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StartseiteForschung aktuellExperimente zum Shooter-Bias offenbaren Vorurteile06.04.2016

Shoot first, ask laterExperimente zum Shooter-Bias offenbaren Vorurteile

Können rassistische Vorurteile auch unterbewusst das Verhalten beeinflussen - und zwar auch bei kritischen Entscheidungen wie dem Gebrauch einer Dienstwaffe? US-amerikanische Untersuchungen zum sogenannten "Shooter Bias" legen das nahe. Nun konnten auch deutsche Forscher den "Schützen-Fehler" bestätigen.

Von Volkart Wildermuth

Zu sehen ist das Bild einer Überwachungskamera, die den zwölfjährigen Tamir Rice wenige Sekunden vor dem tödlichen Schuss durch die Polizei aufgenommen hat (AFP)
Der zwölfjährige Tamir Rice wurde am 22. November 2014 von einem Polizisten in Cleveland, Ohio, erschossen (AFP)

Der "Shooter Bias" ist in den USA umfassend untersucht worden. Hunderte von Studenten und dutzende Polizeibeamte wurden in einer Art Videospiel mit bewaffneten und unbewaffneten Personen konfrontiert.

Klares Ergebnis: Ist der mögliche Angreifer schwarz, wird schneller reagiert und es werden bei der Beurteilung auch mehr Fehler gemacht. Es wird also eher auf einen schwarzen Mann geschossen, der vielleicht nur ein Handy in der Hand hält. Der Sozialpsychologe Iniobong Essien von der Universität Hamburg hat diese "Shooter Bias"-Versuche an die Verhältnisse hierzulande angepasst:

"Wir wissen jetzt von Deutschland, dass hier ganz andere Gruppen möglicherweise mit Bedrohung assoziiert werden. Zum Beispiel wenn sie daran denken, wie über Muslime hier in den Medien häufig gesprochen wird oder auch über arabische Männer, dann wissen wir, dass ganz andere Gruppen möglicherweise relevant sind."

Zusammen mit der Psychologin Marleen Stelter hat er über 160 Versuchspersonen in seinem Labor an der Universität Hamburg Fotos von Personen mit und ohne Waffe gezeigt. Die Aufgabe ist möglichst schnell zu reagieren; bei Gefahr den Knopf für "schießen" zu drücken und bei unbewaffneten Personen den anderen Knopf "nicht schießen". Die Hautfarbe der Männer auf den Bildern hatte einen deutlichen Einfluss auf die Reaktionszeit. Hielt ein arabisch oder türkisch aussehender Mann eine Pistole in der Hand, wurde schneller geschossen als bei einem weißen Bewaffneten. Trug der Dunkelhäutige ein harmloses Handy, brauchten die Versuchspersonen dagegen länger, um per Knopfdruck Entwarnung zu geben. Um die Situation realistischer zu gestalten, hat Marleen Stelter in einem zweiten Durchlauf die Pistolen weggelassen:

"Für die Probanden hatte das einen Spielcharakter. Es sah aus wie ein Computerspiel, und zwar wurden die Personen in Straßenszenen dargestellt, entweder auf der linken oder der rechten Straßenseite und anstatt Schusswaffen hielten die in der Hand ein Messer oder andere Objekte, Portemonnaies zum Beispiel."

Hier sollten die Versuchspersonen nur bei den Männern mit dem Messer die virtuelle Straßenseite wechseln.

"Das Ergebnis war eigentlich fast genau das Gleiche, nur dass unsere Effekte noch stärker waren. Auch hier reagieren Probanden schneller, wenn sie mit arabischen, bewaffneten Männern konfrontiert werden und wechseln dann schneller die Straßenseite."

Auch hier bestimmt das Aussehen der Männer mit, wie schnell die Versuchspersonen auf eine gefährliche Situation reagieren. Der "Shooter Bias" wirkt also auch in Deutschland und zwar unabhängig davon, ob jemand bewusste Vorurteile gegenüber Migranten zeigt.

"Es hat nichts damit zu tun, ob wir positive oder negative Einstellungen gegenüber bestimmten Gruppen haben, sondern es geht tatsächlich eher um die Frage, wie sehr haben wir die Verknüpfung zum Beispiel zwischen Arabisch und Bedrohlich gelernt. Diese Verbindung geht meist nicht auf persönliche Erfahrungen mit aggressiven Migranten zurück. Entscheidend ist eher das gesellschaftliche Klima. Also welches Bild dieser Gruppen am Stammtisch und in den Medien zum Tragen kommt."

Zurzeit testet die Hamburger Gruppe die Reaktionen von deutschen Polizisten. In den USA hat sich gezeigt, dass auch die Beamten schneller auf eine Pistole in der Hand eines schwarzen Mannes reagieren, als auf einen bewaffneten Weißen. Polizisten trainieren, solche Stereotype bewusst zu kontrollieren.

"Gerade in unübersichtlichen Situationen auf Streife, können sie aber auf das Verhalten durchschlagen. Wenn wir tatsächlich unter Stress stehen und schnell reagieren müssen und möglicherweise Angst haben oder übermüdet sind, vielleicht eine lange Schicht gearbeitet haben. In solchen Situationen lassen wir uns tatsächlich stärker von Stereotypen leiten, also von Bildern, die wir mit bestimmten Gruppen verbinden und, dass die dann in solchen Situationen eine stärkere Rolle spielen und stärker unser Verhalten beeinflussen."

Das gilt in Deutschland wahrscheinlich ebenso wie in den USA. Die Versuche zum "Shooter Bias" können Vorbehalte aufzeigen, die vielleicht gar nicht bewusst sind. Solche Vorbehalte lassen sich durchaus kontrollieren, aber eben nur, wenn der Geist nicht abgelenkt ist.

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