg" versucht es mit Transparenz. Das pädagogische Personal ist darin geschult, sexuelle Gewalt zu erkennen und darf einen Verdacht auch aussprechen. Die Eltern sind über die Schutzmaßnahmen informiert. Und die Schüler lernen mit Hilfe des Präventionsprogramms "Ben und Stella wissen Bescheid", dass es außer Liebe und Freundschaft auch Missbrauch gibt, erzählt die Lehrerin Claudia Woppowa:

"Es geht um Stärkung der Kinder. Und es ist deutschlandweit auch das einzige Präventionsprogramm, was so ganz klar einen Baustein auch nennt: sexueller Missbrauch. Ben und Stella wissen Bescheid über sexuellen Missbrauch. Bis dahin hat man gelernt, dass es okay ist, diese Wörter zu benutzen und da kein Schamgefühl haben muss. Und das entwickelt dann so eine Selbstverständlichkeit für die Kinder, auch darüber zu sprechen: Es gibt sexuellen Missbrauch, und was ist das eigentlich, und man darf das nicht. Und  schlussendlich dann: Wie kann ich mir Hilfe holen, wenn mir das passiert ist?"

Die "Schule am Tannenberg" ist nicht die einzige Einrichtung, die sich gegen sexuelle Gewalt wappnet. Kurz nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle an Schulen und Internaten der Bundesrepublik im Jahr 2010 hat der "Runde Tisch Sexueller Kindesmissbrauch" Leitlinien zur Prävention und Intervention in Institutionen erarbeitet.

Institutionen zu Schutz- und Kompetenzräumen entwickeln

Wie können Schulen, Kitas und Heime, Freizeiteinrichtungen und religiöse Gemeinden, aber auch Krankenhäuser und Praxen einerseits erkennen, dass Mädchen und Jungen intern oder extern Opfer geworden sind? Wie bieten sie andererseits selbst davor Schutz? Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, fordert zum Beispiel von jeder Klinik, "dass sie sicherstellt, dass Mädchen und Jungen bei ihr einen maximal geschützten Raum finden. Dafür ist es wichtig, dass auch Leitungsverantwortliche Kenntnis und Wissen haben zu Schutzkonzepten. Und dass die Ressourcen von den Trägern der Kliniken zur Verfügung gestellt werden. Und es müssen Regeln aufgestellt werden zu Nähe und Distanz. Wichtig ist vielleicht zuletzt, dass das Personal gut ausgesucht wird, das erweiterte Führungszeugnisse eingefordert werden, Fachkräfte fortgebildet sind, sie über ein Basiswissen zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche verfügen. Und dass möglichst viele Fachkräfte an dem E-Learning-Programm teilnehmen werden."

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (picture alliance/ dpa/ Britta Pedersen) (picture alliance/ dpa/ Britta Pedersen) Kindesmissbrauch: Das große Schweigen 
Nach Ansicht des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist sexuelle Gewalt gegen Kinder in vielen Institutionen noch immer ein Thema, über das nicht gesprochen wird. 

Kostenloser Onlinekurs zu besonderen Risiken in der Medizin

Der Missbrauchsbeauftragte und die Uniklinik Ulm haben kürzlich den kostenlosen Onlinekurs "Kinderschutz in der Medizin" auf den Weg gebracht. Dieser soll Führungs- und Fachkräften dabei helfen, bei konkreten Missbrauchsfällen die richtigen Ansprechpartner zu adressieren, aber auch, mit den besonderen Risiken im Krankenhaus umzugehen.

Denn zwischen Behandelnden und insbesondere den jüngeren Patienten besteht ein Machtgefälle. Körperliche Untersuchungen sind notwendig, Minderjährige halten sich teilweise länger ohne Bezugspersonen in einer für sie fremden Umgebung auf, einige haben bereits negative Erfahrungen mit sexueller Gewalt hinter sich. Prof. Jörg Fegert, Leiter der Ulmer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie:

"Was für unseren Bereich wichtig ist, ist, dass die Täter Handlungen als medizinisch notwendige Interventionen tarnen. Da haben wir in der Medizin einen privilegierten Zugriff auf den Körper. Und jeder hat eigentlich auch schon als Kind schon gelernt, dass man vom Arzt und von der Krankenschwester bestimmte Dinge tolerieren muss, die unangenehm sind, weil es das braucht, damit alles besser wird."

