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StartseiteDie neue PlatteVon Helden inspirierter Philip Glass12.10.2014

Sinfonische MusikVon Helden inspirierter Philip Glass

Der Komponist Philip Glass machte jahrzehntelang einen Bogen um das Genre Sinfonie und veröffentlichte erst im Alter von 55 Jahren sein erstes Werk für das "Instrument Orchester". Seine Sinfonie Nr. 4 gilt als Höhepunkt - sie liegt nun in einer Neueinspielung des Sinfonieorchesters Babel unter Dennis Russel Davis vor.

Von Georg Waßmuth

Der Komponist Philip Glass (picture-alliance / dpa / Jaroslav Ozana)
Der Komponist Philip Glass (picture-alliance / dpa / Jaroslav Ozana)

Im Jahr 1937 ist er in Baltimore geboren, der Vater war Schallplattenhändler, die Mutter eine Musikbegeisterte und das erste Instrument in den Händen des Sohnes eine Geige. Als Zehnjähriger griff er schnell zur Flöte, spielte sich im Schulorchester warm, studierte aber zuerst Mathematik und Philosophie bevor der Multibegabte in der Juillard School of Music in New York seinen Master im Fach Komposition und Klavier machte. Seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil fand der junge Künstler allerdings erst nach einem längeren Studienaufenthalt in Indien. Die Rede ist von Philip Glass, dem wohl produktivsten Komponisten der Gegenwart. Seit seinem Streichquartett Nr. 1 im Jahr 1966 veröffentlicht Glass Jahr für Jahr gleich mehrere Werke, ein Welterfolg wurde nicht nur die Oper "Einstein on the Beach" auch durch seine Filmmusik ist der Amerikaner einem breiten Publikum bekannt.

Multibegabter Vielschreiber

Um ein Genre machte der Vielschreiber jedoch jahrzehntelang einen großen Bogen: Seine erste Sinfonie schrieb Philip Glass erst 1992, also im Alter von 55 Jahren – handwerklich ausgereift und mit dem großen Instrument "Orchester" und seinen Möglichkeiten durch und durch vertraut.
Erst einmal auf den Geschmack gekommen folgte, wie für Glass typisch, eine ganze Serie der gleichen Gattung, wobei seine Sinfonie Nr. 4 sicher ein Höhepunkt dieser Schaffensperiode ist. Sie liegt nun in einer Neueinspielung mit dem Sinfonieorchester Basel unter Dennis Russel Davies beim Label Orange Mountain Music vor, die Maßstäbe setzt. Die Vierte von Philip Glass ist ein Werk, das vom legendären Konzeptalbum "Heroes" der Musiker David Bowie und Brian Eno inspiriert ist und mit dem ersten Satz auch gleich den Titelsong aufgreift. Darin geht es um die Story zweier Liebenden, die im Schatten der Berliner Mauer zusammenkommen.

Ausschnitt - David Bowie – Heroes

"Wir können Helden sein, nur für einen Tag" lautet sicher die berühmteste Zeile im Original. Philip Glass setzt die Intention des Popsongs mit stetem Pulsschlag des großen Orchesterapparates um.

Philip Glass – Symphony No. 4 "Heroes"
1. Satz / Heroes - Ausschnitt

Das Sinfonieorchester Basel unter Dennis Russell Davies spielte einen Ausschnitt aus der dem ersten Satz "Heroes" der Sinfonie No. 4 von Philip Glass
Alle Elemente, die dessen Musik im Besonderen auszeichnen sind hier vorhanden. Die kleinen "Patterns" aus denen sich seine Minimal Music zusammen- und schier unendlich fortsetzt, die unmerklichen Rhythmus-Rückungen die den schwebenden Charakter beschwören aber auch der Mut zur großen Geste und dem Breitwand-Sound.
Von seiner Inspirationsquelle, dem Konzeptalbum "Heroes" das David Bowie gemeinsam mit Brian Eno im Jahr 1977 veröffentlichte, adaptierte Philip Glass nur einige Songtitel für seine Sinfonie. Dabei ging es ihm keineswegs um eine simple Orchestrierung eines berühmten Pop-Albums.
Glass wollte ein Werk schaffen, mit dem das Original reflektiert und vom Orchester vielstimmig überhöht wird. David Bowie und Brian Eno hatten "Heroes" im geteilten Berlin in den Hansa-Tonstudios unmittelbar hinter der Mauer produziert. Doch über diesen Rahmen hinaus kommen in der 4. Sinfonie von Glass auch andere Aspekte zum Tragen. Den zweiten Satz hat er ganz offensichtlich der Ehefrau David Bowies gewidmet und mit ihrem Namen überschrieben. Iman Abdulmajid stammt aus Somalia, hat eine ebenso schillernde wie faszinierende Karriere als Model und Filmschauspielerin absolviert, kann aber in ihr vom Bürgerkrieg zerrüttetes Heimatland zeitlebens wohl nie mehr zurückkehren. Für sie hat Philip Glass eine Art Wechsel-Rhythmus gefunden um einem weiten Melodiebogen den nötigen Raum zu schaffen. Sehr dezent wird diese Textur erst einmal mit Kastagnetten eingefärbt.

