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StartseiteSonntagsspaziergangDer Traum vom Surfer-Mekka29.09.2019

Sierra LeoneDer Traum vom Surfer-Mekka

Bürgerkrieg und Ebola - Sierra Leone will seine leidvolle Vergangenheit abstreifen. Ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft gründen die Menschen vor allem auf den Tourismus, inzwischen gibt es sogar ein Surfcamp. Doch noch verirren sich nur wenige Touristen an die Traumstrände des Landes.

Von Benjamin Moscovici

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Bukeh Beach in Sierra Leone, West Afrika (imago images / Michael Runkel)
Warten auf Touristen: Bureh Beach in Sierra Leone (imago images / Michael Runkel)
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Unbeirrbar rollen Wellen auf den weißen Strand. Palmen wiegen sich im Wind. Im Schatten einiger strohgedeckter Sonnenschirme unterhalten sich Gäste bei frischen Kokosnüssen. Keine 20 Meter den Strand rauf steht Ali Cissé in einer kleinen blaugestrichenen Hütte mit Blick aufs Meer hinter der massiven Holztheke des Bureh Surf Camps.

"Wir servieren hier gegrillten Fisch, frische Hummer, Kalamari und Meeresfrüchte. Nach dem Surfen will man doch was Anständiges essen."

Surfcamp soll Touristen anlocken

Gegründet wurde das Surfcamp 2012, finanziert durch internationale Spender. Das Projekt soll der Jugend eine Perspektive geben, Touristen anziehen, Geld in die Dorfgemeinschaft bringen. Ein Community Projekt.

"Das Geld, das wir hier verdienen, wird aufgeteilt. 25 Prozent geht an die Community, 25 Prozent wird in Equipment und die Aufrechterhaltung des Betriebs investiert und 50 Prozent geht an die Angestellten."

Das Surfcamp ist auch der Versuch, das Land in eine bessere Zukunft zu führen, die Schrecken der Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Tommy Davis ist einer der Gründer des Camps. Der 47-Jährige erinnert sich noch gut an den Bürgerkrieg, der 1991 über das Land hereinbrach und erst 2002 endete.

"Es war etwa vier Uhr morgens, als wir von Schüssen geweckt wurden. Wir sind sofort runter zum Strand gerannt."

Erzählt Tommy Davis während er den Strand entlang schlendert.

Tommy Davis ist einer der Gründer des Bureh Surf Camps in Sierra Leone (Deutschlandradio / Benjamin Moscovici)Tommy Davis ist einer der Gründer des Bureh Surf Camps (Deutschlandradio / Benjamin Moscovici)

"Ich zeige euch jetzt, wo wir uns während des Krieges versteckt haben. Wir mussten hier über diesen Fluss und sind dann weiter zum Friedhof."

Friedhof hinter dem Strand

20 Minuten laufen wir den Strand entlang. Davis erzählt von seiner Familie, den drei Kindern. Irgendwann biegt er rechts ab, steigt die Böschung hoch, schiebt ein paar Zweige auseinander und taucht ein ins Dickicht des Waldes.

"Das hier ist der Friedhof. Wir haben hier Löcher gegraben, Stöcker drüber gelegt, die Äste mit Blättern und Stofffetzen bedeckt und uns darunter versteckt."

Um uns her ist der Urwald, alles ist zugewuchert, von den Löchern aus dem Bürgerkrieg ist längst nichts mehr zu sehen. Aber auch Gräber sind in dem Dickicht nicht zu auszumachen. Dabei ist der Friedhof noch in Benutzung, erklärt Davis. Allerdings werden die Ruhestätten nicht markiert. Die Toten werden einfach in dieser bestimmten Ecke des Waldes begraben.

"Während des Krieges haben uns die Toten beschützt. Wir können sie nicht sehen, aber sie sehen uns und passen auf uns auf."

Während wir im Dickicht auf dem Friedhof stehen, erzählt Davis:

"31 Tage haben wir uns hier auf dem Friedhof versteckt."

Ein Leben in Angst, aber das Leben geht weiter.

