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StartseiteKommentare und Themen der WocheNationalscham statt Nationalstolz03.09.2019

Shoa und AfDNationalscham statt Nationalstolz

In Berlin ist die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch mit dem Nationalpreis geehrt worden. Kurz zuvor hat die AfD in Sachsen und Brandenburg Wahlerfolge eingefahren. Die Botschaft der Shoa-Opfer komme bei vielen nicht mehr an, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Er empfindet Nationalscham.

Von Sebastian Engelbrecht

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender (l) begrüßen in der Französischen Friedrichstadtkirche Anita Lasker-Wallfisch. (dpa/Wolfgang Kumm)
Wenn in der Zukunft alle Zeitzeugen des Holocaust gestorben sein werden, werden wir selbst einstehen müssen für die Demokratie und gegen ihre Verächter, fordert Sebastian Engelbrecht (dpa/Wolfgang Kumm)
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Sieben Jahre lang konnte ich mich mit einer Deutschlandflagge in der Öffentlichkeit sehen lassen. Es waren die Jahre 2006 bis 2013. Vom "Sommermärchen" der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im eigenen Land bis zur Gründung der AfD. Sieben Jahre lang gab es so etwas wie Nationalstolz ohne Reue, unbekümmerte Freude am Wir-Sein. Doch davon ist nichts geblieben. Die Nationalscham ist zurück. Sie steigt besonders dann in mir hoch, wenn Juden in Deutschland von antisemitischen Vorfällen berichten. Immer häufiger, immer wieder, fast jeden Tag, werden Juden in Deutschland bespuckt, beschimpft, geschlagen – vor allem von Neonazis.

Und die Nationalscham ergreift mich, wenn Anita Lasker-Wallfisch bei der Verleihung des Deutschen Nationalpreises sagt, im Kampf gegen Antisemitismus fühle man sich wie eine Ameise, die den Mount Everest besteigen wolle – einfach machtlos.

Botschaft der Shoa-Überlebenden bis heute nicht angekommen

Wie kann es sein, dass die Botschaft all der Überlebenden der Shoah bei so vielen bis heute nicht angekommen ist? Wie kann es sein, dass die Zeugnisse der letzten unter ihnen – zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki, Margot Friedländer, Leon Schwarzbaum, Anita Lasker-Wallfisch – bis heute bei so vielen ihre Wirkung verfehlen? Filmische Dokumente, Gedenkorte, erschütternde Zeitzeugenberichte, tätowierte Nummern auf dem Unterarm – viele wollen diese Zeugnisse nicht sehen. Sie wollen Schlussstriche ziehen. Sie sprechen lieber vom "Denkmal der Schande" wie der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke oder von Hitler und den Nazis als einem "Vogelschiss" in der eigentlich so ruhmreichen deutschen Geschichte, wie der AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland es formulierte. Sie hüllen sich in Anzug und Oberhemd und bemänteln ihre Nazi-Vergangenheit wie der AfD-Vorsitzende von Brandenburg, Andreas Kalbitz.

Nationalscham über AfD-Erfolge

Die Partei dieser drei erhielt am Sonntag in Brandenburg 23,5 Prozent und in Sachsen 27,5 Prozent der Stimmen. Es handelt sich um eine Partei, die seit ihrer Gründung immer weiter nach rechts rückt und die sich von ihrem völkisch gesonnenen "Flügel" nicht abgrenzt. Nationalscham erfasst mich, wenn ich das höre.

Tags darauf greifen zwei Männer einen 25jährigen türkischstämmigen Bundeswehrsoldaten in Berlin-Neukölln an. Sie schlagen und treten ihn. Einer ruft, nur Deutsche dürften die Uniform eines Soldaten tragen. Mir bleibt nur Nationalscham.

Ich werde erst wieder die Deutschlandfahne schwenken, wenn türkischstämmige Bundeswehrsoldaten auf der Straße keine Angst haben müssen. Wenn Juden sich in Deutschland wohlfühlen können. Auf dem Weg dahin brauchen wir das Zeugnis der letzten Überlebenden. Nach ihnen aber werden wir selbst einstehen müssen für die Demokratie und gegen ihre Verächter.

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

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