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StartseiteEine WeltZwischen Traumata, Drogen und Ausbeutung23.11.2019

Sierra LeoneZwischen Traumata, Drogen und Ausbeutung

Sie haben gemordet, vergewaltigt und gebrandschatzt und sind doch selbst Opfer. In Sierra Leone versuchen ehemalige Kindersoldaten, mit dem zivilen Leben zurechtzukommen. Doch der Weg ist lang. Während früher Warlords an ihnen verdient haben, sind es heute Geschäftsleute.

Von Benjamin Moscovici

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Fünf der ehemaligen Kindersoldaten um ein Okada genanntes Motorrad (Deutschlandradio/ Benjamin Moscovici)
Früher haben sie zusammen im Urwald gekämpft, heute versuchen sie im Großstadtdschungel zu überleben (Deutschlandradio/ Benjamin Moscovici)
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Gegenüber vom zentralen Gefängnis in Sierra Leones Hauptstadt Freetown thront am Rande einer großen Kreuzung eine kleine Holz-Baracke etwas wackelig über einem Abwasserkanal. Ein Dutzend Männer hängt hier herum. Einst waren sie der Albtraum Sierra Leones. Rebellen, die im Morgengrauen aus dem Dschungel kamen und die Dörfer überfielen. Keiner, der hier sitzt, hat nicht gemordet. Aber im sierra-leonischen Bürgerkrieg waren sie nicht nur Täter, sondern zunächst einmal Opfer.

"Ich habe mit meiner Familie in einem Dorf in der Nähe von Makeni gelebt, als die Rebellen kamen. Sie nahmen meinen Vater und haben ihm den Kopf abgeschnitten. Vor meinen Augen", erzählt ein Mann, den sie hier Boko G nennen.

"Danach wollten sie meine Mutter umbringen. Ich habe versucht, mich ihnen in den Weg zu stellen. Ich war ein sehr kräftiges und mutiges Kind. Ein echter Kämpfer. Deshalb haben die Rebellen mir angeboten, mich ihnen anzuschließen."

Es mag mindestens verwirrend klingen. Aber der Junge schließt sich tatsächlich eben den Männern an, die seinen Vater ermordet und seine Mutter und Schwester vergewaltigt haben. Kein Einzelfall.

"Das war die einzige Option. Sterben oder sich ihnen anschließen", sagt einer der ehemaligen Kindersoldaten. Auf Rebellenseite waren wohl rund die Hälfte der Kämpfer gerade einmal zwischen acht und 14 Jahren. Aber wie macht man aus Kindern Killer? Boko G weist auf die Narbe auf seinem rechten Wangenknochen.

"Die Rebellen haben mir hier das Gesicht mit einer Rasierklinge aufgeschlitzt. Dann haben sie Kokain in die Wunde gestreut. Sie haben gesagt, so kommen die Drogen direkt ins Gehirn."

Die Macht der Drogen

Koks und Alkohol sollten die Kinder aufputschen, ihnen das Morden erleichtern. Anschließend halfen die Rebellen mit Marihuana und Crack dem Vergessen nach. So wurden aus unschuldigen Kindern tatsächlich bald grausame Killermaschinen. Jugendliche, die vergewaltigten, schwangeren Frauen die Babys aus dem Leib schnitten und auf das Geschlecht der Föten wetteten. Kinder, die Menschen in ihren Hütten einsperrten und dann die Strohdächer in Brand setzten.

"Only God can judge me" steht auf dem tätowierten Rücken eines ehemaligen Kindersoldaten aus Sierra Leone (Deutschlandradio/ Benjamin Moscovici)"Only God can judge me" steht auf dem tätowierten Rücken eines jetzigen Okadafahrers (Deutschlandradio/ Benjamin Moscovici)

Wie geht eine Gesellschaft mit so etwas um? Was macht man mit Kindern, die zu solchen Dingen gezwungen, die sich solcher Grausamkeit schuldig gemacht haben? Dr. Ibrahim Bangoura unterrichtet Politikwissenschaft an der Universität in Freetown. Er sagt, dass Frieden und Versöhnung nach dem Ende des Krieges wichtiger gewesen seien als Gerechtigkeit und Strafe.

"Nach dem Krieg startete die Regierung mit der Unterstützung der Vereinten Nationen einen Prozess zur Abrüstung, Demobilisierung und Reintegration ehemaliger Kämpfer. Insgesamt 76.000 Menschen durchliefen diesen Prozess. Für ehemalige Kindersoldaten boten verschiedene Hilfsorganisationen wie UNICEF eigene Programme an."

