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StartseiteAus Religion und GesellschaftDie 40 als kulturprägende Kraft24.02.2021

Sintflut, Fastenzeit und QuarantäneDie 40 als kulturprägende Kraft

40 Jahre muss der Bundespräsident mindestens alt sein. 40 Tage regnete es bei der Sintflut, 40 Tage dauert die christliche Fastenzeit, und „Quarantäne“ bedeutet wörtlich in etwa „40-tägige“. Wie wurde die Zahl 40 in diesen und vielen weiteren Beispielen so bedeutend?

Von Christian Röther

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Ein Holzstich von Gustave Doré aus einer britischen Bibel aus dem Jahr 1866 zeigt Menschen, die sich verzweifelt vor der Sintflut zu retten versuchen  (Imago / Photo12 / Ann Ronan)
40 Tage Regenwetter: Die biblische Sintflut ist nur eines von vielen kulturgeschichtlichen Beispielen, bei denen die Zahl 40 eine Rolle spielt (Imago / Photo12 / Ann Ronan)
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Die Zahl 40 ist allgegenwärtig. Sie prägt unser Leben im Alltag, in der Politik, in der Religionsgeschichte. Ein paar Beispiele:

"Qua|ran|tä|ne, die. Französisch: quarantaine. Anzahl von 40 Tagen – nach der 40-tägigen Hafensperre für Schiffe mit seuchenverdächtigen Personen."

Susanne Talabardon: "40 ist, wenn man will, das Maß, das Maß und Mitte symbolisiert." 

"Der Bundespräsident wird ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt. Wählbar ist jeder Deutsche, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das 40. Lebensjahr vollendet hat."

Patrick Franke: "Diese Vorstellung, dass 40 Jahre ein vollkommenes Alter sind, das ist sicherlich eine ältere Vorstellung, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt."

Susanne Talabardon: "Der gute Isaak ist 40 Jahre alt, als er seine Rifka heiratet. Esau heiratete auch mit 40. Das scheint so das ideale Heiratsalter zu sein."

"An diesem Tag brachen alle Quellen auf, die Luken des Himmels öffneten sich. Der Regen ergoss sich 40 Tage und 40 Nächte auf die Erde."

Susanne Talabardon: "Außerdem haben wir die 40 Tage und 40 Nächte, die Mose auf dem Berg Sinai verbringt. 40 Tage braucht eben Mose in Zusammenarbeit mit dem Ewigen, um diese Tafeln da zurecht zu bringen."

Oben: Moses empfängt die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Unten: Moses erklärt die Zehn Gebote dem Volk Israel. Illustration aus der Bibel von Karl dem Kahlen 845-846, Bibliothèque Nationale de France (imago images / Photo12 / Archives Snark)Nach 40 Tagen auf dem Berg Sinai empfängt Moses die Zehn Gebote und bringt sie dem Volk Israel. (imago images / Photo12 / Archives Snark)

Die Bibel: Wo es von der 40 nur so wimmelt

40 Tage Sintflut, 40 Tage Fastenzeit. Und das Wort "Quarantäne" bedeutet wörtlich in etwa: "40-tägige". 40 Jahre alt ist auch der islamische Prophet Muhammad, als er seine erste Offenbarung empfängt. 40 Jahre lang regieren große biblische Könige. Wie wurde die 40 zu einer so einflussreichen Zahl? Beginnen wir die Spurensuche dort, wo es nur so wimmelt von 40 Tagen, Nächten und Jahren: in der Bibel.

"Die Verteilung ist derartig gleichmäßig über die ganze Bibel – das fängt quasi am Anfang an und hört am Ende auf – dass ich denke, dass das so ein Erzählrhythmus ist, der sich da Bahn bricht", sagt Susanne Talabardon, Professorin für Judaistik an der Universität Bamberg. "Das Prägnanteste, wenn man jetzt die Masse der biblischen Belege sich anschaut, sind schon die 40 Jahre Wüstenwanderung, die, wenn man sich die Geografie vergegenwärtigt, ziemlich lustig ist. Also da 40 Jahre lang vom Sinai bis ins Westjordanland zu brauchen, das ist schon gekonnt, möchte ich meinen. Also da sind etliche Serpentinen dabei."

Die Wüstenwanderung hat eine symbolisch-theologische Dauer, denn sie ist Befreiung und Buße zugleich. Und auch das Leben desjenigen, der die Wanderung anführt, ist von der 40 geprägt: Mose. Dessen Leben wird ja gewöhnlich in dreimal 40 Jahre eingeteilt. Also 40 Jahre lang hat er seine Ruhe. 40 Jahre lang wird er vorbereitet auf sein Amt und 40 Jahre lang übt er dann dieses Amt aus", sagt Susanne Talabardon.

Neues und Altes Testament

Und nicht nur in der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, spielt die 40 eine zentrale Rolle. Das Neue Testament knüpft an diese Symbolik an.

"Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt [...]. Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger."

Weil Jesus laut dem Matthäus-Evangelium 40 Tage fastete, dauert auch die christliche Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern 40 Tage.

"Wobei man immer im Hinterkopf haben muss, dass die Sonntage ja keine Fastentage sind. Aber ohne die Sonntage kommt man dann auf die 40 Tage Fastenzeit", sagt Kristin Weingart, Professorin für Altes Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach Ostern folgt im Kirchenjahr ein weiterer Zeitraum von 40 Tagen. "Die Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt Christi, von der in der Apostelgeschichte berichtet wird, dass Jesus eben 40 Tage bei seinen Jüngern auf der Erde war, bis er dann zum Zeitpunkt der Himmelfahrt sie verlassen hat", so Weingart.

Baeuerliche Deckenmalerei (um 1700) mit der Darstellung von Christi Himmelfahrt in der evangelischen Kilianskirche in Bad Lausick in Sachsen. (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Oettel)Auch die Zeit zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt beträgt 40 Tage (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Oettel)

Buße, Bewährung und ein Menschenleben

Wofür also steht die 40 in der Bibel? "Also einmal haben wir die 40 Jahre als die Epoche, die den Zeitraum einer Generation beschreibt. 40 Jahre ist Israel in der Wüste, bis die eine Generation, die am Anfang mangels Vertrauens nicht ins Land ziehen wollte, gestorben ist", so Kristin Weingart. "Die 40 Jahre, die Israel in der Wüste verbringt, sind ja so eine Art Bußzeit", sagt auch die Judaistin Susanne Talabardon.

Die 40 steht also symbolisch für die Dauer eines Menschenlebens, aber auch für die Buße. Und sie hat noch weitere Bedeutungen, erklärt die Alttestamentlerin Kristin Weingart: wie die Bewährung.

Weingart: "Bewährung ist sie natürlich bei Mose, als er 40 Tage auf dem Berg bei Gott ist und das Volk Israel sich in der Zeit bewähren muss und es gerade nicht schafft, sondern das goldene Kalb in der Zeit anfertigt. Oder natürlich auch im Neuen Testament bei Jesus, Matthäus 4, die 40 Tage in der Wüste, die Jesus fastet und dann am Ende vom Teufel versucht wird und sich hier aber tatsächlich bewährt."

Quarantäne: Seuchen-Schutz und rituelle Reinheit

40 Tage lang muss ein Mensch sich bewähren – wie in der Bibel, so auch in der Quarantäne. Dieses Konzept entsteht im späten Mittelalter, um die Pest zu bekämpfen. Während in der Antike Infektionskranke meist sieben Tage isoliert wurden, waren es in Pestzeiten vielerorts 30 Tage. Je schlimmer die Pest wütete, desto länger wurde die Quarantäne für Neuankömmlinge. In Venedig, Marseille und anderen Mittelmeer-Anrainern wurden im 14. Jahrhundert aus 30 dann 40 Tage. Wörtlich bedeutete "Quarantäne" ursprünglich "40" oder "40 Tage". Dass die Quarantäne auf 40 Tage festgesetzt wurde, könnte auch damit zu tun haben, dass rituelle Reinheit biblisch nach 40 Tagen wiederhergestellt ist.

Weingart: "Es kann einfach sein, dass das einer der Hintergründe ist. Dass es sozusagen diese 40-Tage-Periode braucht, um vom Zustand der Unreinheit wieder in den Zustand der Reinheit zu kommen. Und dass das dann übertragen worden ist auf die Quarantäne, als die Phase, in der nachgewiesen wird, dass man eben keine Gefahr mehr darstellt, Krankheiten einzuschleppen."

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Talabardon: "Medizinische Erkenntnisse, warum man also unbedingt 40 Tage sich fernhalten soll von anderen, sind ja an der Stelle auch nur über den Daumen gepeilt. Und ich denke schon, dass sich da die Tradition und die Naturbeobachtungen gegenseitig informieren und inspirieren."

Die 40-tägige Quarantäne könnte neben der Bibel auch noch einen weiteren Ursprung haben: und zwar im antiken Griechenland, so der Alt-Orientalist Eckart Frahm von der Yale University: "Die 40 spielt eine große Rolle im hippokratischen Korpus, also in diesem Medizinkorpus aus griechischer Zeit, das auf Hippokrates zurückgeführt wird. Da wird auch der Punkt gemacht, dass der Wendepunkt bei einer Krankheit üblicherweise nach 40 Tagen erfolgt. Das könnte man sich natürlich vorstellen, könnte einer der Gründe sein, warum eben die Quarantäne mit 40 Tagen angesetzt wird."

Mindestalter für den Bundespräsidenten

Die Spur der 40 führt aus Bibel und Antike nicht nur in die spätmittelalterliche Medizin und als Begriff in die moderne Epidemiologie, sondern auch ins Schloss Bellevue. Denn wer Bundespräsident werden will, muss 40 Jahre oder älter sein. Oft ist zu lesen, dieses Alter lasse eine gewisse Reife erwarten. Aber warum gerade 40 Jahre und nicht etwa fünfunddreißig, wie im Fall des US-Präsidenten und des Reichspräsidenten der Weimarer Republik? Warum hebt das Grundgesetz dieses Mindestalter um fünf Jahre an? Im Gesetzestext steht keine Begründung. Und auf Anfrage des Deutschlandfunks kann auch das Bundespräsidialamt nicht sagen, warum es 40 Jahre sein müssen. Wir fragen einen Historiker:

"Für mich hat sich diese Frage auch eigentlich nie richtig geklärt. Ich kann hier nur mutmaßen", sagt Michael-Frank Feldkamp. Er kennt alle Protokolle der Versammlungen, die das Grundgesetz erarbeitet haben. "Was für mich persönlich eine Überraschung ist, dass eben über diese Zahl 40 nie diskutiert wurde."

Feldkamp hat sich die Protokolle für den Deutschlandfunk nochmals angeschaut, auch die unveröffentlichten. Dabei ist er auf einen frühen Verfassungsentwurf aus Bayern gestoßen: "In diesem Verfassungsentwurf, den der bayerische Ministerpräsident vorlegte für den Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee, taucht zum ersten Mal die Zahl 40 auf als Mindestalter für das Staatsoberhaupt. Und so ist anzunehmen, dass eben durch den Verfassungsentwurf der Bayern die Zahl 40 ins Grundgesetz gekommen ist."

Abstimmung über das Grundgesetz am 8. Mai 1949 im Sitzungssaal des Parlamentarischen Rates im Gebäude der früheren pädagogischen Akademie in Bonn. In der ersten Reihe (l-r): Walter Menzel, Carlo Schmid, Paul Löbe und Theodor Heuss. (picture alliance/dpa)Abstimmung über das Grundgesetz am 8. Mai 1949: Das GG legt fest, dass das Mindestalter für den Bundespräsidenten 40 Jahre betragen soll. (picture alliance/dpa)

Bayern hatte damals einen Senat, dessen Mitglieder mindestens 40 Jahre alt sein mussten. Das könnte Bayern auch für den Bundespräsidenten vorgeschlagen haben - und dann hat offenbar niemand mehr dieses biblische Alter hinterfragt. "Es ist sicherlich Spekulation anzunehmen, dass aus dem biblisch-religiösen Kontext diese Zahl übernommen worden sei", so der Historiker Michael-Frank Feldkamp.

Die Münchner Alttestamentlerin Kristin Weingart hingegen meint, dass die Symbolik der 40 gut zum höchsten Staatsamt passt: "Dass die 40 sich anbietet, liegt vielleicht daran, dass sie auch eine idealisierte Zahl ist, vielleicht auch die Lebensmitte andeuten kann. Oder dass sie auch – das ist jetzt nicht der biblische Kontext, aber der griechische – dass auch da die Lebensmitte sozusagen als die beste Zeit des Lebens beschrieben wird, wo man so im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte ist, noch keine Alterserscheinungen hat. Und vielleicht steckt das dahinter, dass sozusagen die beste Zeit des Lebens die ist, in der man auch derart wichtige Ämter wie das des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin übernehmen kann."

Wobei bisher kein Bundespräsident bei Amtsantritt so jung war. Nur ganz wenige war in ihren Fünfzigern, die meisten über 60, einige über 70.

Propheten "im besten Mannes-Alter"

Dennoch: Auch in der griechischen Antike lassen sich weitere Spuren der 40 finden. "Im Griechischen gibt es die Idee der Akme, dass man mit 40 sozusagen im besten Mannes-Alter ist, die Fülle des Lebens gewissermaßen erreicht hat", erklärt der Al-Orientalist Eckart Frahm. Die 40 als ideales Alter – eine Idee, die im Mittelmeerraum offenbar verbreitet war vor zwei-, dreitausend Jahren.

Frahm: "Es gibt einen Text aus der heutigen Südosttürkei aus dem siebten Jahrhundert vor Christus, der listet Altersstufen auf. Was von Interesse ist, dass die 40 mit dem Wort ‚Lalûtu‘ assoziiert wird. Das heißt auf Babylonisch so viel wie ‚Fülle‘, und ‚Fülle des Lebens‘ könnte man übersetzen, und ist von daher tatsächlich dem griechischen Begriff der Akme sehr nah. Da könnte ich mir doch vorstellen, dass es eben überall im Vorderen Orient und im östlichen Mittelmeerbereich in der Antike eine Tradition gab, dass tatsächlich eben 40 Jahre so eine Art Lebenshöhepunkt darstellen."

Was sich bei den Babyloniern findet, bei den alten Griechen und in der Bibel, das schlägt sich später auch in einer weiteren Religion nieder: im Islam. Denn in der islamischen Tradition heißt es, dass der Prophet Muhammad 40 Jahre alt war, als er seine erste Offenbarung empfing.

"Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass im Koran die Vorstellung vorgetragen wird, dass mit 40 Jahren der Mann seine höchste Reife erreicht und dass er zu dem Zeitpunkt dankbar sein soll für das, was er im Leben erreicht hat", sagt Patrick Franke, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bamberg. Die Bedeutung der 40 im Koran erinnert dabei nicht zufällig an die griechische Vorstellung der Akme. "Die ist im Koran aufgenommen worden. Und es ist zu vermuten, dass das Alter Muhammads bei seiner ersten Offenbarung angeglichen wurde an dieses Ideal", so Franke.

Fasten und Reinigung

Neben der griechischen 40 findet sich im Koran auch die biblische 40 – etwa in der Geschichte von Mose, der im Koran Mūsā heißt.

"Wir gaben Mūsā eine Verabredung auf dreißig Nächte und machten sie mit weiteren zehn voll. So vervollständigte sich die festgesetzte Zahl seines Herrn auf 40 Nächte."

Bunte Gebetsteppiche und Beine von Männern, die sich zum Gebet aufgestellt haben. (Imago /Xinhua)Bei der "Chilla", der 40-tägigen Einkehr der Sufis, geht es darum, sich rituell zu reinigen und sich vom diesseitigen Leben zu lösen (Imago /Xinhua)

So kennt auch der Islam die Vorstellung eines 40-tägigen Rückzugs. "Die Vorstellung war sehr einflussreich im Bereich der islamischen Mystik. Sie hat als Vorbild gedient für die sogenannte ‚Chilla‘, die 40-tägige Einkehr der Sufis, bei denen man sich völlig lösen soll vom diesseitigen Leben. Während dieser 40 Tage soll man fasten, man soll sich reinigen", sagt Patrick Franke.

In der islamischen Mystik haben die 40 Tage also eine ganz ähnliche Bedeutung wie in der Bibel und im Kirchenjahr: ein Zeitraum des Fastens und der Reinigung.

Ea, der "40er-Gott" im Alten Orient

Noch viele weitere Beispiele ließen sich aufführen für die Wichtigkeit der 40: aus Islam, Christentum und Judentum, und aus vielen anderen Kontexten. "Die Geißelstrafe, die habe ich jetzt unterschlagen, weil die nicht so hübsch ist, die auch 40 Schläge sind. Diese 40 Schläge sind also so bemessen, dass der Mensch nicht stirbt", so Susanne Talabardon. Aber wo nahm die Karriere der 40 ihren Anfang?

"Die 40 war schon im Alten Orient, in Mesopotamien eine wichtige Zahl, auch wenn sie vielleicht nicht ganz so prominent war, wie sie es in der Bibel ist", sagt Eckart Frahm, Professor für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients an der Yale University. "Zum Beispiel die Tatsache, dass bestimmte Könige 40 Jahre lang regiert haben sollen. Das trifft auf David und Salomon etwa zu. Das ist auch etwas, was man auch im Alten Orient findet. Da gibt es einen König Ischme-Dagan im 18. Jahrhundert in Assyrien, das wird immer weiter überliefert, der auch 40 Jahre lang regiert haben soll."

Und nicht nur Könige sind mit der symbolischen Zahl verbunden - auch ein babylonischer Gott: "Ein wirklich sehr prominentes Beispiel für die semantische Aufgeladenheit der Zahl 40 ist die Tatsache, dass eine der wichtigsten babylonischen Gottheiten, der Gott Ea, mit der 40 assoziiert war. Im Alten Orient war es so, dass viele der großen Gottheiten mit Zahlen verbunden waren", so Frahm.

