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StartseiteBüchermarktBodo Kirchhoff: Ein großer Sehnsuchtstext 11.10.2016

Shortlist Deutscher BuchpreisBodo Kirchhoff: Ein großer Sehnsuchtstext

Mit seiner Novelle „Widerfahrnis“ steht der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2016. Das Buch erzählt von der schicksalhaften Begegnung zweier Menschen, die sich gemeinsam auf eine Reise ohne Ziel machen und am Ende auf Sizilien landen. Ein großer Sehnsuchtstext, geschrieben in altmeisterlichem Stil.

Von Jan Drees

Der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Mit seiner Novelle "Widerfahrnis" ist der Frankfurter Autor Bodo Kirchhoff für den Deutschen Buchpreis nominiert. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
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"Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen?"

Das ist der erste Satz von Bodo Kirchhoffs "Widerfahrnis" – und er reiht sich ein in die Geschichte der Gattung Novelle an sich, seit ihren Anfängen mit "Tausendundeiner Nacht" oder Giovanni Boccaccios "Decamerone". Denn hier erzählt jemand eine Geschichte im Angesicht seiner Zuhörer, als säße man beisammen, der Erzähler und die Leser. Und wie Scheherazade in "Tausendundeiner Nacht" um ihr Leben, ebenso wie sieben Frauen und drei Männer im "Decamerone" gegen den "Schwarzen Tod", gegen die Pest, anerzählen, so ringt auch in "Widerfahrnis" jemand mit Worten, aus Gründen der Selbsterhaltung. Denn hier will jemand festhalten, was ihm widerfahren ist – und mit einer Unheimlichkeit angefangen hat.

"Da war jemand im Gang, eigentlich kein Aufenthaltsort, mit einer Wandfarbe, die nicht verriet, ob es Farbe an sich war oder nur der verblasste Rest einer geistlosen Farbidee."

Die Geschichte der Novelle, sie beginnt spätestens mit Boccaccio in Italien, und nach Italien geht es auch in Bodo Kirchhoffs "Widerfahrnis." Allerdings nicht sofort. – Der über Siebzigjährige, ehemalige Kleinstverleger Reither hat sich aus seiner Frankfurter Wohnung suspendiert, seinen Betrieb abgewickelt und lebt nun in einem Apartmentheim am Fuße der Alpen. Dort gibt es Gemeinschaftsräume, ein Kaminfoyer und zwei weibliche Cherubim, die nachts den Eingangsbereich bewachen.

"Beide kamen wie er aus zurückgelassenen Welten, die eine aus Bulgarien, Marina, die andere aus Eritrea, eine wahre Kinderbibelschönheit, Aster, der Stern."

Überraschung am Winterabend

Doch auch Marina und Aster können nicht verhindern, dass Reither eines Tages Seltsames vor seiner Wohnungstür wahrnimmt. Jemand räuspert sich. – Die unheimliche Wahrnehmung materialisiert sich an jenem unheimlichen Winterabend und Leonie, eine zirka fünf, sechs Jahre jüngere Bewohnerin, klingelt bei Reither, und die beiden kommen ins Gespräch, obwohl sich der alternde Mann der Irritation mittels Eskapismus hat entziehen wollen ...

"Die Welt, das war das leise Räuspern auf der anderen Seite der Tür. Ein Blick durch den Spion, und er hätte Bescheid gewusst, sicher; aber er zog es vor, sich das Buch anzusehen."

Das Buch, das er sich anschaut, ist von einer gewissen Ines Wolken und diese steht dann vor ihm, in der Tür, wenngleich sie sich nicht ad hoc als Verfasserin des selbstgedruckten Werks zu erkennen gibt, Leonie Palm, alias Ines Wolken, hat in Lesekreis-Mission geschellt, denn sie möchte Reither überreden, ihrem geselligen Beisammensein als inspirierender Gast beizuwohnen. Das Lesen führe die Teilnehmer dieses Kreises zusammen, sagt Leonie.

"Aber die meisten in unserem Kreis, sie schreiben auch."

Reither steht da also, im Türrahmen, und wiegelt Leonies Begehren ab. Lesekreis wäre dann also ein Tarnname?, fragt er und fühlt sich angegriffen.