"In unserer Zeit auf dem Friedhof wurden auch Kinder geboren. Mitten im Krieg ein Baby zu sehen - was für ein Gefühl. Wir haben gesungen und getanzt. Wir haben Rum gekauft und Joints geraucht. Wir wollten vergessen. Vergessen, dass wir uns hier auf dem Friedhof vor dem Krieg verstecken."

Die Erinnerung weckt gemischte Gefühle.

"Ich habe viele Freunde verloren, Brüder und Schwestern. Very, very, very sorry."

Aber es gibt auch die andere, die vielleicht verwirrendere Seite.

"Manchmal vermissen wir den Krieg. Das Leben war irgendwie intensiver. Trotz all dem Morden und Töten haben wir gelacht und Witze gemacht."

Erinnerungen an den Kriegshorror

Dabei waren die Schrecken des Krieges allgegenwärtig. Im Wald und in den Bergen lauerten die Rebellen, zogen mordend durch die Dörfer. Und vor der Küste lagen Kriegsschiffe der Marine und schossen wild ins Landesinnere. Eines Tages, erzählt Davis, habe er im Dorf etwas einkaufen wollen und sich gerade noch rechtzeitig im Gebüsch versteckt, als die Rebellen kamen. Sie packten den Shopbesitzer.

"They ask you: What do you need? Short sleeves or long sleeves?"

Langärmlig oder kurzärmlig - so die zynische Frage der Rebellen.

"Wenn du long sleeves gesagt hast, haben sie deine Hand hier abgeschnitten, und wenn du short sleeves gesagt hast, hier" - sagt Davis und fährt sich mit der Handkante über den Oberarm und das Handgelenk.

"Pah pah oh my god. I've seen them. I don't wanna die that moment. God makes they don't see me."

Doch all das ist lange her. Horror der Vergangenheit. Durch das Dach des Waldes blitzt die Sonne, die Meeresbrandung weht zu uns herüber.

"Heute ist unser Land friedlich. Wir wollen nicht, dass die Menschen Angst vor Sierra Leone haben. Das Land hat sich verändert."

Hoffen auf den Tourismus

Tatsächlich hat sich Sierra Leone zurückgekämpft, entwickelte sich bald zu einem der sichersten Länder in Westafrika, die Wirtschaft florierte. Doch dann schlug Ebola zu und setzte das Land wieder auf null. Zurück im Surfcamp treffen wir Kadiatu Kamara. Die 22-Jährige ist die erste und bislang einzige Surflehrerin des Landes.

"Als Ebola unser Land getroffen hat - das war furchtbar. Aber jetzt ist auch das vorbei. Jetzt hoffen wir, dass die Menschen zurück nach Sierra Leone kommen. Wer Surfunterricht will, ist herzlich willkommen."

Bislang kommen vor allem Mitarbeiter westlicher Hilfsorganisationen an den Wochenenden hierher - Touristen gibt es kaum. Dennoch ist das Surfcamp ein Erfolg. Die Arbeit ist für die Jugendlichen hier in Bureh nicht nur ein Weg aus der absoluten Armut, sondern auch ein Fenster zur Welt.

Kadiatu Kamara: "Seit ich in den Surfclub gekommen bin, hat sich mein ganzes Leben verändert. Ich habe Surfen gelernt, unterschiedliche Menschen verschiedenster Herkunft getroffen. Bevor ich herkam, konnte ich nicht mal Englisch. Surfen hat unendlich viel in meinem Leben bewegt."

Bürgerkrieg und Ebola - Sierra Leone hat eine leidvolle Vergangenheit. Aber irgendwie sind die Menschen hier immer wieder aufgestanden, haben von vorne angefangen, sich zurückgekämpft. Ein Land voller Hoffnung, ein Land das Hoffnung macht.

"Ich hoffe, dass ich eines Tages zu internationalen Wettbewerben eingeladen werde, mein Land als einzige weibliche Surferin vertreten kann. Ich will Sierra Leone auf die Weltkarte der Surfspots bringen."

Sagt Kadiatu Kamara.

"That is my wish, that is my dream."

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