Tarnung als medizinisch notwenige Intervention

Fegert spricht von einer Vielzahl gefahrengeneigter Situationen und Orte wie dem Aufwachbereich der Anästhesie, der scheinbaren Notwendigkeit einer nächtlichen Untersuchung ohne Beisein einer medizinisch-technischen Assistentin oder der nahen Beziehung zum Kinderpsychiater.

Mit sexuellem Missbrauch und dem Schutz davor hat der ärztliche Direktor sich schon lange vor dem Runden Tisch der Bundesregierung beschäftigt. Auslöser dafür war, dass er über den verdächtigen Chefarzt seiner damaligen Klinik eine standesrechtliche Begutachtung schreiben musste. Der Verdacht bestätigte sich, bei einer Hausdurchsuchung wurden tausende kinderpornografischer Abbildungen gefunden.

"Der hat nach jeder Therapiestunde die Jungs am Penis stimuliert, bis der Penis erigiert war und hat mit einem Geodreieck das abgemessen und fotografiert und hat den Kindern gesagt, das gehört zu einer Psychotherapie, weil unter der Psychotherapie entwickelst du dich auch sexuell und dass muss ich dokumentieren. Und das ist so eine typische Strategie, wo man Halbwissen nimmt und scheinbar ärztlich handelt. Das wirkt von außen völlig verrückt, aber die Kinder haben das geglaubt. Und deshalb ist so ein anderes Thema: Information von Patienten, Patientenrechte, dass wir erklären, was wir tun."

Neue Studie zur Umsetzung von Schutzkonzepten

Um herauszufinden, ob die vom Runden Tisch geforderten Schutzkonzepte bereits entwickelt und umgesetzt worden sind, befragt das Deutsche Jugendinstitut DJI im Auftrag des Missbrauchsbeauftragten derzeit Bildungs-Institutionen, Freizeit- und Gesundheits-Einrichtungen. Dr. Heinz Kindler, beim Münchner Institut für Kinderschutz zuständig, spricht von einem Entwicklungsprozess.

"Wir haben Bereiche wie jetzt zum Beispiel Jugendreisen oder auch einzelne Religionsgemeinschaften mit ihrer Jugendarbeit, die sich noch relativ am Anfang befinden. Und wir haben in den Bereichen stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendverbandsarbeit schon eine längere Geschichte der Auseinandersetzung."

165 Kliniken, an denen Kinder und Jugendliche behandelt werden, hat das DJI befragt. Davon haben 20 Prozent bislang ein umfassendes Schutzkonzept entwickelt. In zwei Dritteln der Häuser gibt es eine interne Ansprechperson, in der Hälfte Verhaltensregeln etwa für die Berührung von Kindern und Jugendlichen oder für den Umgang mit ihren Schamgrenzen. Heinz Kindler bilanziert, "dass das Feld sich auf den Weg gemacht hat, dass die große Mehrzahl der Kliniken ein oder mehrere Elemente von Schutzkonzepten berichten konnten, dass wir bei unseren Kontakten und Besuchen auch sehr beeindruckende Beispiele gesehen haben. Ich erinnere mich an eine Klinik, die Kinderrechte im Treppenhaus in nicht zu übersehender Art und Weise aufgeschrieben hat oder eine andere Klinik, die solche Regeln für den Umgang mit Kindern mit dem Personal entwickelt und dann nach einer Erprobungszeit nochmal mit dem Personal besprochen hat."

Schutzkonzepte selbst und immer wieder neu erarbeiten

Für entscheidend hält Maren Kolshorn von der Göttinger Beratungsstelle Phönix, dass jede Institution die für sie passenden Bausteine selbst entwickelt und immer wieder daran feilt. Sonst lande das Schutzkonzept im Ordner.

"Und eine meiner entscheidensten Erfahrungen ist: Es steht und fällt mit der Leitung. Das Entscheidende ist die Haltung – und zwar: Das muss von oben kommen: Das ist ein wichtiges Thema."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk