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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Angst, am Ende doch vergessen zu werden04.08.2021

Situation der FlutopferDie Angst, am Ende doch vergessen zu werden

Bei den Opfern der Flutkatastrophe wächst die Angst, am Ende doch alleine dazustehen, mit ihren Schäden und dem Trauma, kommentiert Vivien Leue. Nachvollziehbar ist daher der Wunsch nach einem Sonderbeauftragten - der sich weiter kümmert, wenn die Politik wieder zum Alltagsgeschäft übergegangen ist.

Ein Kommentar von Vivien Leue

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Aufräumarbeiten im Ort Schuld im Ahrtal (dpa/Thomas Frey)
Die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe wollen wissen, wer sich verantwortlich für ihr Schicksal fühlt, so Vivien Leue (dpa/Thomas Frey)
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Vor drei Wochen kam das Unwetter in den Westen Deutschlands und mit ihm die Fluten. Allein in Nordrhein-Westfalen sind die Hälfte der gut 50 Kommunen betroffen, je weiter südlich, umso schlimmer. Ganze Dorfkerne zerstört, Landstraßen weggespült, Existenzen untergegangen. Auch jetzt noch sehen viele Orte katastrophal aus.

Auräumungsarbeiten im Ort Schuld im Ahrtal nach der Hochwasserkatastrophe (dpa/Thomas Frey) (dpa/Thomas Frey)Diese Hilfen haben Bund und Länder beschlossenDie Schäden durch die Hochwasserkatastrophe sind enorm. Bund und Länder haben daher Soforthilfen beschlossen, außerdem ist ein Aufbaufonds geplant. Ein Überblick.

Drei Wochen sind vergangen. Ja, es hat Nothilfen gegeben, bis zu 3.500 Euro pro Haushalt, geschenkt – dafür gibt es eine neue Waschmaschine, neue Jeans und feste Schuhe. Aber ein Haus lässt sich damit nicht aufbauen, dafür sind die Gelder ja auch nicht gedacht. Weitere, größere Zahlungen sollen folgen, so das Versprechen der Politik. Finanzielle Entlastungen wurden angekündigt.

Die Menschen wollen Antworten

Aber Tausende Menschen stehen jetzt aktuell in ihren entkernten Häusern, warten darauf, dass die Bautrockner, die übrigens auch Miete kosten, die letzte Feuchtigkeit aus Boden und Wänden entfernen – und sie haben Zeit, nachzudenken.

Und bei aller Dankbarkeit für die vielen freiwilligen Helfer, für die schnelle Soforthilfe und den großartigen Einsatz von THW und Bundeswehr kommen jetzt Fragen auf: Warum wurde ich eigentlich nicht gewarnt? Warum kamen die Fluten so schnell? Wie bezahle ich nun den Wiederaufbau meines Hauses? Gibt mir mein Arbeitgeber noch mehr Sonderurlaub oder muss ich das alles abends und am Wochenende leisten?

Die Menschen schauen in dem Ort im Kreis Ahrweiler nach dem Unwetter auf die Zerstörungen. Mindestens sechs Häuser wurden durch die Fluten zerstört. (pa/dpa/Harald Tittel) (pa/dpa/Harald Tittel)Wie der Städtebau auf die steigende Unwettergefahr reagieren kann 
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Drei Wochen sind vergangenen – und die Menschen wollen Antworten. Sie haben unzählige Stunden harter Arbeit in den Knochen. Die Profis, das THW und die Bundeswehr, haben Straßen, Brücken, öffentliche Gebäude gesichert. Die Privathäuser aber wurden fast ausschließlich in Eigenregie entkernt. Estrich rausgestemmt, Schutt vor die Tür geladen. Auch die Stärksten kommen langsam ans Ende ihrer Kräfte. Und so wollen sie nun wissen: Wer hilft mir eigentlich – langfristig? Wer fühlt sich verantwortlich für mein persönliches Schicksal?

Wunsch nach einem Sonderbeauftragten ist nachvollziehbar

Deshalb ist der Wunsch nach einem Sonderbeauftragten auf Bundesebene gut nachvollziehbar, auch wenn klar ist, dass der oder die nicht alles regeln kann. Die Person wäre ein Ansprechpartner, jemand, der sich verantwortlich fühlt. Ein Anwalt für die Belange der Unwetter-Geschädigten. Der oder die sich auch noch kümmert, wenn der Rest der Republik – und die Politik – wieder zum Alltagsgeschäft übergegangen sind.

"Bitte, vergesst uns nicht, auch nicht in zwei, drei Monaten", das sagen mir viele Gesprächspartner vor ihren kaputten Häusern. Sie haben Angst, am Ende doch alleine dazustehen, mit ihrem Schaden und dem Trauma.

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