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StartseiteInterview"Jeder Tag ist eine weitere Katastrophe"15.03.2018

Sieben Jahre Krieg in Syrien"Jeder Tag ist eine weitere Katastrophe"

Sieben Jahre dauert der Krieg in Syrien schon an. "Die Situation verschlimmert sich schon fast von Tag zu Tag", sagte Jakob Kern im Dlf. Wenn nicht bald eine Feuerpause komme, werde sich die Lage noch weiter zuspitzen, sagte der Landesdirektor des World Food Programme in Syrien.

Jakob Kern im Gespräch mit Christiane Kaess

Ein Sanitäter versorgt einen Verletzten auf dem Boden eines Krankenhauses in Ost-Ghuta. (dpa/Anas Alkharboutli)
Not-Versorgung von Verletzen in Ost-Ghuta (dpa/Anas Alkharboutli)
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Christiane Kaess: Es ist offenbar nur noch eine Frage der Zeit, wie lange es noch dauert, bis die syrische Rebellen-Enklave Ost-Ghouta bei Damaskus an das syrische Regime fällt. Agenturen berichten, dass etliche Menschen aus der belagerten und umkämpften Stadt zu fliehen versuchen. Unterdessen soll wieder ein Hilfskonvoi nach Ost-Ghouta gefahren sein.

Darüber kann ich jetzt sprechen mit Jakob Kern. Er ist Landesdirektor des World Food Programme in Syrien und wir erreichen ihn in Damaskus. Guten Tag, Herr Kern.

Jakob Kern: Guten Tag, Frau Kaess.

Kaess: Herr Kern, sieben Jahre Krieg in Syrien, wie geht es den Menschen im Land?

Kern: Die Situation verschlimmert sich schon fast von Tag zu Tag. Nach sieben Jahren haben die Leute keine Reserven mehr. Sie haben alle ihre Gelder aufgebraucht, um Lebensmittel zu kaufen, es haben viele in belagerten Gebieten ihre Möbel verbrannt, um die Lebensmittel zu kochen. Und wenn nicht jetzt schnell eine Feuerpause und ein Frieden eintritt, dann wird sich die Lage noch mehr verschlimmern, als es schon ist.

Man muss sich vorstellen: Von den 19 Millionen Menschen, die in Syrien leben, sind sechs Millionen, mehr als sechs Millionen sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen, und vier Millionen sind im Risiko, dass sie auch soweit kommen. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist auf Lebensmittelhilfe angewiesen.

Kaess: Herr Kern, Sie sind in Damaskus. Das ist direkt neben Ost-Ghouta, wo im Moment gekämpft wird. Was bekommen Sie davon mit?

Kern: Der Krieg ist nicht nur in Ost-Ghouta. Der ist hier, wo wir sind. Gerade als ich auf mein Interview wartete, etwa vor fünf Minuten, habe ich eine sehr laute Explosion gehört und habe gesehen, dass etwa 300 Meter von meinem Büro entfernt eine Granate eingeschlagen ist, die von Ost-Ghouta kam. Gleichzeitig hören wir Flugzeuge, die Bombenangriffe führen, und gleichzeitig haben wir einen Hilfskonvoi, wie Sie gehört haben, jetzt gerade in Duma für 26.000 Leute. Das World Food Programme hat das Weizenmehl geliefert, das Rote Kreuz die restlichen Lebensmittel.

Das ist die Situation hier. Der Krieg ist nicht irgendwo in den Vorstädten; der Krieg ist hier in der Stadt auch ganz hautnah spürbar.

"Wir brauchen einen Monat Feuerpause"

Kaess: Diese Feuerpause, die angekündigt wurde, funktioniert die denn mittlerweile insoweit, dass solche Hilfskonvois jetzt regelmäßig in die Gebiete fahren können?

Kern: Die Feuerpause funktioniert im Moment im Gebiet in Duma, wo unser Konvoi ist. Aber in den anderen zwei Enklaven, die jetzt eingekesselt sind, dort wird weiter gekämpft. Wir brauchen mehr als nur eine 15-stündige Feuerpause. So ein Konvoi mit diesmal 25 Lastwagen, da brauchen wir mindestens sechs Stunden, um sie abzuladen. Mit allen Wartezeiten kann das gut zehn bis 20 Stunden dauern.

Syrien, Duma: Ein Hilfskonvoi fährt durch die Stadt. (dpa-Bildfunk / Samer Bouidani)Der Hilfskonvoi auf dem Weg nach Ost-Ghuta. (dpa-Bildfunk / Samer Bouidani)

Ich war einmal in so einem Konvoi über die Frontlinie. Der hat 37 Stunden gedauert mit 50 Lastwagen. Wir brauchen eine monatige Feuerpause mindestens, damit wir alle diese Leute unterstützen können, weil wir nicht in einem Konvoi 400.000 Leute mit Lebensmitteln versorgen können.

Kaess: Wir lesen jetzt hier Meldungen, dass Menschen auch aus Ost-Ghouta fliehen. Können Sie das bestätigen und wohin fliehen diese Menschen?

Kern: Das haben wir auch gesehen. Da gibt es Live-Fernsehaufnahmen davon. Die Menschen gehen in eine sogenannte Schutzzone. Dort sind Aufnahmezentren, die von der Regierung bereitgestellt wurden, die auch dann von der UNO und vom Syrischen Halbmond unterstützt werden. Von dort ist es dann eine sehr ungewisse Sache, wohin die Menschen gehen. Wir haben schon drei Tage eine solche Evakuation miterlebt und die Leute, die kommen sehr unsicher heraus und wissen dann nicht, wie ihr Leben weitergeht.

"Mehr als die Hälfte aus ihren Häusern vertrieben worden"

Kaess: Und auch Sie wissen nicht, was passieren wird mit diesen Menschen?

Kern: Die werden vorerst in diesen Übergangszentren bleiben und dann, wenn sie Verwandte haben irgendwo in der Stadt oder in einem anderen Teil von Syrien, werden sie weiterziehen. In Syrien sind ja sechs Millionen Leute auf der Flucht oder haben ihr Zuhause verlassen. Fünf Millionen sind im Ausland. Von den ursprünglich etwa 20 Millionen Einwohnern ist mehr als die Hälfte aus ihren Häusern vertrieben worden, und das ist das riesige Problem in Syrien, dass so viele Obdachlose im Land selber und dann auch in den benachbarten Ländern jetzt sind.

Kaess: Herr Kern, sagen Sie uns zum Schluss noch: Haben Sie irgendeine Hoffnung, dass in naher Zukunft es eine Aussicht auf Frieden gibt, dass sich die Lage beruhigt?

Kern: Nur, wenn es eine politische Lösung gibt. Ich glaube, militärisch wird diese Lösung für Syrien noch lange dauern, und jeder Tag ist wie gesagt eine weitere Katastrophe für Hunderte, Tausende, Millionen von Syrern, die warten, bis endlich Frieden herrscht, bis sie ihr Leben wieder zurückerhalten und wieder ein Leben aufbauen können in den Ruinen, die sie jetzt sehen.

Kaess: Sieben Jahre Krieg in Syrien – darüber haben wir gesprochen mit Jakob Kern. Er ist Landesdirektor des World Food Programme in Syrien. Wir haben ihn in Damaskus erreicht. Danke dafür, Herr Kern.

Kern: Vielen Dank auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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