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StartseiteCorso"Die Zeit war reif für leise Bilder"26.03.2018

Singer-Songwriterin Christina Lux"Die Zeit war reif für leise Bilder"

Christina Lux sucht als Musikerin nach der Essenz der Dinge. Was dabei entsteht, sind intensive, poetische Texte fern der üblichen Klischees. Auf ihrem neuen Album "Leise Bilder" verbindet sie das mit schmeichelnden, minimalistischen Arrangements. "Der Text bestimmt die Musik", sagte sie im Dlf.

Christina Lux im Corsogespräch mit Thekla Jahn

Die Musikerin Christina Lux bei einem Konzert im Theaterstübchen Kassel 2018 (imago stock&people/ Hartenfelser)
Die Musikerin Christina Lux bei einem Konzert im Theaterstübchen Kassel 2018 (imago stock&people/ Hartenfelser)
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Thekla Jahn: Wenn leise Bilder laut werden - und harte Töne weich - dann hört man Christina Lux neues Album. Ihre Musik kann man als feinen Songwriter-Jazz bezeichnen, in den Soul, Weltmusik und Pop eingeflossen sind - also Stationen ihres bisherigen Werdegangs. Sie war in Rockbands und verschiedenen Jazzformationen aktiv und hat nun das 10. Soloalbum in 20 Jahren herausgebracht: "Leise Bilder". Lange hat sie Texte nur in englischer Sprache geschrieben, ab und zu kam ein deutscher Song dazu - auf der neuen CD gibt es nur noch deutschsprachige Songs. Christina Lux - heute bei mir im Corsostudio - das war ein ziemlich langer Weg zur Muttersprache, oder?

Wir haben noch länger mit Christina Lux gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Christina Lux: Ja, und auch ein schöner. Also es begann alles, glaube ich, im Jahr 2006, als der erste deutsche Titel erschien, auch auf der "Coming Home at Last" damals. Ich bin irgendwann mal, in einer Probe … spaßeshalber habe ich mal meinen Text simultan übersetzt. Und das war damals "Late at Night" und dann hieß es "spät". Und fortan wollte ich das auch gar nicht mehr anders singen. Und das war wirklich ein Prozess. Ich bin dem Englischen sehr, sehr nahe gewesen, mein Kind ist ein halbes amerikanisches Kind. So war die Sprache emotional immer ganz nah. Die gibt natürlich auch Schutzraum. Nicht jeder versteht sofort, was ich erzähle. Da konnte ich ein paar bittere Themen auch wunderbar verarbeiten und erst der, der sich dann intensiver beschäftigt hat, hat es eigentlich mitbekommen. Und mit diesen deutschen Zeilen - ich habe dann auch immer mehr gemischt, auch in Songs einfach mittendrin gibt es eine deutsche Strophe, gibt es ein paar Zeilen im Refrain - und merkte, da entsteht noch mal etwas anderes im Raum. Und da brauchte ich Mut. Also, ich brauchte, glaube ich, Mut, um so direkt verstanden zu werden, dann ganz unmittelbar da zu sein. Das war schon eine jahrelange Entwicklung, ja.

"Diesen Rhythmus, der der Sprache innewohnt, einzuatmen und umzusetzen, das hat mir immer mehr Spaß gemacht"

Jahn: Es ist ja noch eine Sache, die ganz wichtig ist bei der Sprache: Es muss grooven. Und das ist beim Englischen vermutlich etwas leichter als beim Deutschen. Wie schwierig war das?

Lux: Die meisten sagen, dass die deutsche Sprache hart sei. Ich finde das inzwischen überhaupt nicht mehr. Wenn du zurückdenkst: Wer hat den richtig tollen Soul-Gesang gemacht? Der Urvater aller Soul-Gesänge ist Edo Zanki. Und der hat das schon immer auf eine sehr leichte Art gemacht. Jemand wie Udo Lindenberg hat auch nie ein hartes Deutsch gehabt, sondern immer ein sehr cooles und sehr grooviges auch. Ich musste mich da wirklich annähern. Ich bin ja nun schon durchaus relativ vom Jazz geprägt und von dieser Möglichkeit, mal Töne zu ziehen und Dinge zu machen. Das Deutsche zwang mich so ein bisschen mehr in eine ganz klare Melodie. Und dann aber diesen Rhythmus, der der Sprache innewohnt, so wirklich einzuatmen und dann noch umzusetzen in meine Musik, das hat mir immer mehr Spaß gemacht. Und es kamen irgendwann einfach keine englischen Textideen mehr.

Jahn: "Wege entstehen dadurch, dass du sie gehst" - das ist Ihr Motto und das ist wahrscheinlich auch genau das, was den Weg zu diesem neuen Album bereitet hat.

Lux: JA, das ist ein schöner Setz von Kafka, der das gesagt hat. "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht." Und das ist so ganz typisch für mich ein Beispiel, wie bei mir ein Song entsteht. Der Satz, der kreiste in meinem Kopf. Und irgendwann dachte ich: Aber losgehen muss man schon. Und was hängt dadran? Diese Formen von Betrachtungen von Liebe, wer sieht wen und warum sehe ich mich? Brauche ich den anderen? Brauche ich den nicht? Und dann war es geschehen um mich. Und dann - ich will es dann wissen. Dann gibt es bei mir so einen Punkt, wo ich's wissen will. Wie kriege ich das in Musik?

