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StartseiteDie neue PlatteMusik des Umbruchs01.08.2021

Sinfonische Klavierwerke Musik des Umbruchs

Pianist Matthias Kirschnereit kombiniert auf seiner neuen CD Musik von Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn und Johann Nepomuk Hummel. Selten gespielte Werke an der Epochengrenze von Klassik und Romantik. Michael Sanderling dirigiert das hr-Sinfonieorchester. Das Ergebnis überzeugt.

Am Mikrofon: Elisabeth Richter

Ein etwas älterer Mann mit buntem Pullover und Schuhen sitzt auf einem Hocker und stützt sein Kinn auf seine Hand. Er schaut nachdenklich. (Maike Helbig, Berlin Classics)
Pianist Matthias Kirschnereit ist künstlerischer Leiter der Gezeitenkonzerte in Ostfriesland. (Maike Helbig, Berlin Classics)
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Musik: Felix Mendelssohn - Capriccio brillant, op. 22

"Er spielt Klavier wie eine Lerche, die sich in die Lüfte schwingt" – das berichtete ein Freund von Felix Mendelssohn. Dieser muss angesichts des halsbrecherischen Klavierparts in seinem "Capriccio brillant" ein ziemlich guter, um nicht zu sagen exzellenter Pianist gewesen sein.

Musik: Felix Mendelssohn - Capriccio brillant, op. 22

Auch die beiden anderen Komponisten auf der CD, Carl Maria von Weber und Johann Nepomuk Hummel, verstanden ihr pianistisches Handwerk, auch sie schrieben Soloparts für sich selbst. Der Pianist Matthias Kirschnereit begibt sich auf die Spuren dieser legendären Pianisten-Komponisten. Gemeinsam mit dem hr-Sinfonieorchester unter Michael Sanderling hat er drei selten zu hörende sinfonische Klavierwerke bei Berlin Classics aufgenommen. Carl Maria von Webers Konzertstück f-Moll Op. 79 ist sicher am bekanntesten. Klavierenthusiasten werden wohl von Mendelssohns "Capriccio brillant" gehört haben, aber vom Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll von Johann Nepomuk Hummel vermutlich nicht.

Musik: Johann Nepomuk Hummel - Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll

Wüsste man nicht, dass diese Passage aus dem Kopfsatz des a-Moll Klavierkonzerts von Johann Nepomuk Hummel stammt, hielte man sie – und so falsch ist das nicht - für eine Stelle aus einem Chopin-Klavierkonzert. Doch dann springt Hummel in eine ganz andere Welt. Chopin hätte das so nicht geschrieben, Beethoven vielleicht.

Musik: Johann Nepomuk Hummel - Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll

Johann Nepomuk Hummel pendelt zwischen Klassik und Romantik. Er war nur acht Jahre jünger als Beethoven. In seinem Klavierkonzert a-Moll von 1816 gibt es mehr romantische Visionen als bei manchen Zeitgenossen. Dass Hummel Schüler von Mozart war, hört man auch in seiner Musik. Ansonsten schrieb dieser Pianisten-Komponist schlicht im Stil seiner Zeit. Aber immer fantasievoll und originell.

Musik: Johann Nepomuk Hummel - Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll

Anklänge an Beethoven und Chopin

Der Anfang von Hummels a-Moll Konzert klingt geheimnisvoll. Die lange, fast vierminütige Orchestereinleitung kommt sehr sinfonisch daher. Michael Sanderling tariert Spannung und Dynamik am Pult des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt mit Gespür für Dramatik aus. Das Orchester hat hier noch "ein gewichtiges Wörtchen" mitzureden, ähnlich wie in Klavierkonzerten von Beethoven, mit dem Hummel befreundet war. Doch dann ist alles auf den Solopart ausgerichtet, so wie später in Chopins Klavierkonzerten. Das Orchester hat fast nur noch Begleitfunktion. Man weiß, dass Chopin Hummels Klavierkonzerte studiert hat.

Musik: Johann Nepomuk Hummel - Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll

Phasenweise hat man das Gefühl mitten in einer Chopin-Etüde zu sein. Doch als Hummel sein Konzert schrieb, 1816, war Chopin erst 6 Jahre alt. Matthias Kirschnereit geht diese pianistisch sehr dankbare Musik mit Verve an. Er brilliert technisch und musikalisch, bleibt dabei immer durchsichtig, und im zweiten Satz verzaubert er mit weiten poetischen Bögen.