Juristisch verfolgt wurde fast niemand. Wer seine Waffen abgab, erhielt Amnestie.

"Aber der Reintegrationsprozess ist eine lebenslange Aufgabe. Die Projekte hingegen haben eine sehr begrenzte Laufzeit. Nach dem Auslaufen der Reintegrationsprojekte wurden die ehemaligen Kindersoldaten mit ihren Problemen alleine gelassen."

In der kleinen Baracke über dem Abwasserkanal zündet sich Boko G einen dicken Joint an und präsentiert dann rauchend seine Männer: "Das hier ist Elephant Man. Ein gefährlicher Kämpfer. Das hier ist mein nächster Mann. Auch ein unerschrockener Krieger. Und hier, ein weiterer tapferer Kämpfer. Wir alle hier kennen nichts anderes als den Krieg. Wir können nichts anderes. Das einzige, was wir gelernt haben, ist, wie man ums Überleben kämpft."

Entthronte Herrscher des Dschungels

"I‘m a Gangster!", sagt ein Mann, den sie hier Cashmoney nennen. Gerade erst ist er nach drei Monaten wieder aus dem Gefängnis gekommen. Das zivile Leben ist schwer. Welche Perspektiven hat jemand, der seine Schulzeit als Kämpfer im Dschungel verbracht hat? Und wie soll man sich von der Vergangenheit lösen, wenn sie auf eine bizarre Weise die wohl stolzeste, freieste und vielleicht sogar beste Zeit im Leben war? Damals waren sie gefürchtete Herrscher des Dschungels. Und heute – achtzehn Jahre nach dem Krieg?

"Ganz ehrlich – das Land ist am Arsch. Nach allem was passiert ist. Niemand hilft uns, es gibt keine Jobs", so einer der Kindersoldaten.

Sierra Leones Kindersoldaten bleiben am Rand der Gesellschaft. Viele kämpfen mit Drogenproblemen, leben auf der Straße. Zwar gab es nach dem Krieg Projekte, in denen ehemalige Kindersoldaten ein Handwerk lernen sollten. Aber das klappte nur selten. Was hingegen klappte, war ein Vorstoß in einen völlig neuen Markt. Anfang des Jahrtausends begannen japanische, chinesische und indische Firmen, zunehmend günstige Motorräder nach Westafrika zu exportieren. Zusätzlich zu den schrabbeligen, völlig überfüllten Taxen, die auf relativ festen Routen unterwegs waren, brausten plötzlich überall Motorräder durch die Gegend. Schneller, komfortabler und anders als die klassischen Taxen, die eher wie Buslinien funktionieren, brachten die sogenannten Okadas die Kunden direkt ans Ziel. Viele ehemalige Kindersoldaten nutzten die Gunst der Stunde.

"Wir stehlen nicht mehr oder holen uns mit Gewalt, was wir zum Leben brauchen. Wir sind jetzt alle Okadafahrer", erklärt Boko G.

Am Anfang sah es so aus, als könnte daraus eine Erfolgsgeschichte werden. Motorradfahren statt Morden. In vielen Städten Sierra Leones entwickelten sich kleine Zusammenschlüsse ehemaliger Kindersoldaten im Okada-Business. Man trat für seine Rechte ein, setzte sich gegen korrupte Polizisten zur Wehr und half sich gegenseitig in Notlagen. Und: Man konnte relativ gut Geld verdienen. Das zog immer mehr Leute an. Ehemalige Kämpfer, die nicht das nötige Geld für ein Motorrad hatten, begannen sich Geld bei reicheren Bekannten und Verwandten zu leihen. Und so verwandelte sich das System. Zwar gibt es die alten Zusammenschlüsse teilweise noch. Aber heute besitzt die Mehrheit der Okadafahrer ihre Motorräder nicht mehr selbst. Sie fahren für andere.

"Etwa 10 Euro verdiene ich am Tag. Die Hälfte geht an den Boss. Von der anderen muss ich noch das Benzin bezahlen. Am Ende des Tages bleiben mir im Schnitt meist nur rund zwei Euro."

Während sie selbst am absoluten Existenzminimum leben, verdienen die Geschäftsleute im Hintergrund gutes Geld. Fünf Euro pro Tag. Das sind gut 1.800 Euro im Jahr. Ein Motorrad kostet gerade einmal 700 bis 800 Euro.

Während des Krieges riskierten Sierra Leones Kindersoldaten im Dschungel ihr Leben, damit ihre Anführer sich den Zugriff auf lukrative Diamantenminen sichern konnten, heute riskieren sie ihr Leben im Straßenverkehr, damit einige Geschäftsleute satte Gewinne machen können.

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