Philip Glass – Symphony No. 4 "Heroes"
2. Satz / Abdulmajid - Ausschnitt

Der im Jahr 1944 in Ohio geborene Dirigent Dennis Russel Davies hat sich seit Beginn seiner Karriere beim Saint Paul Chamber Orchestra für den Landsmann in die Bresche geworfen. Viele Werke von Philip Glass brachte Davies zu Uraufführung. Auch dessen 4. Sinfonie hat er vor Jahren schon einmal mit dem "American Composers Orchestra" aufgenommen.

Auf vorderster Stuhlkante positioniert

Bei der Neueinspielung mit dem Sinfonieorchester Basel überrascht sehr angenehm, wie weit Davies das älteste Orchester der Schweiz bei dem Livemitschnitt auf vorderster Stuhlkante positioniert. Das rund einhundertköpfige Ensemble zeigt sich bereit zur Attacke, hat Ausdauer und langen Atem für die "Minimal Music", vergisst darüber aber nie sein über viele Generationen entwickeltes Klanggespür. Atmosphärisch wird sehr dicht musiziert, der Kontakt und Austausch unter den verschiedenen Instrumentalgruppen ist perfekt abgestimmt und läuft sprichwörtlich wie am Schnürchen.
Das vielfach geforderte Schlagwerk der Basler steht dabei im Hintergrund wie eine Wand. Die einen bedienen in Feinarbeit Marimba und Glockenspiel, während andere den großen Haudrauf für den Ernstfall bereithalten. "Neuköln" hat Davie Bowie eines seiner Stücke auf dem Album "Heroes" überschrieben. Den Berliner Stadtteil beschreibt er damit als einen trübsinnigen Ort für Entwurzelte. In der sinfonischen Adaption von Philip Glass taucht das Hauptthema kurz auf, um dann vielfach transformiert zu werden.

Philip Glass – Symphony No. 4 "Heroes"
5. Satz / Neuköln - Ausschnitt

Hervorragendes Ensemble

Das Sinfonieorchester Basel unter Dennis Russell Davies mit einem Ausschnitt aus "Neuköln" dem 5. Satz aus der Symphonie "Heroes" von Philip Glass. Aufgenommen wurde das Werk im Stadt-Casino Basel von einem Team, das schon lange mit dem Sinfonieorchester verbunden ist. So kann man mit dieser CD ein hervorragendes Ensemble erleben, das in geradezu klassischer Stereofonie zwischen den Lautsprechern räumlich Aufstellung nimmt. Dynamisch gestaffelt vom zarten Hauch bis zum großen Ausbruch, energiegeladen von der ersten bis zur letzten Note bleibt das Sinfonieorchester Basel dem Werk nichts schuldig.
Dennis Russell Davies wollte immer dass Philip Glass nicht nur als großer Opernkomponist, als "Mann für das Musiktheater", abgestempelt wird.
Die Neuaufnahme der 4. Sinfonie wird hoffentlich dazu beitragen, seine Konzertmusik noch mehr in den Programmen zu etablieren.
Jedes leistungsfähige Orchester kann sich damit publikumswirksam präsentieren.

In der Neuen Platte habe ich Ihnen heute die 4. Sinfonie von Philip Glass vorgestellt, die beim Label Orange Mountain Music mit dem Sinfonieorchester Basel unter Dennis Russell Davies erschienen ist. Der letzte Satz trägt den Titel "V2 Schneider" und ist eine turbo-aufgeladene Hommage an Florian Schneider von der Band "Kraftwerk".

Philip Glass – Symphony No. 4 "Heroes"
6. Satz / V2 Schneider - Ausschnitt

 

Philip Glass: Symphony No. 4 "Heroes"
From the music of David Bowie and Brian Eno
Sinfonieorchester Basel
Dennis Russell Davies
Label: Orange Mouuntain Music (Note 1 Musikvertrieb)
Labelcode: OMM 0037
Bestellnummer: 5654895

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