"Der Text ist eigentlich der, der mich zum Song bringt"

Jahn: Deutsche Texte haben bei Ihnen immer schon, wenn sie denn deutsch waren, eine besondere Poesie gehabt, eine typische Christina-Lux-Poesie: eine lautmalerische Wortwahl auf der einen Seite, fein ziselierte Bilder und Metaphern, die einen nachdenklich werden lassen. Auf dem neuen Album heißt es zum Beispiel: "Du bist das Land und ich bin das Meer. Wir können uns nicht verlieren." Wie lange arbeiten Sie an solchen Texten?

Lux: Das war zum Beispiel einer, der zu meiner Freude in einem Schwung kam.

Jahn: In einem Rutsch, ja.

Lux: Total. Es gibt Texte, da fängt dieses Bild an, in mir zu arbeiten, und dann macht es einmal "Flump!" und dann liegt das auf dem Blatt und sagt: "Sing mich! Bau mal mit mir" Und dann gibt es Dinge, die brauchen länger. Und gerade bei Texten, die so … wo ich versuche, noch mal eine Schicht tiefer zu kommen, eigentlich eher mit Fragen zu arbeiten oder mit "Würdest du?" oder mit "Stell dir vor" - bei solchen Dingen, wo ich merke, wo entsteht am meisten Bewegung in mir selber? Und dann zu spüren, dass das offensichtlich den Lauschern ähnlich geht. Das ist total schön.

Christina Lux zusammen mir dem Musiker Oliver George am 23.02.2018 im Theaterstübchen in Kassel (imago stock&people/ Hartenfelser)Christina Lux zusammen mir dem Musiker Oliver George am 23.02.2018 im Theaterstübchen in Kassel (imago stock&people/ Hartenfelser)

Jahn: Sie geben auch Songwriting-Workshops. Was sagen Sie Ihren Studenten dort? Ist der Text wichtiger oder die Musik? Oder beides gleich viel?

Lux: Ja … Der Text bestimmt die Musik sehr. Ich mache das ganz oft, dass ich ein paar Akkorde spiele und dann einfach freie Assoziationen mache. Jeder Mensch hat zu bestimmten Klängen -durig, mollig - bestimmte Assoziationen. Wenn man das zusammenbekommt, sodass das so ein Guss wird, dann ist es toll. Also für mich ist, in meinem Schreiben, ist immer der Text eigentlich der, der mich zum Song bringt.

Stoppok, Laith Al-Deen, Joo Kraus: "Die haben sich in die Musik so reingeschmeichelt. Ich liebe es sehr."

Jahn: "Ich muss nichts mehr sein, weil ich längst bin", heißt es in einem Song auf dem neuen Album. Sie haben zu sich gefunden, und das zeigt sich in einer sehr - na, wie soll ich sagen - leichten, schwebenden Art der Artikulation auf dem Album. Die Jazz-Seite von Ihnen, Sie haben es schon angesprochen, kommt dabei raus. Sie sind gerne laid back, merkt man. Das sind ganz luftige Arrangements, ein bisschen melancholisch, so ein Stream of Consciousness der Christina Lux?

Lux: Ja, ich glaube mit großer, innerer Freude wirklich sagen zu können, dass es ein Losfliegen und Landen war mit so einer Ruhe, die ich so vorher nicht so kannte. Also ich habe mir sehr viel Zeit gelassen für das Album wie nie zuvor. Ich bin eigentlich so jemand: Ach ja, komm, geht schon, machen wir raus. Zack, zack. Momentaufnahme und gut is'. Was auch viel Kraft hat.

Jahn: Eine ganze Reihe von ganz großartigen Gastmusikern haben Sie eingeladen, die alle Weggefährten auf Ihrer bisherigen Laufbahn waren. Darunter die Gitarristen Markus Segschneider und Dennis Hormes. Alle haben sich auf Ihren Stil eingelassen, geben nur kleine Farbtupfer im Gesamtarrangement. Der Jazz-Trompeter Joo Kraus mit seiner Flügel-Horn-Improvisation bei dem Stück "Wege" oder Laith[Hem1]  Al-Deen als zurückgenommener Sänger in dem Song "Losfliegen". Ja, oder selbst Stoppok ist auch ganz zurückgenommen. Wie haben Sie das geschafft, dass sich diese Musiker unterordnen - Ihrem Konzept?

Lux: Ich kann einfach nur sagen: Ich lieb sie alle total. Das sind alles so Weggefährten, die irgendwann mal auftauchten. Und als wir arrangierten und eben so eine Idee kam - komm: Bläser - da fiel mir sofort der Joo Kraus ein. In dem Fall haben wir sogar das File hin und her geschickt und er hat es dazu bei sich gespielt. Laith kam ins Studio und war da und hatte sich wirklich einfach so reingesetzt in diesen Song, auch Stoppok mit seiner wunderbaren Gitarre. Ich war da wahnsinnig glücklich, weil: Es ist für mich so eine schöne Wertschätzung und so ein Musiker-miteinander-Sprechen war. Und keiner hatte das Gefühl,  ich muss jetzt aber hier irgendwie die Ellbogen ausfahren und mir zeigen: Hey, ich bin der Supertyp und ich mache jetzt hier. Die haben sich in die Musik so reingeschmeichelt. Ich liebe es sehr. Ich bin da unheimlich dankbar, dass die alle dabei sind.

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