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Startseite@mediasresJournalisten sind keine Therapeuten01.03.2018

Silke BurmesterJournalisten sind keine Therapeuten

Müssen Journalisten sich mit Lesern, Hörern und Zuschauern auseinandersetzen, die unverschämt bis irre sind? Nein, sagt unsere Kolumnisten Silke Burmester - auch wenn das Lob bringt.

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Porträt von Silke Burmester (imago stock&people)
Kein Verständnis für Unverschämtheiten: Silke Burmester (imago stock&people)
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Hallo liebe Hörerinnen und Hörer dieser kleinen Kolumne,

letztes Mal an dieser Stelle bat ich Sie Journalistinnen und Journalisten, die Ihnen gefallen, mit Lob zu bedenken. Das haben Etliche getan. Das weiß ich, weil mir Einige geschrieben haben.

Einige schrieben auch, weil sie bereits zuvor Lob ausgesprochen hatten, und die Erfahrung gemacht, dass die Lobgepriesenen sich dafür nicht bedankt hatten. Nun kann man fragen, ob Lob, das man ausspricht, nicht im Kern selbstlos sein sollte, aber ich habe lieber über die Gründe für ausbleibenden Dank nachgedacht, und Folgende gefunden: Hybris, Arroganz, mangelnde Zeit und Muße.

Letzterem zum Trotz gibt es die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit jeder einzelnen Zuschrift, auch denen über Twitter und Facebook auseinandersetzen. Armin Wolf ist so einer. Der wohl renommierteste und scharfgeistigste Journalist Österreichs, hat allein auf Twitter knapp 401.000 Follower, und wenn einer ihm schreibt, antwortet er. Das beansprucht ihn ungemein. Aber Wolf, der von den schlichtesten, dümmsten und auch bösesten Bürgern ebenso wie von den schlichtesten, dümmsten und bösesten Politikern Österreichs regelmäßig angegangen wird, setzt sich unermüdlich mit ihren Einwänden, Anfeindungen und Beleidigungen auseinander. Wie etwa auch Dunja Hayali.

Lob für artfremde Tätigkeit

Einige von uns Journalisten sind dazu übergegangen, auch mit der blödesten Bratze, dem verbrämtesten Spinner in den Dialog zu treten. Immer in der Hoffnung, ihn zu erreichen, das Verschobene in seiner Wahrnehmung wieder gerade rücken zu können, ihn zurückzuholen in die Sphären von Demokratie und Toleranz. Manchmal tu ich das auch. Dann antworte auch ich den Andersdenkenden, den Spinnern und Beleidigern und versuche, einen Dialog herzustellen, auf dass die von mir angenommene Vernunft sie erreichen möge, und sie etwa ablassen von der Annahme, die Regierung würde die Berichterstattung vorgeben oder der Equal Pay Gap sei ausgedacht.

Wer so agiert, bekommt Anerkennung und Lob. "Toll!" heißt es, da geht ein Journalist/eine Journalistin in die Auseinandersetzung. Duckt sich nicht weg, sondern stellt sich dem Gegenüber. Versucht, die Demokratieflüchtlinge zurückzuholen. So kann man es sehen. Man kann aber auch eine Parallele zu Lehrern finden, deren Aufgabe mittlerweile auch darin besteht, die Defizite der Elternhäuser auszugleichen. Den Kindern fehlt es an Einfachstem. Benimm, Höflichkeit und Regeln des Miteinanders. Was zuhause versäumt wird, sollen die Lehrer vermitteln.

So geht es uns Journalisten auch. Weil gesellschaftliche Konflikte seit Neuestem auch von Seiten des Rezipienten in der medialen Öffentlichkeit ausgetragen werden, sind wir auf einmal zuständig. Irre, Verwirrte, Rechte, Wendeverlierer – wir Journalisten sollen geraderücken, was an anderer Stelle verbockt wurde.

Immer Verständnis haben? Nein!

Fakt ist, die Leute hängen nicht Verschwörungstheorien an, sie sind nicht rassistisch und fühlen sich zu kurz gekommen, WEIL es die Medien gibt, sondern OBWOHL es die Medien gibt.

Und obwohl die Leute trotz der Existenz von Medien so irre, paranoid und rechts sind, nicht aber wegen der Existenz, sollen wir Medienleute jetzt therapeutische Arbeit leisten. Schön ruhig mit denen reden. Und immer Verständnis haben. Bloß nicht das Gespräch verweigern oder gar vermeintliche Überlegenheit vermitteln. Egal, wie hoch die Arbeitsbelastung ist, welchen Ärger man gerade hat oder wie prekär die eigene Lebenssituation ist, immer soll man sehen, warum sie so sind, was schief gelaufen ist, warum sie für ihre Beknacktheit nichts können.

Der Auftritt von Cem Özdemir letzte Woche im Bundestag gegenüber der AfD hat mir sehr gefallen. Da hat ein Politiker endlich mal das Ding beim Namen genannt. Der hat nicht länger so getan, als seien Afdler Personen, die für ihr Rechtssein nichts können und mit ein wenig Jugendhilfe wieder auf den Weg gebracht würden. Nein, er hat gesagt, sie sind rechts, sie sind rassistisch, sie sind indiskutabel.

Schön wäre es, wenn Politiker auch an anderer Stelle beginnen würden, die Befindlichkeit des Volkes als Teil ihres Aufgabenbereichs zu begreifen. Wir Journalistinnen und Journalisten haben nämlich durchaus anderes zu tun. 

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