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Startseite@mediasresKolumnisten muss man sich auch leisten können29.03.2018

Silke BurmesterKolumnisten muss man sich auch leisten können

"Die Zeit" hat sich von einem ihrer umstrittensten Autoren, dem ehemaligen Richter Thomas Fischer, getrennt - mit der Begründung der Illoyalität. Kolumnisten und Kolumnistinnen sind eben ein zuverlässiger Garant redaktioneller Energiegewinnung, aber auch eine Bombe auf Zeit - findet unsere Kolumnistin Silke Burmester.

Von Silke Burmester

Porträt von Silke Burmester (imago / Sven Simon)
Silke Burmester (imago / Sven Simon)
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Silke Burmester Mehr Penunzen für den freien Journalismus, bitte

Medienumbau und seine Folgen Die Boulevardisierung des Journalismus

Hallo liebe Hörerinnen und Hörer dieser kleinen Kolumne!

Was die Atomkraft für die Stromversorgung, sind Kolumnistinnen und Kolumnisten für die Redaktionen: ein zuverlässiger Garant der Energiegewinnung – und eine Bombe auf Zeit. Alle wollen strahlende Kolumnisten haben – sind sie da, muss man sich mit ihnen rumärgern. Früher oder später tritt irgendwo ein Leck auf. Was als zuverlässig galt, explodiert – und als Verantwortlicher hat man den Salat.

Der aktuelle Gau in der Kolumnistenlandschaft: Thomas Fischer. Seit 2013 hatte der ehemalige Richter für "Die Zeit" und "Zeit Online" seine klugen, analytischen und die Perspektive erweiternden Gedanken unter dem Jubel der Chefredaktion und der Leser und Leserinnen vertrieben – jetzt wurde der Notschalter umgelegt und der Koloss stillgelegt. Thomas Fischer hatte, nicht zum ersten Mal, etwas geschrieben, das vielen Menschen nicht gefiel – und, erstaunlich für einen Mann seiner Intelligenz, in seinem Beitrag zur Debatte um die Missbrauchsvorwürfe gegen Dieter Wedel verschiedene Ebenen durcheinander gebracht. Verkürzt gesagt, er hat Journalisten die Fähigkeit zur Berichterstattung aberkannt, so sie denn nicht wie Juristen vorgingen und ein Sachverhalt nicht bereits durch ein Gericht bestätigt sei. Was das Ende der investigativen Recherche bedeuten würde. So klug Thomas Fischer ist, sein Text war ein Griff ins Klo.

Loyalität wird nicht belohnt

Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass "Die Zeit" sich jetzt von Fischer trennt. Mit der Begründung der Illoyalität, denn Fischer hatte seinen Beitrag nicht in einem Medium der "Zeit" veröffentlicht, das war von der Chefredaktion abgelehnt worden, sondern auf dem Medienportal "Meedia".

Es ist anzunehmen, dass Thomas Fischer sich richtig, richtig über den Wedel-Text geärgert hat. Dass er ihn ausnehmend schlimm fand.

Warum soll er das nicht sagen dürfen? Weil der kritisierte Text in dem Blatt erschien, für das er frei schreibt? Bekommt Thomas Fischer denn neben dem Honorar eine Summe X für Loyalität? Wahrscheinlich nicht. Aber Fischer ging es nicht um eine andere Einschätzung, was für ein Debattenblatt ok wäre. Nein, er hat die journalistische Sorgfaltspflicht des Hauses infrage gestellt, und obendrein, in einer überwunden gehofften chauvinistischen Verachtung, die möglichen Opfer. Und zwar in jener Art und Weise, die viele Frauen davon abhält, bei Vergewaltigung Anzeige zu erstatten. Schon die #MeToo-Debatte hatte er nicht gut aushalten können.

Weil ich eine ordentliche Journalistin sein möchte, habe ich bei der "Zeit" angerufen und mit Sabine Rückert, der stellvertretenden Chefredakteurin gesprochen. Sie habe den auch im Haus zum Teil sehr umstrittenen Fischer immer verteidigt, sagt sie. An diesem Punkt habe sie sich nun aber nicht nur vor die Kollegen, sondern auch vor die Frauen stellen müssen, die der "Zeit" zum Teil unter großem persönlichen Risiko ihre Erlebnisse mit Wedel erzählt hatten.

Alternde Herren schlagen im Journalismus aus

Jetzt lasse ich es mal egal sein, liebe Hörerinnen und Hörer, wer wann was wo gesagt hat – ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Aspekt lenken, der mir Sorge bereitet: Es fällt ja auf, dass es vor allem alternde Herren sind, die im Journalismus auf einmal ausschlagen. Die ihre liberale oder linke Haltung aufgeben, die die weibliche Emanzipationsbewegung nicht länger aushalten, schräges Zeug schreiben und destruktiv werden. Vielleicht steht dies in Relation zu abnehmender Potenz, das weiß ich nicht. Aber die Erfahrung zeigt: Rausgeworfen aus der Gemeinschaft wenden die Meinungsstarken sich einem reaktionären Spektrum zu. Und gehen erst zur "Welt", dann zu Roland Tichy. Am Ende sprechen sie vor der Neuen Rechten und haben Angst vor Einwanderern.

Konnte man vor ein paar Jahren beobachten, dass sich die Zeitung "Die Welt" zum Abklingbecken für verstrahlte Spiegel-Redakteure entwickelt hatte, muss man heute feststellen, dass die rechts-konservative Bewegung mit ihren wenigen Print- und zahlreichen Online-Medien diese Funktion übernommen hat. Hier findet eine abgehalfterte männliche Journalisten-Elite zu neuer Strahlkraft.

Es ist zu befürchten, liebe Hörerinnen und Hörer, dass auch Thomas Fischer Gefallen an einer Umarmung der Henryk M. Broders dieser Welt finden könnte. Und dass er und seine Auslassungen bei den Publikationen der Angstmacher eine neue Heimat finden. Denn eines darf man bei dieser Sorte männlicher Publizisten nicht vergessen: Denen geht es nicht ums Geld. Davon haben sie genug. Denen geht es um Bedeutung. Beziehungsweise um ihre Angst vor deren Verlust.

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