Musik: Johann Nepomuk Hummel - Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll

"Zeitgeist zwischen den Stühlen"

Wie Hummels Klavierkonzert a-Moll sind auch die beiden anderen Werke dieses Albums, das Konzertstück f-Moll von Carl Maria von Weber und das "Capriccio brillant" von Felix Mendelssohn, Kompositionen aus einer Übergangszeit. Sie sind einerseits klassisch geprägt und weisen andererseits in die Romantik. Man spürt bei allen drei Komponisten das Suchen nach neuen Ausdrucksqualitäten. Matthias Kirschnereit spricht im Booklet der CD von einem "Zeitgeist zwischen den Stühlen". Er zieht auch die interessante Parallele zur politischen Situation, in der die Werke entstanden, Hummels Konzert 1816, Webers Konzertstück 1821 und Mendelssohns Capriccio um 1830. Es war die Zeit Restauration nach dem Ende der Napoleonischen Kriege und dem Wiener Kongress. Die politische Landkarte in Europa strukturierte sich neu. Im habsburgischen Österreich etablierte Staatskanzler Metternich den ersten modernen Polizeistaat Europas um revolutionäre Umtriebe kontrollieren zu können. Typisch für diese Biedermeier-Epoche ist der Rückzug ins Private. Viele Künstler gaben ihrem Freiheitsdrang in ihrer Kunst Ausdruck. Der Wunsch nach Neuorientierung, die Suche nach neuen Formen spiegelt sich, wenn man so will, auch in den Klavierwerken dieses Albums wieder.

Musik: Carl Maria von Weber - Konzertstück f-Moll

Pianistisches Feuerwerk

An Virtuosität steht Webers Konzertstück Hummel oder Mendelssohn in nichts nach. Die klassische Prägung verleugnet der Komponist nicht. Doch es vermittelt sich vor allem eine starke musiktheatralische Dimension. Das ist kein Wunder, Weber beendete das Stück am 18. Juni 1821, dem Tag der Uraufführung seiner Oper "Der Freischütz". Die schillernde Instrumentierung lässt aufhorchen, etwa wenn das Klavier glitzernde Passagen über Horn und Fagott spielt. Matthias Kirschnereit bildet hier mit Dirigent Michael Sanderling ein gutes Team. Die Balance stimmt, die Spannung lässt nie nach, die Eleganz geht trotz des pianistischen Feuerwerks nicht verloren.

Musik: Carl Maria von Weber - Konzertstück f-Moll

Für Klarheit sorgt Matthias Kirschnereit mit profilierter und differenzierter Artikulation von führenden und begleitenden Stimmen. Die melancholischen und arabeskenartigen Melodien spielt er mit Charme und Intensität. Genauso in Felix Mendelssohns "Capriccio brillant". Auch hier serviert er die vitale Virtuosität souverän.

Musik: Felix Mendelssohn - Capriccio brillant, op. 22

So rasend und wild es bei dieser dahinjagenden Musik zugeht, Matthias Kirschnereit und das hr-Sinfonieorchester unter Michael Sanderling verlieren nie die Kontrolle. Sie bleiben jederzeit packend und kristallisieren die dramatischen Elemente heraus. Man fühlt sich manchmal in die Zauber- und Spukwelt der Elfen aus dem Sommernachtstraum versetzt. Die Ouvertüre zu Shakespeares Schauspiel hatte Mendelssohn vor seinem Capriccio bereits geschrieben.

Musik: Felix Mendelssohn - Capriccio brillant, op. 22

Vision trifft Tradition

Hummel als der älteste und am wenigsten bekannte Komponist dieses Albums kann mit seinen jüngeren Kollegen in Sachen Qualität der Komposition oder Attraktivität für Orchester und Solist mühelos mithalten. Alle drei Werke auf dieser CD sind am Schnittpunkt von Klassik und Romantik entstanden. Die kluge Zusammenstellung belegt, wie jüngere Künstler von den älteren geprägt waren, beispielsweise Weber von Hummel, oder Mendelssohn von Weber, oder Chopin und Schumann etwa von Hummel. Gleichzeitig wollten sie aber Neues und Eigenes kreieren. Traditionelle und visionäre Elemente prallen zusammen, und das macht das Album so spannend.

Musik: Johann Nepomuk Hummel - Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll

Hummel, Weber, Mendelssohn
Matthias Kirschnereit, Klavier
hr-Sinfonieorchester Frankfurt
Leitung: Michael Sanderling
Label: Berlin Classics
0301672BC

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