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StartseiteUmwelt und VerbraucherSichere Stromversorgung31.10.2013

Sichere Stromversorgung

Netzstabilität auch mit erneuerbaren Energien möglich

Kann Deutschland zu 100 Prozent auf Strom aus erneuerbarer Energie setzen? Kritiker weisen das gerne mit Blick auf einen drohenden Blackout zurück. Dass trotz Schwankungen im Netz und unterschiedlichem Bedarf die Energiewende denkbar ist, zeigt ein Forschungsprojekt.

Von Michael Castritius

Windkraftanlagen hinter einem Rapsfeld bei Rendsburg. (AP)
Windkraftanlagen hinter einem Rapsfeld bei Rendsburg. (AP)

Am Anfang war eine sportlich-wissenschaftliche Wette der Bundeskanzlerin: Weist mir fundiert nach, dass Deutschland tatsächlich zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden könnte. So forderte sie Industrie, neue Energienwirtschaft und Wissenschaftler heraus: So entstand das Projekt "Kombikraftwerk 1” - und es erbrachte den Nachweis. Die Menge ist zu schaffen.

Aber! - erhoben Kritiker, vor allem aus den Reihen traditioneller Kraftwerksbetreiber, die Finger und die Stimme: Aber eine zuverlässige, sichere, stabile, schwankungsfreie Versorgung, auch bei wenig Wind und keinem Sonnenschein, das schafft ihr nicht.

So entstand das jetzt zu Ende gehende dreijährige Forschungsprojekt "Kombikraftwerk 2”. Unter anderem Unternehmen der Wind, Solar- und Biogas-Energieerzeuger, aber auch der Siemenskonzern, arbeiteten unter Leitung des "Fraunhofer Instituts für Windenergie und Energie-System-Technik, IWES” zusammen. Es entstand eine Steuerungszentrale, die verschiedene Energiequellen im Land koordiniert, erläutert Dr. Kurt Rohrig vom IWES.

"Das Kombikraftwerk ist ein informationstechnischer Zusammenschluss von mehreren Erzeugungsanlagen, von Windparks, von größeren Fotovoltaikanlagen und Biogasanlagen, die erst mal individuell einspeisen und dann, basierend auf einem übergeordneten Leistungsmanagement, Befehle bekommen, um ihre Einspeisung zu verändern. Und diese übergeordnete Regelungs- und Steuereinheit, die gehorcht den Ansprüchen des Netzes, das heißt, wenn die erhöht, und wenn die Frequenz ansteigt, muss die Einspeisung gedrosselt werden."

Das Zusammenspiel, hier von zwei Windparks, drei Biogas- und einer Fotovoltaik-Anlage mit einem Server in Kassel, wurde gestern im Testlauf vorgeführt. Die realen Anlagen mussten mit verschiedenen, vorgegebenen Schwankungen im Netz und mit unterschiedlichem Bedarf klarkommen und vor allem schnell und ausgleichend reagieren.

Ihre Gesamtleistung von rund 80 Megawatt war verknüpft und im Kombikraftwerk zusammengeschaltet. Ausgehend von der Regelleistung wurden in dem öffentlichen Feldtest die verschiedenen Ausnahmesituationen getestet.

Insgesamt reagierte die Anlage in Sekundenschnelle, wies nur wenige "Überschwinger" aus, also Überreaktionen, die über die Zielvorgaben hinausschossen, sich aber schnell korrigierten.

Beeindruckend stabil klappte die Kommunikation zwischen der Teststeuerung in Berlin, dem Zentrum in Kassel und den Anlagen im Bundesgebiet. Wobei die nahe beieinanderliegenden Windparks in Brandenburg unter derselben Windflaute litten.

Ergebnis, so die Wissenschaftler: Wind-, Solar- und Biogasanlagen können im selben Maße Netzstabilität sicherstellen wie Atom-, Kohle- oder Erdgaskraftwerke. Eigentlich zu 100 Prozent, auch wenn die Bundesregierung bislang für 2050 nur einen 80-Prozent-Anteil der erneuerbaren Energie anpeilt. Für Professor Clemens Hoffmann vom Fraunhofer-Institut kann dafür im Prinzip schon heute Versorgungssicherheit mittels dieser Kombikraftwerke gewährleistet werden.

"Also letztendlich, das haben sie heute an der Veranstaltung auch gesehen, ist das immer noch etwas angstbesetzt, funktioniert das jetzt auch wirklich, es sind immer noch prototypische Anlagen, prototypische Steuerungsalgorithmen. Wir sind superglücklich, dass es hinhaut. Man konnte heute durchaus auch sehen, dass sich das an der Grenze bewegte, niedrige Windgeschwindigkeiten, wo es dann auch nicht so ganz nach Plan läuft. Aber ich glaube, das bürgt für Authentizität."

Ein Test also, aber unter sehr realitätsnahen Bedingungen. Die Forscher haben neben dieser Momentaufnahme auch ein komplettes Referenzjahr durchgespielt. Mit stundengenauen Wetterdaten etwa und angeforderten Systemdienstleistungen.

Peter Finger vom Sonnenenergiekonzern "Solar World", der am Projekt beteiligt war, schwärmt von erfolgreichen Tests.

"Die haben bewiesen, dass das alte Argument der Fossil-Energie-Wirtschaft, dass auch wenn es irgendwann mal 1005 erneuerbare Energien geben sollte, das dann eben das System nicht mehr sicher ist. Stichwort: Blackout, was gerade noch mal von RWE gesagt worden ist. Das ist Quatsch, das hat dieses Projekt Kombikraftwerk 2 bewiesen. Und insofern finde ich, dass ein weiterer Mythos der Fossilen-Energie-Wirtschaft abgeräumt worden ist.

Man könnte jetzt nicht nur sagen: 'yes we can', sondern 'yes we can at once'. Denn es stehen schon viele Kapazitäten zur Verfügung. Und heute ist noch mal gezeigt worden: Wenn man diese Kraftwerke zusammenschaltet im Rahmen eines Kombikraftwerkes, ist schon so vieles möglich: yes we can - at once."

"At once" - auf der Stelle – bereits jetzt sofort, könne der deutsche Strombedarf stabil aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Das ist nur leicht übertriebener Optimismus des Solar-Vertreters Peter Finger - und verständlich im Sog des gelungenen Projektes Kombikraftwerk 2.

"Also schön wäre, wenn man diese Präsentation auch mal in den Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD vorführen würde. Ich erhoffe mir sehr, dass diese Zukunftschance erkannt wird. Es kann nicht mehr wirklich darum gehen, eine alte, fossile Wirtschaft zu retten, das erhoffe ich mir von den Koalitionsverhandlungen."

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