Donnerstag, 18. August 2022

G7-Gipfel in Elmau
Wichtige Signale, aber eine nicht mehr zeitgemäße Veranstaltung

Die Diskussionen und Ankündigungen auf dem G7-Gipfel wie die 600 Milliarden Dollar umfassenden Infrastrukturprojekte seien wichtig, kommentiert Frank Capellan. Aber dafür hätte man keinen Mammutgipfel gebraucht. Solche Veranstaltungen seien schon lange nicht mehr zeitgemäß.

Ein Kommentar von Frank Capellan | 27.06.2022

Emmanuel Macron, Tedros Adhanom Ghebreyesus, Macky Sall, Michel, Olaf Scholz, Fumio Kishida, Joko Widodo, Ursula von der
Emmanuel Macron, Tedros Adhanom Ghebreyesus, Macky Sall, Michel, Olaf Scholz, Fumio Kishida, Joko Widodo, Ursula von der Leyen, Joe Biden und Fatih Birol beim Fototermin zum erweiterten Familienfoto im Rahmen der Outreach-Arbeitssitzung am zweiten Tag des G7-Gipfels auf Schloss Elmau (IMAGO/Future Image/Hübner)
Das schlumpfige Grinsen, das den bayerischen Ministerpräsidenten mal zur Weißglut brachte, ist auf diesem G7-Gipfel immer wieder mal im Gesicht von Olaf Scholz zu beobachten. Es läuft gut für den Kanzler, der sich als Gastgeber erstmals auf der ganz großen politischen Bühne profilieren kann. Bei all dem Lob, das ihm da zugesprochen wird, müsste er eigentlich immer wieder rote Ohren bekommen. „Danke, danke, danke!“, meint US-Präsident Joe Biden. „Ohne Dich hätten wir die Geschlossenheit im Umgang mit dem russischen Diktator nicht hinbekommen“.
Während Scholz in der Heimat gescholten wird, stärken ihm die Partner demonstrativ den Rücken. Dabei ist es nur wenige Monate her, dass Biden sichtlich verärgert über den Kanzler war, weil der bis zuletzt an der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 festhalten wollte. Vergessen!
Das ganze Schulterklopfen kann dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter den Kulissen noch ordentlich gerungen wird. Warum es erst eines G7-Gipfels bedurfte, um Putin enorme Einnahmen über den Kauf von Gold zu nehmen, ist kaum zu erklären. Und der Ölpreisdeckel, mit dem verhindert werden soll, dass Russland angesichts exorbitant gestiegener Energiepreise mittlerweile mindestens ähnlich hohe Einnahmen hat wie vor der Verhängung der Sanktionen, der macht nur Sinn, wenn weit mehr Länder mitziehen als nur die G7-Staaten.
Vor diesem Hintergrund war es klug von Kanzler Scholz, den indischen Premier Modi nach Elmau einzuladen. Weil er sich nicht vollends von Putin distanziert hat, profitiert sein Land nämlich derzeit von deutlichen Preisabschlägen beim Öleinkauf von Russland. Auch Indonesien, Senegal, Argentinien oder Südafrika werden in Elmau umworben, um sie von einer harten Linie gegenüber Moskau zu überzeugen. Die 600 Milliarden Dollar, mit denen in den kommenden fünf Jahren Infrastrukturprojekte in vielen Ländern bezuschusst werden sollen, haben also auch den Sinn, solche Staaten gewissermaßen zu kaufen, um sie aus der Abhängigkeit von China oder Russland herauszulösen.
Ist für all das aber ein Mammut-Gipfel notwendig? Nein! Solche Veranstaltungen sind schon lange nicht mehr zeitgemäß. Die netten Bilder vor dem Wettersteingebirge mögen das Image eines nüchternen Kanzlers in der Welt aufpolieren. Dass aber sage und schreibe 18.000 Polizisten erforderlich sind, um die Mächtigen der Welt zu schützen, dass fast 180 Millionen Euro an Steuergeldern in den Bergen von Garmisch verbrannt werden, das müsste einem sozialdemokratischen Kanzler eigentlich kein schlumpfiges Grinsen, sondern die Schamesröte ins Gesicht treiben!
Frank Capellan, Hauptstadtstudio
Frank Capellan, Hauptstadtstudio
Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.