Der Gott Ea war unter anderem zuständig für Weisheit, Magie und Heilkunst. "Dessen Namen hat man also im Keilschrifttexten oftmals mit der Zahl 40 geschrieben. Warum das so ist, ist schwer zu sagen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die vier, also die Grundzahl im Alten Orient, mit der Idee von Totalität und Gesamtheit eng verbunden war. Also man spricht von den vier Weltufern, wenn man die Welt, wenn man den Kosmos bezeichnet. Und vielleicht liegt es unter anderem daran, dass eben Ea mit der 40 assoziiert war", sagt Frahm.

Im Alten Orient gab es also einen bedeutenden "40er-Gott" - lange bevor der biblische Gott und seine Gesandten mit der 40 in Verbindung gebracht wurden. "Man kann mit Sicherheit sagen, dass diese Götterzahlen in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus spätestens in Gebrauch gekommen sind." Bei den Babyloniern – und das rund 1.000 Jahre, bevor die ersten Bibeltexte verschriftlicht wurden. "Das sind tatsächlich Dinge, die waren vorher da", sagt Frahm.

Die Bibel übernimmt einige Elemente der Religionen des Alten Orients, etwa die Sintflut. Vielleicht hat also auch die biblische 40 dort ihren Ursprung.

Die Plejaden und der Jahresrhythmus

Trotzdem bleibt die Frage: Warum wurde gerade die 40 so bedeutend? Eine Antwort findet sich womöglich im Himmel: nicht bei den Göttern, aber in den Sternen.

"Die 40-Tage-Periode ist astronomisch verbunden mit den Plejaden, dem Siebengestirn, das immer mal wieder für 40 Tage nicht zu sehen ist. Und das ist dann auch ein Gestirn, was wichtig ist für Kalenderfragen. Zum Beispiel für die Frage, schiebt man einen Schaltmonat ein oder nicht? Also vielleicht kommt es aus diesem Zusammenhang ganz ursprünglich, dass die 40 wichtig geworden ist und so eine Zeitperiode markiert, die dann auch in andere Zusammenhänge übertragen wurde", sagt Kristin Weingart, Professorin für Altes Testament an der LMU München.

Aldebaran folgt am Firmament den Plejaden, einem offenen Sternhaufen im Stier (NASA/DSS)Die Plejaden verschwinden an manchen Orten der Erde im Frühjahr und im Herbst vom Nachthimmel - und zwar für jeweils rund 40 Tage. (NASA/DSS)

Die Plejaden sind ein sogenannter "offener Sternenhaufen". Sieben von ihnen sind besonders gut zu sehen. Und früher waren die Plejaden für viele Menschen besonders wichtig. Denn sie sind nicht immer zu sehen. An manchen Orten der Erde verschwinden die Plejaden im Frühjahr und im Herbst vom Nachthimmel - und zwar für jeweils rund 40 Tage.

"Die Plejaden waren sehr wichtig im Volkskalender im Vorderen Orient, aber auch bei verschiedenen Völkern in Asien und im südöstlichen Mittelmeerraum als Einteiler des Jahres. Also mithilfe der Plejaden hat man in der Antike schon das Jahr astronomisch in zwei Abschnitte, Sommer und Winter, eingeteilt", sagt Patrick Franke, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bamberg. "Zum Beispiel Hesiod sagt, dass der Bauer beim Frühaufgang der Plejaden mit der Ernte beginnen soll, beim Frühuntergang mit dem Pflügen."

"Wenn das Gestirn der Plejaden emporsteigt,
dann beginne die Ernte,
doch pflüge, wenn sie hinabgehen.
Sie sind 40 Nächte und 40 Tage eingehüllt,
doch wenn sie wieder leuchtend erscheinen,
erst dann beginne die Sichel zu wetzen." (Hesiod)

40 Tage lang ziehen sich die Plejaden vom Nachthimmel zurück. Patrick Franke erkennt darin eine Analogie zu 40-tägigen Fasten- und Bußzeiten. Sich 40 Tage zurücknehmen – wie die Sterne: "Man kann vielleicht diese 40-tägigen Einkehrphasen als eine Verallgemeinerung, eine Generalisierung dieser 40-tägigen Unsichtbarkeit der Plejaden interpretieren."

40 Tage Fastenzeit, 40 Tage Quarantäne – wegen der Plejaden? 40 Jahre als ideales Alter für Propheten und Präsidenten – weil ein Sternenhaufen die 40 mit Bedeutung auflud? Es ist ein Gedankenspiel. Der eine oder andere Gedanke mag anregen oder gar die eine oder andere Frage beantworten. Aber die Rätsel um die Zahl 40 als Ganzes sind damit wohl noch nicht gelöst.

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