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StartseiteSport am WochenendeWie Sportvereine mit der Gefahr umgehen08.09.2019

Sexueller MissbrauchWie Sportvereine mit der Gefahr umgehen

Zehntausende Jungen und Mädchen werden jedes Jahr Opfer sexueller Gewalt - auch im Sport. Dieser habe sich definitiv in Sachen Kinderschutz auf den Weg gemacht, stellt Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut fest. Doch wie wirksam sind die Schutzkonzepte?

Von Andrea Schültke

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Der Schatten eines Jugendlichen mit einem Fußball zeichnet sich auf einem Bolzplatz ab (imago / Kraufmann & Kraufmann)
Junge Sportler und Sportlerinnen - auch um ihren Schutz vor sexueller Gewalt geht es im Zustandsbericht zur Umsetzung von Schutzkonzepten. (imago / Kraufmann & Kraufmann)
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Sporttreiben ist gut - vor allem für Kinder. Sie bewegen sich, sind mit Gleichaltrigen zusammen, lernen Teamgeist und fairen Umgang miteinander. Davon sind Eltern überzeugt und bringen ihre Kinder in die Vereine.

"Es ist einfach so schwer, sich dann vorzustellen, dass in dem Umfeld Menschen sind, die die Freude und den Spaß am Sport ausnutzen, um an Kinder heranzukommen um sexuelle Gewalt auszuüben" benennt Johannes Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, das Problem. Sport hat ein positives Image. Dass sexueller Missbrauch auch in diesem Umfeld vorkommen kann, wird häufig nicht wahrgenommen.

Nicht alle Vereine finden das Thema wichtig

Die Studie "Safe Sport" lieferte vor drei Jahren erstmals Zahlen, wie häufig sexuelle Übergriffe im Leistungssport sind: Ein Drittel aller befragten Athletinnen und Athleten gab damals an, Erfahrungen damit gemacht zu haben. Das Thema sei nur zum Teil an der Basis angekommen, sagte Studienleiterin Bettina Rulofs damals: "Circa die Hälfte der Vereine findet das Thema wichtig, also sagt, ja, das ist ein Thema, dafür müssen wir uns einsetzen." Aber die andere Hälfte eben nicht. Und das ist das Problem.

Diplom-Psychologe Heinz Kindler  (Deutschlandradio / Andrea Schültke)Diplom-Psychologe Heinz Kindler (Deutschlandradio / Andrea Schültke)

Bei der aktuellen Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts konzentrierte sich Diplom Psychologe Heinz Kindler auf Erfahrungen aus der Praxis. Er befragte eine Gruppe von Verantwortlichen aus dem Sport und einen Beispielverein mit einem vorhandenen Schutzkonzept. Es ging um die Fragen: Was hilft vor Ort beim Kinderschutz? Aber auch: Wo sind die Probleme?

"Eine Hürde ist die Frage: Selbst bei einem vorhandenen Willen 'wir wollen was machen, wir wollen etwas entwickeln. Wer berät uns? Wer macht uns Vorschläge?' Es gibt gute Broschüren, aber wenn man es umsetzen will, hat man dann doch einfach viele Fragen. Das heißt, Vereine brauchen einen Ansprechpartner, der zu Ihnen kommt, der mit ihnen redet und erarbeitet wie sie es jetzt konkret angehen sollen."

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Kitas, Arztpraxen, Sportvereine: Zehntausende Jungen und Mädchen werden jedes Jahr Opfer sexueller Gewalt. Schutzkonzepte gibt es zwar, doch nur selten werden sie konsequent umgesetzt. Der Anti-Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert vor allem für Schulen verbindliche Richtlinien zur Prävention.

Vereine wünschen sich Hilfe von außen. Geschulte Menschen, die Ahnung von Sportstrukturen haben und erläutern können: Was ist ein Schutzkonzept und wie kann es umgesetzt werden.

Einbindung von Kindern und Jugenlichen ist wichtig

Das deutsche Jugendinstitut listet mehrere Bausteine eines solchen Kinderschutzkonzeptes auf. Unter anderem: klare Verhaltensregeln für den Umgang miteinander, zum Thema geschultes Personal, Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses, ein Handlungsplan für das Vorgehen im Verdachtsfall und Fortbildungsangebote.

Wichtig, so Heinz Kindler, sei die Einbindung von Kindern und Jugendlichen. Sie müssten die Regeln kennen, die sie schützen sollen. Gute Erfahrungen habe es im Sport gegeben mit Fragen an die Kinder: "Was sie denken, dass Übungsleiter und Übungsleiterin gut machen können, was okay ist, was vielleicht ein bisschen Stirnrunzeln auslöst und was sie eigentlich nicht gut finden. Wo Grenzen sind, die nicht überschritten werden sollen."

Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, und Sabine Walper, stellvertretende Direktorin des DJI, stellen vor der Bundespressekonferenz den Monitoring-Bericht zur Prävention sexueller Gewalt in Einrichtungen und Organisationen in Deutschland vor. (dpa/Wolfgang Kumm)Präsentation des Monitoring-Berichts zur Prävention sexueller Gewalt: Sabine Walper, stellvertretende Direktorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI), und Johannes Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. (dpa/Wolfgang Kumm)

Der Sport habe sich definitiv in Sachen Kinderschutz auf den Weg gemacht, stellt Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut fest. Es gebe Beschlüsse, gute Materialien und Selbstverpflichtungserklärungen: "Es gibt in einzelnen Bereichen auch ansprechbare Personen, die tatsächlich rausgehen und die Vereine vor Ort besuchen. Wichtig ist aber, dass das flächendeckend möglich ist. Dass all die Vereine, die tatsächlich was tun wollen auch die Unterstützung bekommen, die sie brauchen."

Wie wirksam sind Schutzkonzepte?

Zum Minimaltarif werde optimaler Schutz von Kindern nicht erreicht, sagt der Missbrauchsbeauftragte Johannes Wilhelm Rörig und bezieht das nicht nur auf den Sport. Das Geld für Schutzkonzepte in diesem Bereich sollten seiner Ansicht nach mehrere Träger aufbringen: "Das ist ein Zusammenspiel sicherlich der Länder und auch der Kommunen und auch des Sports selbst."

Bei allem Engagement für den Kinderschutz ist eine Frage noch komplett unbeantwortet: Wie wirksam sind Schutzkonzepte eigentlich? "Es ist sehr plausibel, dass dies hilft, aber es ist nicht wirklich belegt. Das heißt, wir haben keine Studien, die uns zeigen, dass wenn man Schutzkonzepte einführt, dann tatsächlich die sexuellen Übergriffe zurückgehen", so Diplom Psychologe Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut. Die Wirksamkeit von Schutzkonzepten müsste eine neue Studie überprüfen. Um Kinder und Jugendliche in allen Bereichen noch besser zu schützen - auch im Sport.

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