"Wussten sie, dass der immer verbreiterte Wunsch, den eigenen Namen nicht bloß am Türschild, sondern auch auf einem Buchumschlag zu sehen, der Tod des guten Buches ist?"

Dennoch finden Leonie und Reither an diesem Abend zusammen und während sie rauchen, spinnen sie einen Plan. Sie wollen mit Leonies BMW-Cabrio trotz des Winters losfahren, Richtung Süden und es ist deutlich, dass diese Reise sich entwickeln wird zu einer tour d’amour.

"Er schaute in ein Gesicht von der Art, die einen daran denken lässt, wie es in früheren Jahren gewesen sein muss, bestürzend schön, einfach weil es immer noch etwas Bestürzendes hatte, mit Augen von einem bläulichen Grau, provisorisch getürmtem Haar im Ton von Pistazienschalen, einer soliden Nase, ihre Flügel jedoch zart, dazu ein blasser, voller Mund, voll wegen seiner Blässe; sie war jünger als er, dramatisch jünger."

Ziellos nach Sizilien

Die beiden beschließen, nach Italien zu fahren, und wie so viele Geschichten deutscher Autoren heutzutage erst beginnen, wenn die Protagonisten das Land verlassen, so beginnt auch diese Erzählung, die vom Unheimlichen ins Heimliche gewechselt ist, mit der Grenzüberquerung und der Fahrt  immer weiter Richtung Sizilien. 

"Haben wir alles, Reither, Zigaretten, das Wasser, die Kekse, Geld? Fast schon eheliche Fragen."

Die Zigaretten und Kekse sind jedoch nicht das einzige Gepäck, das sie mit sich führen. Beide sind emotional gekettet an eine Vergangenheit, bei ihrem Alter kein Wunder, liegt doch mehr Zeit hinter als vor ihnen. Beide haben Verluste zu beklagen. Kinder sind gestorben. Es gibt Beziehungsverletzungen, Erinnerungsnarben, Vergeblichkeitsmale. Reither hat seinen Verlag aufgeben müssen, Leonie besaß einst einen Hutladen – beides, das Lesen kleiner Schriften als auch das selbstverständliche Tragen von Hüten, sind aus der Mode gekommen. Man könnte daran verzweifeln – oder aufbrechen. Und genau das machen Leonie und Reither. Sie hören alte Paul-Anka-Kassetten, übernachten in halbseidenen Herbergen. Sie treffen auf Afrikaner, ebenfalls ihre Heimat verlassen haben, wenn auch aus drastischeren Gründen. Und dann, dann treffen sie in Catania ein Mädchen.

"Es trug ein fetzenartiges Kleid, dazu Flipflops, und um den Hals hing etwas wie eine Scherbe oder Muschelhälfte."

Leonie und Reither werden dieses namenlose Mädchen mitnehmen, diese Streunerin, mit der sie sich nur gestisch verständigen können. Ein unbeschriebenes Blatt ist dieses Mädchen, das nun bei ihnen schlafen, das mit ihnen essen darf.

"Ein Moment, der sich einprägen würde – er spürte es förmlich, an den Armen und dem verletzten Finger, als sich seine Haut verengte –, der Moment einer unwiderruflichen Aufforderung, komm, komm mit uns, wir nehmen dich auf, werd unser Kind, unsere Tochter."

Neuanfang mit viel Lebensgepäck

Da möchten zwei Menschen mit zu viel Lebensgepäck noch einmal von vorne anfangen und genau das macht "Widerfahrnis" zu einem rührenden, stellenweise mit Kitschworten erzählten Buch. Doch ist dieser Kitsch keine Fahrlässigkeit Bodo Kirchhoffs. Was hier geboten wird ist Rollenprosa und irgendwann wird man erfahren, dass der Erzähler dieser Geschichte Reither selbst ist, der versucht, sich von außen zu beschreiben; der aber auch versucht in Worte zu fassen, was ihn auf der Italienreise fassungslos gemacht hat: die Nähe zu Leonie, echte Intimität, auch geschlechtlicher Natur, ebenso ein Gefühl von letzter Zugehörigkeit, von Aufbruch, von Hoffnung – die jedoch, man ahnt es von Beginn an, in eine Passion, in einen Leidensweg münden wird. Und es ist insbesondere dieses Kapitel, eines der letzten, das herausgehoben werden muss. Denn da sitzt Reither allein auf schwarzen Steinstufen und er fühlt sich nicht nur von Leonie und dem Mädchen, sondern von der gesamten Welt verlassen.

"Er griff nach der Flasche und dem Korkenzieher und drehte den Dorn mit der heilen Hand in den Korken, die Flasche zwischen den Knien. Von der Meerenge wehte ein Wind, noch nicht kalt, nur auch nicht mehr mild, etwas dazwischen, für das ihm ein Wort fehlte. Auf der Seite gegenüber die Lichter von Messina, alles erschien ganz nah – würde der Ätna ausbrechen, man könnte es sehen, vielleicht würde sogar der Boden unter ihm zittern. Reither packte den Korkenziehergriff aus Plastik und zog daran, aber zog nur die Flasche zwischen den Knien hervor. Er unternahm einen zweiten Versuch, die Flasche nun zwischen den Schenkeln, Beine über Kreuz, eine Klammer, und wieder zog er sie mit, die Flasche, und der Korken blieb, wo er war, machte den Wein unerreichbar."

Reither wird sich an der Hand verletzen und man liest zunächst ungläubig, doch es kann nicht anders sein: da drängt sich auf, im Dorn des Korkenziehers die Dornenkrone Christi zu erkennen, in Reithers blutender Hand die Wundmale des Gekreuzigten und nicht zufällig sind gegenüber die Lichter der sizilianischen Stadt Messina. Das ist fein und nicht in jener Weise auserzählt, wie einige andere Stellen von "Widerfahrnis", wenn man doch längst verstanden hat, dass der afrikanische Fischer mit Namen Taylor und seine Familie klar an Maria, Josef und Jesus angelehnt sind, dies aber unbedingt erklärt werden muss.

"Er kam einfach nicht umhin, auf diesem verlassenen Platz mit den schwärzlichen Treppenstufen zum Wasser der Meerenge, ein biblisches Bild aus Kinderzeiten zu sehen, auch wenn in der Decke ein Mädchen lag, kein erstgeborener Sohn, und Taylor ein Fischer war, kein Zimmermann."

Ein großer Sehnsuchtstext

Auch bleibt ungewiss, wie jene Stellen zu bewerten sind, in denen der Erzähler erschreckend schlicht über Männer und Frauen an sich spricht.

"Ein Rucken ging durch die Fähre, das war schon das Rucken ans Festland, und wer im Auto geblieben war, ließ den Motor an, also ließ auch Reither den Motor an, raffte sich dazu auf, wie man sich aufrafft für einen neuen Tag, das Herz noch unbekannten Tröstungen entgegenwirft, in der Art verlassener Frauen, wenn sie anfangen zu schreiben, ihr Herz in die Hand nehmen, aber vielleicht wird ja jeder Verlassene vorübergehend weiblich, wer weiß."

Sind wir da wieder in jener Frankfurter Bahnhofsviertelatmosphäre der 1980er, die Kirchhoff zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere mit machistisch hingeklotzen Wörtern beschrieben hat? Liegt die Bedingung dieser Liebe zwischen Reither und Leonie im geschlechtlichen Binärcode? Oder ist es nicht eher so, dass "Widerfahrnis", dieser große Sehnsuchtstext, eben nicht nur eine Liebe und die Wiedergutmachung des Vergangenen ersehnt, sondern eine Zeit, in der Männer den Verlag und Frauen die Boutique führten? – Altmodisch ist Bodo Kirchhoffs "Widerfahrnis", im altmeisterlichen Stil erzählt, weshalb auch die Gattungsbezeichnung NOVELLE passt. Denn sie ist im Jahr 2016 unweigerlich Signal, dass sich ein Text in eine Regeltradition einschreiben will. Wer 2016 seine Erzählung eine Novelle nennt, der darf auch von Männern und Frauen an sich sprechen, der darf sein Herz auf geradezu romantische Weise offenlegen und beschauen. Es gibt ihn also noch, den unironischen Blick auf die Welt – doch dafür muss man raus, beispielsweise mit dem BMW, wie Reither und Leonie, Richtung Italien, in die Vergangenheit hinein.

Bodo Kirchhoff: "Widerfahrnis". Frankfurter Verlagsgesellschaft, Frankfurt 2016, 224 Seiten, 21 Euro.

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