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StartseiteInterviewSMS-Kampagne "eines der absoluten Erfolgsgeheimnisse dieses Wahlkampfes"31.10.2008

SMS-Kampagne "eines der absoluten Erfolgsgeheimnisse dieses Wahlkampfes"

Medien-Expertin lobt Wahlkampagne Obamas als zukunftsweisend

Laut Caja Thimm, Medienwissenschaftlerin an der Universität Bonn, hat Barack Obama neue Maßstäbe im US-Wahlkampf gesetzt. Im Gegensatz zu seinem Kontrahenten John McCain habe er es verstanden, frühzeitig über das Internet zu werben und Geldspenden zu sammeln. Gerade junge Leute hätten über E-Mail- und SMS-Kampagnen mit Kleinstspenden zu den gigantischen Summen für Obama beigetragen, sagte Thimm.

Caja Thimm im Gespräch mit Stefan Heinlein

Klassische Wahlwerbung spielt eine immer kleiner werdende Rolle im Wahlkampf. (AP)
Klassische Wahlwerbung spielt eine immer kleiner werdende Rolle im Wahlkampf. (AP)
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Huffington Post

Stefan Heinlein: Landesweit zur besten Sendezeit auf fast allen Kanälen; auch die Fernbedienung brachte kein Entkommen vor dem Kandidaten. Mit einem halbstündigen Werbefilm in eigener Sache setzte Barack Obama in dieser Woche neue Maßstäbe im US-Präsidentschaftswahlkampf. Im Endspurt vor dem Wahldienstag ist die Medienschlacht in vollem Gange. Der demokratische Kandidat hat auch hier die Nase vorn. Er kann finanziell aus dem Vollen schöpfen. Geschätzte 700 Millionen US-Dollar; noch nie hatte ein Kandidat so viel Geld zur Verfügung. Obama setzt nicht nur auf Anzeigen und Werbespots im Fernsehen; wie kein anderer zuvor nutzt er das Internet für die direkte Ansprache möglicher Wähler und Spender. - Der teuerste US-Wahlkampf aller Zeiten. Den US-Wahlkampf hat vor Ort in Kalifornien die Bonner Medienwissenschaftlerin Frau Professor Caja Thimm beobachtet. Sie ist vor wenigen Tagen zurückgekommen aus San Francisco. Guten Morgen, Frau Thimm.

Caja Thimm: Guten Morgen!

Heinlein: Frau Thimm, wird dieser Wahlkampf in den Medien entschieden?

Thimm: Er wird sicherlich zum Teil in den Medien entschieden. Es war und ist immer amerikanische Geschichte gewesen. Allerdings hat der Medienbegriff in diesem Falle eine Ausweitung erfahren, denn das Internet ist ein ganz besonderes Medium, nämlich eines, was sozusagen von Person zu Person funktioniert, und ich glaube, das muss man einfach ganz neu diskutieren.

Heinlein: Warum ist das Internet so wichtig geworden?

Thimm: Barack Obama hat es geschafft, die junge Generation anzusprechen. Die schauen nur noch zum Teil Fernsehen, sondern sie sind im Internet aktiv. Von daher ist diese riesige E-Mail-Kampagne, eine riesige, übrigens Text-Message, also SMS-Kampagne, die er ganz persönlich gestartet hat, eines der absoluten Erfolgsgeheimnisse von diesem Wahlkampf.

Heinlein: Können Sie noch genauer erklären, wie er dieses Internet genutzt hat?

Thimm: Ja. Es lassen sich verschiedene Stadien eigentlich sehr schön abbilden. Bereits vor seiner Nominierung hat er mit den Bloggern zusammengearbeitet. Diejenigen, die politische Blogs führen in den USA, sind extrem einflussreich. Zum Beispiel Huffington Post. Wer sich da ein bisschen im Internet umschauen möchte, sollte mal die Seite anklicken. Ein sehr einflussreiches Blog, inzwischen im Prinzip die meist gelesene Tageszeitung, wenn man so will. Online passiert in Amerika viel mehr als bei uns.

Heinlein: Konnte der "alte Mann", John McCain, bei dieser neuen modernen Form des Internet-Wahlkampfes nicht mithalten?

Thimm: Nein. Er ist im Prinzip relativ spät in dieses Medium eingestiegen. Er hat natürlich auf seiner Website auch einiges an, ich sage jetzt mal, Web-Connections angeboten, aber doch längst nicht in dem Maße wie Barack Obama. Obama hat natürlich auch dadurch, denn es geht ja auch um das Geld, unglaubliche Mengen an Kleinstspenden eingesammelt, die über das Internet, über Internet-Foren, über verschiedene, ich sage jetzt mal, "word of mouth"-Kommunikation - das ist natürlich metaphorisch - organisiert. Daher kommen diese großen, großen Zahlen an Dollars, die bei ihm eingegangen sind.

Heinlein: Wie muss man sich das vorstellen, Frau Thimm? Sind das quasi Bettel-Mails, die von Obama, von den Obama-Teams an potenzielle Wähler und Unterstützer gesendet werden?

Thimm: Man könnte es als Bettel-Mail formulieren, aber es ist natürlich eine Form von Ansprache. Ich habe zum Beispiel heute Morgen allein schon vier bekommen - von Obama, von seiner Frau, von den Organizers -, und immer steht drin - die letzten Tage und damit natürlich im Moment auf Aktionen gesetzt - "give five Dollars", gib irgendetwas, und "make it happen". Dieses In-Group-Feeling, wie wir sagen, das hat er ganz phänomenal über das Internet hinaus bewegen können.

Heinlein: Sind es tatsächlich die Kleinspenden, die diese gigantischen Summen für Obama zusammengerafft haben?

