Dienstag, 13.11.2018
 
Seit 23:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellSingvögel ziehen zügiger als gedacht16.02.2009

Singvögel ziehen zügiger als gedacht

Forscher verfolgen Vogelzüge mit winzigen Sensoren

<strong>Biologie. - Im Herbst fliegen sie in wärmere Gefilde und im Frühjahr kommen sie in ihre Brutgebiete zurück: Wie Zugvögel es schaffen, dabei alljährlich über Tausende von Kilometern ihren Weg zu finden, das ist immer noch nicht völlig geklärt. Dank moderner Technik fanden Biologen jetzt heraus: manche Singvögel sind offenbar viel schneller unterwegs als bislang gedacht.</strong>

Von Michael Gessat

Spezielle Sensoren lieferten überraschende Daten über die Wege von Wandervögeln. (AP)
Spezielle Sensoren lieferten überraschende Daten über die Wege von Wandervögeln. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Bridget Stutchbury, Ornithologin von der York University im kanadischen Toronto, hadert ein wenig mit der mangelnden Tragfähigkeit ihrer Studienobjekte. Aber Singvögel sind nun einmal keine Lastenesel:

"Das größte Problem ist, dass sie so klein sind. Die meisten Singvögel passen ohne weiteres in eine Hand und wiegen nur 20, 30 oder 40 Gramm. Die Technologie, die wir bei größeren Vögeln schon eingesetzt haben, scheidet aus: Es gibt einfach keine Sender für die Ortung per Satellit, die klein und leicht genug für Singvögel sind."

Und deren Batterie dabei auch noch monatelang durchhält. Der Energieverbrauch ist das große Problem bei den hochpräzisen Systemen zur geografischen Ortung, die aktiv funken oder zumindest GPS-Signale empfangen. Forscher der "British Antarctic Survey" hatten deshalb 2005 auf eine vergleichsweise simple, aber dafür extrem stromsparende Technik gesetzt, als sie die Wanderungen von Albatrossen rund um die Erde verfolgen wollten. Sie entwickelten einen kleinen elektronischen Datenrekorder mit einem einfachen Helligkeitssensor. An den Füssen der Riesensegler befestigt, speichert das Modul alle zehn Minuten einen Messwert zusammen mit dem Datum und der Uhrzeit ab.

"Jeder Ort auf der Erde hat seine spezifische Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangszeit, in Berlin geht die Sonne zu einer anderen Zeit auf als in Toronto oder Mexico City. Man kann also die geografischen Positionen der Vögel rekonstruieren, indem man für jeden Tag der Reise aus den Helligkeitsdaten die jeweilige Sonnenauf- und -untergangszeit abliest."

Bridget Stutchbury nahm Kontakt mit den britischen Antarktisforschern auf. Konnte man den Hell-Dunkel-Rekorder nicht von Albatros- auf Zaunkönig-Format bringen? Die Kollegen halfen gern, und heraus kam eine Miniaturversion, nur noch 1,5 Gramm schwer. Nicht am Fuß, sondern mit Teflonschnüren befestigt auf dem Rücken zu tragen. Und so machten sich im Herbst 2007 14 Walddrosseln und 20 Purpurschwalben quasi als Rucksacktouristen auf den Weg in ihre Winterquartiere, von Pennsylvania im Norden der USA nach Mittel- und Südamerika. Begleitet von Bridget Stutchburys allerbesten Wünschen für die Reise: Denn auswerten können die Ornithologen nur die Module und Daten von den Vögeln, die unversehrt im Frühjahr an ihre Brutgebiete zurückkehren und sich dabei auch noch entdecken und einfangen lassen. Das waren im April und Mai 2008 gerade noch sieben der ursprünglich 34 Vögel, zwei Purpurschwalben und fünf Walddrosseln. Die aus den aufgezeichneten Helligkeitswerten errechneten Reisedetails hatten es dann allerdings in sich:

"Das überraschendste Ergebnis zeigte sich bei den Purpurschwalben, ihre Rückwanderung im Frühjahr war viel schneller als ich jemals für möglich gehalten hätte. Ein Vogel kehrte in weniger als zwei Wochen aus dem Amazonasgebiet in Brasilien zurück, eine Strecke von 7500 Kilometern. Dieser Vogel flog also unglaublich schnell, überdies mit nur sehr wenigen Verschnaufpausen."

Auch vier der fünf Walddrosseln waren bei der Heimreise deutlich flotter unterwegs, als man bislang für die Art vermutet hatte. Ein recht klares Ergebnis also, das allerdings noch auf einer äußerst kleinen Datenmenge beruht. Aber schon in diesem Winter sind wieder neue gefiederte Testpiloten unterwegs. Und bis irgendwann ein singvogeltaugliches GPS-Satellitenfunkgerät zur Verfügung steht, können die Ornithologen mit der Einfachlösung ganz gut leben:

"Zum ersten Mal können wir eine konkrete Brutpopulation verfolgen und herausfinden, wo die Vögel ihren Winter verbringen, wo genau in Mittel- oder Südamerika. Und wir können besser vorhersagen, welchen konkreten Gefahren sie dabei möglicherweise ausgesetzt sind. Etwa durch den Klimawandel; ein bestimmtes Gebiet kann kälter oder wärmer, nasser oder trockener werden. Die neue Methode hilft uns besser einzuschätzen, was die Zukunft den ziehenden Singvögeln bringen wird."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk