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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"1941. Das Jahr, das nicht vergeht"11.06.2018

Slavko Goldstein"1941. Das Jahr, das nicht vergeht"

1941 besetzten die Deutschen das Königreich Jugoslawien, in Kroatien übernahm die faschistische Ustascha die Macht. Der Schriftsteller Slavko Goldstein, der im vergangenen Jahr gestorben ist, erzählt in seinem letzten Buch von diesen Wochen und Monaten, die er selbst als Jugendlicher erlebt hat.

Von Norbert Mappes-Niediek

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Hintergrundbild: Das Denkmal für die Opfer des Konzentrationslagers Jasenovac in der Nähe der Ortschaft Jasenovac (Kroatien), aufgenommen am 23.10.2013. Vordergrund: Buchcover (dpa-Zentralbild /Hauke Schröder und Fischer Verlag)
Goldstein berichtet von der totalitären Entgleisung seiner Befreier (dpa-Zentralbild /Hauke Schröder und Fischer Verlag)
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Slavko Goldstein war 13 Jahre alt, als sein Vater aus seiner Buchhandlung in dem kroatischen Städtchen Karlovac abgeholt und in ein Lager verschleppt wurde, wo er gemeinsam mit allen anderen Häftlingen umkam.

Das Jahr 1941 hat dem Jungen eine unabänderliche Prägung für seinen Lebensweg gegeben. Mehr noch als die folgenden Jahre der Angst, der Gefahr, der Trennung von der Mutter und dem kleinen Bruder, wurde dem Jungen - und auch noch dem jungen Mann - das Andenken an den liberalen, zionistisch empfindenden Vater zum Kompass.

In einem Buch aus dem Besitz seines verschleppten Vaters fand der Sohn einen angestrichenen Dichtervers:

"Sterben wirst du, wenn du anfängst allein
An deinen Idealen zu zweifeln." 

Aber, schreibt der Sohn in seiner Biografie: "Ich habe inzwischen doppelt so lang gelebt wie mein Vater. So ist mir genug Zeit geblieben, um an meinen eigenen Idealen, aber auch an Kranjčevićs Versen zu zweifeln. Das 20. Jahrhundert hat die größten Hoffnungen der Menschheit hervorgebracht, aber es hat die meisten von ihnen unter sich begraben. Es hat uns gelehrt, dass die Ideale meistens verführbare Chimären sind und dass der Zweifel keine unverzeihliche Schwäche, sondern ein notwendiges Aufbäumen gegen verhängnisvolle Überzeugungen ist."

In Kroatien herrscht Streit über die Vergangenheit

Der Zweifel wird ihm zum neuen Kompass. 1941, das Jahr, das nicht vergeht, heißt das Buch auf Deutsch; das Jahr, das wiederkehrt, so der Titel des kroatischen Originals.

1941 überfiel die deutsche Wehrmacht Jugoslawien, teilte das Land auf und schuf in seiner Mitte den "Unabhängigen Staat Kroatien", regiert von der Ustascha, einem Terror-Regime, das bei der Stadt Jasenovac ein eigenes Vernichtungslager unterhielt und überall im Land Serben und Juden willkürlich und anlasslos ermorden ließ. Im Westen Europas, auch in Deutschland, scheinen die Jahre von 1933 bis 1945 wirklich und endgültig vergangen zu sein - durch die "Bewältigung", die intensive Beschäftigung mit Krieg und Holocaust, durch eine fest etablierte Gedenkkultur. In Kroatien dagegen wird wieder mit aller Härte über die Vergangenheit gestritten. Wer an die Opfer der Ustascha erinnert, muss sich vor allem aus Kreisen der katholischen Kirche kommunistischer und antikroatischer, pro-jugoslawischer Sympathien zeihen lassen. Den ermordeten Serben, Juden und Roma werden die zehntausenden gefangenen Soldaten und Kollaborateure der Ustascha entgegengehalten, auch zwangsrekrutierte, die nach Kriegsende von den kommunistischen Partisanen niedergemetzelt wurden.

Goldstein, und das ist das Besondere an diesem Buch, stellt sich seinem persönlichen Dilemma, das zugleich das Dilemma seiner Generation und seines Landes ist: der totalitären Entgleisung - viele würden sagen: dem totalitären Charakter - seiner Befreier.

Um die Morde der Partisanen, den sogenannten "kroatischen Kreuzweg", rankt sich heute "ein politisierter Mythos", schreibt Slavko Goldstein, geschaffen, "um das noch größere Verbrechen von 1941 vergessen zu machen". 

Der Autor entkommt der Falle des Aufrechnens mit sachlicher und moralischer Präzision. Er verwebt seine Erzählung mit erforschten Fällen, Morden, "Säuberungen" mit dem historischen Hintergrund und mit grundsätzlichen Reflexionen. Aber er tut es so, dass man immer weiß, was er selbst erlebt, was er gehört und was er recherchiert hat und welche Gedanken von damals und welche von heute sind.

Flucht nach Israel

Denen, die sich nachher für die Verbrechen der eigenen Nation schämten und entschuldigen wollten, hört Goldstein sehr genau zu - Vinko Nikolić zum Beispiel, einem prominenten Emigranten, der in seiner Jugend dem faschistischen Staat diente und der später von Argentinien und dann von Barcelona aus ein unabhängiges Kroatien forderte.

"Oft hat er sein‚ sensibles dichterisches Herz betont und wie sehr es mit den eigenen unschuldigen Opfern leidet, ein Mitgefühl, das er für die unschuldigen Opfer der anderen nicht aufbringen konnte. Für ihn war das Lager Jasenovac 'eine große kroatische Wunde', dass es aber für Serben, Juden und Roma eine mindestens ebenso große Wunde war, findet er an dieser Stelle nicht einmal erwähnenswert."

Als nach dem Verschwinden des Vaters auch die Mutter ins Gefängnis kam, war der 13-jährige Slavko über Monate ganz auf sich allein gestellt, bevor er sich in italienisch besetztes Gebiet absetzen konnte, Mutter und Bruder wiederfand und sich als Kurier den Partisanen anschloss. Nach dem Krieg trat er, 17-jährig der KP bei. Als er dann aber im Auftrag der Partei Bauern ihre Ernte abpressen sollte, flüchtete er sich in einen Kibbuz in Israel. Heimweh trieb ihn schon bald zurück nach Zagreb. Der KP trat er nie wieder bei. Dennoch gestand das kommunistische Jugoslawien ihm die Rolle eines maßgeblichen Verlegers und führenden Intellektuellen zu. 1990 setzte Goldstein sich für die Unabhängigkeit Kroatiens ein, widersetzte sich aber dem Serbenhass und dem Geschichtsrevisionismus, die schon damals gefährlich in den Vordergrund drängten.

Die gelungene, elegante Übersetzung seiner Biographie ins Deutsche, das er übrigens perfekt beherrschte, hat der Autor nicht mehr erlebt - und seinen Kampf um Aufklärung und historische Gerechtigkeit in Kroatien hat er nicht gewonnen.

Am Tage seines Todes postete der katholische Ortspfarrer der Ferieninsel Hvar auf Facebook: "Die Nachricht vom Tode Dr. Slavko Goldsteins hat mich glücklich gemacht. Es freut mich, dass ein Hasser Kroatiens von der Weltbühne verschwunden ist."

Slavko Goldstein: "1941. Das Jahr, das nicht vergeht. Die Saat des Hasses auf dem Balkan"
Aus dem Kroatischen von Marica Bodrožić. S. Fischer Verlag, 592 Seiten, 30 Euro.

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