Thimm: Ja. Ich denke, das kann man mit Recht sagen. Wir wissen, dass der Durchschnitt bei zirka 2.500, 2.600 Dollar liegt. Das sind also keine riesigen Summen. Es gibt sehr viele Kleinspender unter den Studierenden - ich habe natürlich bei meinen Studenten in San Francisco auch gehört, wie das funktioniert -, die dann sozusagen ihre eigenen Newsgroups für Obama organisiert haben und selbst Geld organisiert haben. Das heißt, es ging gar nicht unbedingt nur von der Zentrale aus, sondern wurde in diesen Sub-Internet-Gruppen selbst in die Hand genommen.

Heinlein: Barack Obama hat viel Geld und ist dadurch quasi omnipräsent in den Medien. Ist diese Dauerpräsenz ein Vorteil, oder könnte auch die Gefahr bestehen, dass irgendwann die Wähler diesen Dauerauftritten von Obama müde werden?

Thimm: Ich denke, es ist beides sicherlich richtig. Diejenigen, die informiert sind, die entschieden sind - und das ist ein Großteil -, ich glaube, denen reicht es jetzt. Aber es gibt nach wie vor - vergessen Sie nicht: die USA sind ein riesiges Land - massiv immer noch im Bereich Fernsehen, gerade "Fox News" ist natürlich ein ganz zentraler Sender für die große Masse der etwas einfacheren Leute, vielleicht auch in den ländlichen Gegenden. Ich glaube, dass es eine sehr kluge Taktik war, ganz am Ende noch mal Obama schon als Fast-Präsidenten zu zeigen. Wir werden sehen, ob es sich ausgezahlt hat, aber ich denke, es ist Zeit, dass gewählt wird.

Heinlein: Ist, Frau Thimm, diese neue Form des US-Wahlkampfes mit dem Internet-Einsatz auch übertragbar auf Deutschland? Werden die deutschen Parteien versuchen, vielleicht in Zukunft diesen Obama-Wahlkampf, der ja nicht nur in den USA stilprägend war, zumindest ansatzweise zu übertragen, zu kopieren?

Thimm: Das tun sie schon jetzt. Ich weiß, dass die Vorbereitungen für den Bundestagswahlkampf auch schon jetzt bei einigen Parteien anlaufen. Ich bin auch zum Teil in einigen von diesen Gremien aktiv. Ich denke insbesondere an das Stichwort "personal mailing", den Wähler direkt zu adressieren. Dann die ganze Frage, wie benutze ich die Bürger sozusagen als eine Form der internen Kommunikation, die an bestimmte Kreise kommen, die man sonst gar nicht erreicht. Das dritte Stichwort ist natürlich auch "social media". Das sind bei uns das StudiVZ. Das war in Amerika "facebook", ist bei uns inzwischen auch "facebook". Das sind die großen Netzwerke. Ich glaube, jede Partei wird tunlichst dazu beitragen, dort präsent zu sein.

Heinlein: Die US-Amerikaner, Frau Thimm, wählen ja keine Parteien, sondern Personen. Der Charakter, die Bekanntheit und die Rhetorik des Kandidaten ist ja manchmal viel, viel wichtiger als die politischen Inhalte. Ist das ein Trend, der dann auch hier in Deutschland ankommen wird?

Thimm: Wir haben ja schon einige von den Elementen der zunehmenden Medialisierung von Wahlen. Ich glaube, dieser Trend wird sich bei uns fortsetzen. Er wird vermehrt das Internet einbeziehen. Da bin ich mir völlig sicher. Aber Deutschland hat eine andere, eine direktere politische Kultur als die Amerikaner. Die riesigen Distanzen, die große innere Entfernung von Washington, ich glaube, die gibt es bei uns zum Teil auch, aber Berlin ist doch immer noch so ein bisschen mehr in der Mitte als Washington für die Amerikaner. Von daher denke ich, wir werden nach wie vor mehr Inhalte haben als in den USA üblich.

Heinlein: Frau Thimm, Sie haben die beiden Kandidaten John McCain und Barack Obama nicht nur im Internet beobachtet, sondern auch die Wahlkampfauftritte von beiden Kandidaten direkt unmittelbar beobachten können. Haben Sie Unterschiede im Auftreten der Kandidaten feststellen können?

Thimm: Ja. Die Unterschiede sind übrigens auch bei den Fernsehduellen, fand ich, sehr deutlich geworden. Es gibt zwei Diskussionen, die in den amerikanischen Medien sehr stark geführt wurden, nämlich wie ist die Körpersprache - das ist für uns Medienleute natürlich ausgesprochen interessant - und was bedeutet das so genannte erratische Verhalten von McCain, das heißt heute sagen, die Wirtschaft ist gesund, und am nächsten Tag überrascht sein von den Medienentwicklungen. Dieses sehr präsidentielle Verhalten von Barack Obama in seiner Körpersprache, seiner Diktion, seiner Ruhe, mit bestimmten Themen umzugehen, also beispielsweise eine Aktion, den Wahlkampf auszusetzen, was McCain ja getan hat, um mehr in Washington präsent zu sein. All diese etwas hektischen Aktionen haben die Amerikaner mit sehr viel Misstrauen betrachtet und diese Form von Körpersprache haben sie zum Teil eben auch in den Veranstaltungen gesehen, wobei ich gebe zu, ich bin auch sehr weit entfernt gewesen. Ich würde mir da jetzt kein Urteil anmaßen wollen.

Heinlein: Eindrücke vom US-Wahlkampf. Das war die Bonner Medienwissenschaftlerin Caja Thimm. Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören!

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