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StartseiteKultur heuteDer Umgang der Briten mit ihrem Nationalhelden 27.04.2014

Shakespeare heuteDer Umgang der Briten mit ihrem Nationalhelden

Bis ins 19. Jahrhundert hinein gingen die Briten noch nahezu respektlos mit Shakespeares Werken um, verfälschten sie oder spielten sie erst gar nicht. Es war vor allem die Verehrung Shakespeares durch deutsche Literaten wie Schlegel, Lessing und Goethe, die auch in seinem Heimatland zu neuer Achtung für den Dramatiker führte.

Von Jochen Spengler

Szene aus "Henry V." von William Shakespeare im Globe Theatre London (picture alliance / Photoshot)
Patrick Spottiswoode, Pädagogischer Direktor des Globe Theaters: "Wir verwenden Shakespeares Worte und modernisieren das Textbuch nicht, weil wir einen enormen Respekt vor dem Takt und dem Rhythmus haben." (picture alliance / Photoshot)
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Fesselnd oder nicht fesselnd? Das ist hier die Frage. Wie kann man Dramen, die William Shakespeare vor mehr als 400 Jahren verfasst hat, attraktiv für neue Generationen machen? Eigentlich müsse man das gar nicht, meint Jacqui o'Hanlon, Bildungsdirektorin der Royal Shakespeare Company in Stratford upon Avon.

"Worüber er spricht: Betrug, Verlust, politischer Ehrgeiz, Völkermord, Familie, ja Familie ist im Herzen all seiner Stücke, Liebe – all dieses währt lebens- , ja, jahrhundertelang. Und deswegen können wir zuversichtlich sein, dass wir auch noch seinen 500. oder 700. Geburtstag feiern. Warum sollte er außer Mode kommen, wo er doch über alle Erfahrungen eines menschlichen Lebens redet?"

Natürlich, so gesteht Jacqui ein, sind manche seiner Ausdrücke, manche seiner Witze heute nicht mehr verständlich. Aber an einen Grundsatz halte man sich bei der RSC:

"Wir nehmen immer den Originaltext. Wir formulieren ihn nicht um, wir machen ihn nicht einfacher. Aber natürlich bearbeiten wir ein Stück, nehmen bestimmte Passagen heraus oder setzen sie um. Diese Freiheit gibt es; wir sollten uns nicht davor fürchten, mit seinen Werken zu spielen, mit den Texten, weil wir ja niemals endgültige Versionen schaffen, sondern immer nur Interpretationen."

Londoner Globe Theatre setzt auf historisch authentische Inszenierung

Bis ins 19. Jahrhundert hinein ging man in Großbritannien noch sehr viel respektloser mit Shakespeares Werken um, verfälschte sie oder spielte sie erst gar nicht. Es war vor allem die Verehrung Shakespeares durch die deutschen Literaten Schlegel, Lessing und Goethe die auch in seinem Heimatland zur Umkehr und zu neuer Achtung für den Dramatiker führten. Während die Royal Shakespeare Company in Stratford upon Avon heute die Dramen gelegentlich auch in die Moderne versetzt oder zeitgenössische Kostüme nutzt, gibt man sich im Globe Theatre in London, einem Nachbau des Shakespeare'schen Original-Theaters puritanischer.

"Das Globe ist eine Mischung aus Theater und Museum",

sagt Lisa Peter, Shakespeare Dozentin des Birthplace Trusts.

"Denn das Globe legt sehr viel Wert darauf, dass die Stücke in historischen Kostümen aufgeführt werden, in diesem Open-Air-Theatre mit dem Publikum, das um die Bühne herumsteht und in diesen drei Rängen sitzt. Das ist eine historisch sehr authentische Art und Weise Shakespeare zu inszenieren."

Schon durch diese Ursprungsarchitektur versuche man Shakespeares Dramen aus dem sterilen Theaterumfeld des Bildungsbürgertums herauszuholen, sagt der Pädagogische Direktor des Globe und weist Vorwürfe zurück, man sei Gralshüter und nicht experimentierfreudig. Beispielsweise habe man Dramen Shakespeares nicht nur wie zu seiner Zeit üblich nur mit männlichen Schauspielern aufgeführt, sondern auch schon nur mit weiblichen, erzählt Patrick Spottiswoode. Und in diesem Sommer werde man noch einmal Shakespeare in der Ursprungs-Aussprache aufleben lassen:

"Als wir das zum ersten Mal gemacht haben, dachten wir, das versteht bestimmt niemand. Aber für die jungen Leute, die im Hof um die Bühne herumstanden, war das wie Straßensprache, sie fanden sie toll, sie war schneller, hatte ein anderes Tempo. Wir sind ein Labor, wie es das Original gewesen ist, wir erkunden und experimentieren – die ganze Zeit."

Ständig versuche man, Shakespeare zu popularisieren und vergehe keineswegs in Ehrfurcht. Warum aber dann nicht auch mit seiner Sprache experimentieren und die Texte verändern, so wie es deutsche Regisseure ohne Hemmungen mit deutschen Klassikern tun?

"Wir verwenden Shakespeares Worte und modernisieren das Textbuch nicht, weil wir einen enormen Respekt vor dem Takt und dem Rhythmus haben, vor der Melodie und der Dichtkunst in Shakespeares Stücken. Dieser Takt hilft dem Publikum instinktiv beim Verständnis. Das wäre schon eine recht mutige Person, die glaubt, sie könne Shakespeare umformulieren und ihn verbessern. "

Aber sind es nicht gerade seine Reime, die Shakespeares Dichtkunst unzeitgemäß machen? Nicht nach Ansicht von Patrick Spottiswoode.

"Nein, überhaupt nicht – die sind gar nicht aus der Mode. Jetzt gerade gibt es ein neues, modernes Stück über Charles den III., in dem Shakespeares fünfhebiger Jambus verwendet wird. Verse sind niemals unmodern, nein."

Wenn auch nicht unbedingt leicht für Schauspieler, was Alex Hassel bestätigt, der in der neuen RSC-Produktion Hal den Sohn Heinrichs IV. darstellt.

"Ja, es ist schwierig. Die Aufgabe ist es, zu kapieren, wie Du das jambische Versmaß sinnvoll anwendest es ist nützlich, insbesondere die Reime als eine andere Sprache mit anderen syntaktischen Regeln zu verstehen, als eine andere Art von Englisch und das zu lernen, anstatt es in unser modernes Englisch zu übertragen. Das hielte ich für gefährlich."

Auch Rosie Hilal, Schauspielerin am Globe Theatre, liebt Shakespeare im Original. Die Mittzwanzigerin ist als Tochter türkisch-englischer Eltern in Deutschland aufgewachsen.

"Ich find's leichter, weil es so gut geschrieben ist und viel Rhythmus drin ist. Und als Schauspieler wird Dir fast alles gegeben. Diese Sprache ist so stark, alle Emotionen des Menschen sind in dieser Sprache; das ist wie, wenn man Goethe auf normales Deutsch machen würde – das macht doch keiner. Dann ist es nicht mehr Goethe, dann ist es nur eine Geschichte!"

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