Dienstag, 12.11.2019
 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteUmwelt und VerbraucherSinnbild für die Ökokatastrophe08.11.2019

"Silbersee" in BitterfeldSinnbild für die Ökokatastrophe

Die "Silbersee" genannte Giftbrühe in Wolfen-Süd bei Bitterfeld ist eine Hinterlassenschaft der ORWO-Filmfabrik aus DDR-Zeiten. Bis heute sickern Giftstoffe daraus ins Grundwasser. Die Sanierung könnte eine Aufgabe für die Ewigkeit sein.

Von Christoph Richter

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der sogenannte Silbersee bei Bitterfeld in den zu DDR-Zeiten belastete Abwässer, Schlämme und Abfälle aus der Filmfabrik Wolfen eingeleitet wurden. (imago images/Rainer Unkel)
Silbersse bei Bitterfeld: Zu DDR-Zeiten wurden Abfälle aus der Filmfabrik Wolfen eingeleitet (imago images/Rainer Unkel)
Mehr zum Thema

Ex-Treuhand-Direktor Detlef Scheunert "Ich konnte richtig aggressiv sein"

30 Jahre Deutsche Einheit "Bei den Löhnen ist heute noch die alte Grenze sichtbar"

Sanierungsfall Bitterfeld Oben blühende Landschaften, unten Gift im Grundwasser

Sanierung von DDR-Altlasten Giftiges Erbe in Bitterfeld-Wolfen

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Kaum vorstellbar, wie es in der Gegend zwischen Bitterfeld und Wolfen früher – also vor 30 Jahren - noch aussah: diesig, neblig, grau und stinkend.

Als Synonym für die apokalyptische Ökokatastrophe steht die ausgekohlte Tagebau-Grube Johannes. Besser bekannt als der so genannte "Silbersee" in Wolfen-Süd bei Bitterfeld. Dort wurden schon in den 30er Jahren Abfälle aus der Zelluloseproduktion  eingeleitet. Zu DDR-Zeiten hat die ORWO-Filmfabrik ihre stinkende Giftbrühe hineinsprudeln lassen. Weshalb die Menschen ihr Wasser abkochen mussten, extra 400 Mark bekamen, um Gemüse zu kaufen. Alles stank fürchterlich nach verfaulten Eiern.

"Im Winter war es besonders deutlich. Wenn es geschneit hat, war der Schnee nach einem halben Tag schwarz."

erinnert sich Horst Kühn, ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Filmkombinats, heute Vorsitzender des Fördervereins Filmmuseum Wolfen.

Giftschlamm auf dem Grund des Silbersees

Auf dem Grund des sogenannten "Silbersee" lagern - hochkontaminierte, gel-artige – Gift-Schlämme. Doch man habe alles im Griff, sagt Harald Rötschke. Geschäftsführer der MDSE, der Mitteldeutschen Sanierungs- und Entsorgungsgesellschaft. Eine 100-prozentige Tochter des Landes Sachsen-Anhalt.

"Sie merken ja, wir haben den Wind, der direkt in die Nase weht. Sie riechen nichts."

Die Messwerte der Ausgasungen, also der Dämpfe aus dem See lägen dauerhaft unter den WHO-Grenzwerten, sagt Rötschke, der Chefsanierer des "Silbersees":

 "Sie merken kurzfristig was, wenn Sie den Schlamm mal freilegen oder wenn Sie drin rumwühlen und es blubbert ein bisschen was hoch. Ja, dann riechen sie kurzfristig was, aber ansonsten war es das."

Irgendwann soll der "Silbersee" aber nicht mehr zu sehen sein, sagt Rötschke. Denn die Giftmüllhalde werde derzeit mit Schlacken, mit den Überresten verbrannten Hausmülls verfüllt.

Hausmüll soll den Gift-See füllen

 "Um den Schlamm zu binden. Man nimmt Schlacken einer bestimmten Korngrößenverteilung. Man muss die Korngröße so wählen, damit sich der Schlamm zwischen die Körner einbinden kann."

150.000 bis 200.000 Tonnen Hausmüll-Schlacken stehen den Sanierern jährlich zur Verfügung. Der Inhalt der Grube Johannes – also des "Silbersee" - hat jedoch ein Volumen von knapp 2,3 Millionen Kubikmeter, erklärt Harald Rötschke:

" Da  kann man sich leicht ausrechnen, dass das 15 bis 20 Jahre dauert, bis das Ganze schrittweise verfüllt ist."

Doch damit sei das Problem nicht gelöst, fürchten Anwohner. Sie vermuten, dass die Giftschlämme durch die Überreste verbrannten Hausmülls nicht ausreichend gebunden werden.

 "Na, die Gefahr ist immer, dass Auswaschungen von den Chemikalien stattfinden, die im Grundwasserbereich sind. Damit wird der Rest des Grundwassers chemisch weiter verseucht. Das ist die Gefahr", sagt Dietmund Wolf. Zu DDR-Zeiten - von 1963 an – war er Maschinenbauingenieur im Braunkohlekombinat Bitterfeld.

"Fluch von Bitterfeld"

Die Umweltkatastrophe aus DDR-Zeiten sei sowas wie der Fluch von Bitterfeld, sagt er noch. Denn Grundwasserleiter könnten hoch-kontaminiertes Tiefenwasser weiter in Richtung Norden, also damit in die Mulde und die Elbe – damit letztlich in die Nordsee - transportieren.

Chemiker Fred Walkow war Chef des Umweltamtes Bitterfeld, Organisator der ersten wissenschaftlichen Bitterfelder Umweltkonferenz nach dem Mauerfall. Und bestätigt: Keine einzige Deponie habe einen abgedichteten Boden, krebserregende Gifte würden immer noch in den Untergrund, also in das Grundwasser einsickern. Der "Silbersee" sein in dieser Hinsicht jedoch ein recht harmloser Fall, wie Walkow sagt. Viel schlimmer sei die Lage in den benachbarten – eher unbekannten - Deponien, wie der "Grube Greppin" oder der "Grube Antonie".

 "Was hier reingegangen ist, weiß keiner ganz genau. Das sind sehr grobe Schätzungen. Man geht von 70.000 Tonnen Rückständen aus der HCH- und DDT-Produktion. Lindan ist vielleicht ein Begriff,"

ein krebserregendes Insektizid, wie Fred Walkow erklärt. Ein weiteres Problem sei das steigende Grundwasser. Denn im Bereich des "Silbersee" befänden sich nach Angaben des Umweltbundesamtes – Zitat - "enorme Schadstofffahnen mit gefährlichen Stoffen und die hydrogeologische hochkomplexe Situation machen eine verhältnismäßige Grundwassersanierung technisch wie monetär unmöglich." Weshalb man ein großflächiges Monitoring betreiben, das Grundwasser ständig und immer kontrollieren müsse.

Ein unheimlicher Ort

Anwohner Dietmund Wolf wünscht sich daher eine sogenannte komplette Auskofferung aller Gruben in der Region Bitterfeld/Wolfen.

"Scheibchenweise versuchen den Boden rauszunehmen, zu neutralisieren. Aber das so richtig ist, wie man es jetzt macht? Ich bezweifle es."

Denn die Kosten sind immens.  Allein für die Sanierung des "Silbersee"  haben Bund und Land laut Angaben des Magdeburger Umweltministeriums seit 1992 etwa 350 Millionen Euro ausgegeben. Eine komplette Entsorgung der restlichen Giftmüll-Gruben würde etwa rund zwei bis drei Milliarden Euro kosten, schätzen Umwelt-Experten, wie Fred Walkow. Als Maßstab zieht man Pittsburgh – das amerikanische Bitterfeld heran. Dort habe die Sanierung drei Milliarden Dollar gekostet. Ähnliches müsse man auch in der der einstigen Industrieregion Bitterfeld investieren.

Die Achtung Lebensgefahr Schilder machen aus dem sogenannten "Silbersee", der "Grube Johannes" noch heute einen unheimlichen Ort. Wer an der Böschung der Gifthalde entlang läuft, muss angeseilt sein, an einem Pfahl hängt ein Rettungsring. Alles in allem eine Gegend, die auch heute noch befremdlich, rätselhaft und immer noch apokalyptisch wirkt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk