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StartseiteLange NachtSo blieb er ein Fremder28.02.2009

So blieb er ein Fremder

Eine Lange Sándor-Márai-Nacht

"Ich habe ein schlechtes Gedächtnis" lautet eines der "Bekenntnisse eines Bürgers" von Sándor Márai. Es ist nicht das Erkennen von Fakten, mit dem der erst zehn Jahre nach seinem Tod 1999 wiederentdeckte Schriftsteller und Publizist zu internationalem Ruhm gelangt: Es ist seine unbestechliche, fast peinigende Suche nach der Wahrheit.

Eine Sendung von: Monika Künzel und Christian Brückner

 Sándor Márai schrieb zunächst auch auf Deutsch.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Sándor Márai schrieb zunächst auch auf Deutsch. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Wie in der "Glut" schickt er seine Romanfiguren stets auf eine Gratwanderung der Gefühle, bei der Lüge und Verrat, Hoffnung und Enttäuschung geradezu fatal nebeneinander liegen.

So illusionslos und resignativ seine Einblicke in das Tollhaus der Zeitläufe und des menschlichen Seins auch geraten, so unbändig glaubt dieser durch die Verfolgungen des 20. Jahrhunderts entwurzelte Europäer trotz aller persönlicher schicksalhafter Wirren an das Leben. Erst mit dem Tod seiner Frau nach sechs Jahrzehnten gemeinsamen Lebens weicht die letzte Kraft aus seiner geschundenen Seele. Christian Brückner liest in dieser Langen Nacht Prosatexte von Sándor Márai, aber auch aus dessen literarischen Reflexionen und den Tagebüchern der letzten Jahre bis zu seinem Selbstmord 1989 im kalifornischen San Diego.

piper-verlag.de

Sándor Márai hatte unter anderem deutsche Wurzeln und schrieb zunächst auch auf Deutsch, um ab 1928 nur noch in ungarischer Sprache zu publizieren.
Weiterlesen: Wikipedia: Sandor Marai

Ernö Zeltner
"Sandor Marai. Ein Leben in Bildern"
Piper Verlag
Sándor Márais Biographie - ein bewegtes, ebenso erfolgreiches wie tragisches Schriftstellerleben, in dem sich das 20. Jahrhundert in seinen künstlerischen und politischen Dimensionen spiegelt. Mit zahlreichen erstmals veröffentlichten Dokumenten und Photos.

"Die Arbeit ist Heimat, also Kerker und Glück zugleich - wo mir alles verhasst und zugleich süß und wunderbar bekannt und vertraut ist." Heimat war für Sándor Márai auch und vor allem die ungarische Sprache, an der er auch nach Jahrzehnten im Exil festhielt und die für ihn ebenso Insel der Freiheit wie Isolation bedeutete. 1900 als Sohn eines angesehenen Anwalts geboren, gab er schon früh seiner Leidenschaft für die Literatur nach: Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte er mit 18. Als Student in Berlin begeisterte er sich für zeitgenössische Autoren wie Kafka und Trakl. Anfang der zwanziger Jahre ging Marai mit seiner jungen Frau, der Jüdin Ilona Matzner, nach Paris; seine kreativste Phase jedoch erlebte er im Budapest der Zwischenkriegszeit: Er veröffentlichte mehr als 20 Romane und zahlreiche Feuilletons. Nach der Emigration 1948 abgeschnitten von seiner europäisch-intellektuellen Welt, verbrachte Marai die zweite Hälfte seines Lebens bis zu seinem Freitod 1989 in zunehmender Vereinsamung. Diese neue, reich mit Originalphotographien bebilderte Biographie begleitet die Marai-Veröffentlichungen im Piper Verlag.

Er war ein Romancier und Feuilletonist, Großbürger und Lebemann und ein kritischer Beobachter seiner Zeit. Bescheidenheit gehörte nicht zu seinen Eigenschaften - er wollte alles: gut schreiben, ein angenehmes Leben und Erfolg. In den dreißiger Jahren schrieb er zwei Romane pro Jahr, nach seinem Weggang aus Ungarn geriet er jedoch in Vergessenheit. Seine Wiederentdeckung war eine der großen literarischen Sensationen der letzten Jahre. Mit dem Roman "Die Glut" eroberte der ungarische Schriftsteller Sándor Márai die deutschen Bestsellerlisten - mehr als zehn Jahre nach seinem Tod. Eine reich bebilderte Biographie zeichnet jetzt das Leben des Autors nach, der nach erfolgreichen Jahren in Budapest seine Heimat verließ und sich verbittert im amerikanischen Exil das Leben nahm. Aus:

Sándor Márai
Tagebücher Bd. 2
Unzeitgemäße Gedanken.
Aus d. Ung. v. Clemens Prinz
2009 Piper

Sándor Márai
Tagebücher 1984-1989.
Ausgew. u. aus d. Ungar. v. Hans Skirecki.
Nachw. v. Ernö Zeltner. Hrsg. v. Siegfried Heinrichs.
2002. -PIPER-
Die Tagebücher Sándor Márais von 1984 bis zu seinem Freitod 1989 sind ein überaus bewegendes Zeugnis. Ohne zu beschönigen, beschreibt der Schriftsteller Krankheit und Tod seiner geliebten Frau, mit der er sechzig Jahre seines Lebens verbracht hatte. Er hält den Prozess des eigenen Alterns fest, berichtet von der zunehmenden Einsamkeit, auch wenn er nach wie vor an den gesellschaftlichen und literarischen Ereignissen seiner Zeit Anteil nimmt.

Tagebücher
1985 - 1989
1 Audio-CD.
Eine Auswahl.
75 Min.. Gelesen v. Christian Brückner.
parlando prosa. 2000.
-PARLANDO EDITION CHRISTIAN BRÜCKNER-

IM LEBEN GESCHEHEN keine "großen Dinge". Wenn wir später zurückblicken und den Augenblick suchen, als uns etwas Bestimmendes, Unumkehrbares zustieß - das "Erlebnis" oder das "Unglück", welches unser späteres Leben formte -, finden wir meistens nur solche bescheidenen Spuren, manchmal noch weniger. Eigentlich gibt es kein anderes "Erlebnis" als die Familie und keine andere "Tragödie" als den Augenblick, in dem du entscheiden musst, ob du in der Familie und ihrer großen, breitgefächerten Vielfalt, der "Klasse", der Weltanschauung, der Menschenart bleibst - oder ob du deinen eigenen Weg gehst und weißt, dass du fortan für immer allein bist, dass du frei bist, aber jedermanns Beute, und dass nur du dir selbst helfen kannst...Ich war vierzehn Jahre alt, als ich von zu Hause ausriss; danach kehrte ich nur noch zu Besuch heim, zu Feiertagen, für eine kurze Zeit; die Zeit ist ein großer Anästhesist, und zuweilen schien es schon, als wäre die Wunde völlig geheilt. Aber viel später, nach zwanzig Jahren, brach sie überraschend und "grundlos" wieder auf und schmerzte fast unerträglich; dann wurde sie wieder taub, und wir sprachen von etwas anderem. Ich möchte hier die Wahrheit schreiben. An die Wahrheit gewöhne ich mich wie der Schwerkranke an die lebensgefährliche, bittere Medizin; möglich, dass sie tötet, aber vielleicht hilft sie; im Grund genommen habe ich nichts zu verlieren. Die Wahrheit ist, dass ich wegen meines Wesens und der Wende meines Schicksals niemandem Vorwürfe machen kann.

Sándor Márai
Bekenntnisse eines Bürgers.
Erinnerungen.
Aus d. Ungar. v. Hans Skirecki. Hrsg. v. Siegfried Heinrichs.
2000. -PIPER-

Sándor Márai
Himmel und Erde.
Betrachtungen.
Aus d. Ungar. u. mit e. Nachw. v. Ernö Zeltner.
2002 -PIPER-
Marai, der große Erzähler, war auch ein Meister der kleinen Form: In seinen brillanten literarischen Betrachtungen denkt er nach über Liebe und Alter, über Freundschaft und Vergänglichkeit, über das Schreiben und das Leben mit Büchern. "Was aber ist das Geheimnis der großen, lebendigen Prosa? Bisweilen glaube ich fast, nur die Wahrheit." Sándor Márais geschliffen formulierte Selbstgespräche über Kunst und Literatur, seine Reflexionen über Natur und Vergänglichkeit, über Moral und Gefühlsind von eindrucksvoller Prägnanz und Einsicht. Doch so impressionistisch diese Texte auf den ersten Blick wirken mögen, so zeichnet sich bereits Marais Resignation ab. Sein Rückzug aus dem öffentlichen Leben, sein Sich-Abwenden von den Ereignissen und die gleichzeitige Hinwendung zum reinen Wort finden in diesem 1942 vom Autor selbst zusammengestellten Band eine deutliche literarische Form. Die Leser, die Sándor Márai durch seine Romane "Die Glut" und "Eszter" kennen gelernt haben, werden auchbei diesen Miniaturen die kunstvoll ausgewogene Balance zwischen Intellekt und Gefühl schätzen.

"Aber etwas habe ich in den vierzig Jahren doch erfahren: Ich lernte, dass man die Geschenke des Lebens nicht demütig, nicht ehrfurchtsvoll genug annehmen kann, und auch darauf kann gar nicht genug geachtet werden, dass man sein Herz nicht völlig, nicht uneingeschränkt den Lebenden schenkt. Wer seine Gefühle bedingungslos an die Menschen bindet, wird leiden und am Ende zugrunde gehen. Ich will nicht Gleichgültigkeit, arrogante Überlegenheit oder kalte Nüchternheit predigen. Nur eben das: Liebe, aber in Maßen. Glaub nicht denen, die die Flamme, das rücksichtslose Opfer, die totale Hingabe fordern. Sie sind Wucherer; wenn sie dich in ihre Fänge bekommen, saugen sie dir Blut und Gefühle aus, und das ist dein Ende. Freue dich über das Licht, und liebe, auch dankbar kannst du sein, doch etwas behalt für dich. Man muss darüber nicht groß reden. Lächeln soll man, sich über das Leben freuen, genau so viel geben, wie man bekommt. Um nichts mehr, verstehst du?"

"Ich dachte gar nicht daran, "Karriere" zu machen, und ich glaube, ich hielt nicht viel von meiner Verbindung zu dieser "Provinzzeitung". Ich veröffentlichte in der "Frankfurter Zeitung" die gleichen Artikel und Feuilletons, die ich später einem Kaschauer Blatt gab, und was man in Kaschau zu meinen Versuchen sagte, war mir mindestens so wichtig wie die Meinung der Frankfurter Kritiker und die Tatsache, dass die große Zeitung sonntags meine Beiträge an die Spitze des Feuilletonteils stellte. In meinem Leben ergab sich alles so. Wenn ich zur "Frankfurter Zeitung" sehr "gewollt" hätte, wäre ich vielleicht abgeblitzt. Vom Schreiben, vom Gewicht der Wörter und von ihren Folgen hatte ich keine Ahnung. Ich schrieb, wie ein junger Mensch atmet, aus voller Lunge, mit einer barbarischen Vergnügtheit. Ich wusste nicht, dass überall in der Welt ausgebuffte alte Schriftsteller hockten und sonst etwas dafür gegeben hätten, dass das Blatt sie druckte; ich sah im Schreiben für eine große Zeitung eher nur einen Zeitvertreib, der fürstlich honoriert wurde. Später lernte ich, dass es nicht lohnte, Geld von ihnen zu verlangen, ich fuhr besser, wenn ich die Summe des Honorars ihnen überließ. Als ich Frankfurt verlassen hatte, schickten sie mich durch einen einfachen Anruf in Paris nach London zu irgendeiner politischen Konferenz, nach Genf, weil sie "bunte" politische Bilder wollten, in italienische oder belgische Provinzstädte, wo "etwas los war", oder auf eine mehrmonatige Orientreise, deren gesamte Kosten sie trugen...Ich lernte, dass es nicht lohnte, der "Frankfurter Zeitung" eine Kostenrechnung zu schicken, niemals konnte ich so viel verlangen, wie mir die Zeitung freiwillig anwies."

"Das Blatt war ein Meisterwerk, ein so sensibler Organismus wie der diplomatische Apparat eines kleinen Staates. Und in der Tat, seine Diplomaten saßen in New York, London und Paris, angesehene Redaktionen mit Botschaftern und Attachés, und alle Depeschen, ausländischen Rezensionen oder Londoner Modebriefe hatten ihre Folgen. Das Blatt registrierte die Erscheinungen, aber was noch wichtiger und aufregender war, es bestimmte ihre Bedeutung und wies jedem aktuellen Ereignis seinen geistes- oder kulturgeschichtlichen Platz zu. Es hieß, die deutsche Schwerindustrie finanziere das Blatt; doch diese Meldung erwies sich damals, zu Beginn der zwanziger Jahre, als unwahr. Später legte der größte deutsche Industriekonzern tatsächlich die Hand darauf, noch später das Dritte Reich, allerdings sehr lange sehr vorsichtig; die "Frankfurter Zeitung" war vielleicht die einzige im Reich, die von den Nazis vorerst nicht "gleichgeschaltet" wurde. Sie lebte von ihrer Autorität , ihrer geistigen Überlegenheit und ihrer Unabhängigkeit, und daneben ging es in ihrem Frankfurter Stammhaus geradezu familiär her; Henry Simon achtete auf jede Zeile, und mochte eine Meldung in einer der täglich drei Ausgaben noch so unbedeutend sein, er hatte sie vorher gelesen. Wer erst einmal aufgenommen war, wurde wie ein Familienmitglied behandelt. Wem sie vertrauten, der konnte sich auf sie verlassen. Allerdings musste man für jede Zeile, die in dieser Zeitung erschien, hart arbeiten; Nachlässigkeit und Ungenauigkeit wurden nicht verziehen. Mit der großen Zeitung stand ich jahrelang in Verbindung. Eines Tages endete diese von selbst, so merkwürdig und ohne Grund, wie sie begonnen hatte. Da lebte ich bereits seit Jahren in Paris; ich tat viel für sie und vielerlei. Eines Tages begannen sie, mir meine Artikel zurückzuschicken. Einer erschien, drei bekam ich zurück. Ich verstand nicht, warum. Die Artikel waren nicht schlechter und nicht dümmer als meine früheren. "Dies hatten wir von Ihnen eigentlich nicht erwartet", schrieben sie. Ich dachte nach und verstand. Als ich zu ihnen gestoßen war, war ich gelehrig und geschäftig. Und als ich allmählich meine eigene Stimme fand, wurde ihnen alles, was ich schrieb, immer fremder. Ich schrieb auf deutsch, aber in fremder Mentalität. Hin und wieder druckten sie mich noch, aus Höflichkeit, nur so, wie man eine verlassene Geliebte grüßt."

"Ich könnte mir denken, dass man eines Tages antworten muss. Der gestrenge Richter wird sagen: "Lüge nicht. Es stimmt nicht, dass alles Bitternis war, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit. Glücklich warst du auch. Wenn auch nicht oft, so doch für einen Augenblick. Nenne mir diesen Augenblick." Was kann ich antworten? Ich werde das Haupt senken, mich hinterm Ohr kratzen und verwirrt vor mich hinsehen. Und meine Antwort: "Ja, ich war auch glücklich. Ganz sicher war ich auch glücklich. Ich erinnere mich an das Glück, habe seinen Geschmack sogar hier auf der Zunge, den Duft in der Nase, in den Nervenbahnen sine Spannung. Aber wann war es? In der Kindheit?...Nein, die Kindheit war nicht gut, man hat mir viel Leid zugefügt. Im Jünglings-, im Mannesalter?...Die düsteren Erinnerungen sind stärker, decken alles zu. Dennoch, wann bin ich denn dann glücklich gewesen?...Jetzt hab' ich es: in dem Augenblick, der mir so gleichgültig war, das ich mich nicht einmal mehr daran erinnern kann.

DAS LEBEN wird in Augenblicken gelenkt, wenn wir neben Argument, Einsicht und "nüchternen Verstand" einem inneren Widerstand nachgeben: Der Mensch stolpert, irrt und sucht unwissend seinen weg, und nie weiß er genau, was er machen müsste, aber manchmal klipp und klar, was er nicht machen darf. Wir können unser Tun nicht berechnen; aber es gibt ein passives Tun, wenn wir das sichere Gefühl haben, dass etwas zu verweigern, irgendwo nicht hinzugehen, etwas abzulehnen, an einem Ort zu bleiben und sich nicht zu rühren einem Handeln gleichkommt. Ein gerader Weg führte heimwärts; ich klammerte mich mit beiden Händen an alles Erreichbare, um nicht weggerissen zu werden von der plötzlichen Panik, dem persönlichen Orkan, dem vom "nüchternen Verstand" gerechtfertigten Kuschen aus Schwäche und Feigheit; ich musste draußen bleiben, in Florenz oder anderswo, meine Zeit, heimzufahren, war noch nicht gekommen. Die Welt stand nach allen Seiten offen; zwar hatte ich meistens nicht das Geld für die Straßenbahn, aber vor dem Geld hatte ich keine Angst, immer noch nicht, ich konnte es einfach nicht als Hindernis ansehen, es gehörte nicht zu den Bedingungen, denen ich mein Tun anpasste. Ich wusste, dass Freiheit eine innere Bedingung ist, eine Fähigkeit der Seele; auch arm kann man grenzenlos frei und unabhängig sein, und später, unter glücklicheren Umständen, vermochte ich mich mit Geld und Reisepass in der Tasche nicht mehr wegzurühren; ich war nicht mehr in Schwung, unsichtbare Gewichte hielten mich fest, geheimnisvolle Fesseln waren mir angelegt..."

Weitere Werke von Sándor Márai:

Christian Brückner liest "Die Glut"
Erscheinen bei Parlando Prosa - Edition Christian Brückner
4 Cassetten


"Die Glut" ist auch erschienen als Hörbeispielbearbeitung:

Sándor Márai
Die Glut, 1 Cassette.
Eine Aufnahme d. Saarländischen Rundfunks, Saarbrücken,
84 Min.. Hörspielbearb. v. Sebastian Goy;
Sprecher: Thomas Holtzmann, Rolf Boysen, Doris Schade u. a.; Regie: Walter Adler.
2000. -HÖRBUCH HAMBURG-

Sándor Márai
Die Glut
Roman.
Piper - Ersch. 1942 unter dem Titel "A gyertyák csonkig égnek""
Deutsch 1999 von Christina Viragh
Genau 41 Jahre und 43 Tage nachdem er damals, nach der Jagd, Hals über Kopf verschwunden war, taucht Konrád wieder auf. Der General, einsam in seinem Schloss lebend, lässt die seit dem Tod seiner Frau verschlossenen Gesellschaftsräume öffnen, alles genauso vorbereiten, wie es damals war - an jenem letzten Abend.

Kennen gelernt hatten die beiden sich als Kinder in der Kadettenanstalt - sie waren von Beginn an unzertrennlich, ein Herz und eine Seele, mehr als Geschwister oder Freunde. Nur der finanzielle Graben ist zwischen ihnen - denn der General kommt aus reichem Elternhaus, während Konráds Eltern sich völlig verausgaben, um ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen.

Auch als der General geheiratet hatte, blieb die Freundschaft unangetastet - Konrád ging im Haus ein und aus, war immer gern gesehen. Bis zu jenem Morgen auf der Jagd, da der General merkte, dass Konrád auf ihn gezielt hatte. Nun, 41 Jahre später, will er eine Antwort erhalten auf die Fragen, die ihn seither quälen - hatte seine Frau gewusst, dass er ihn töten wollte?

Zwei Männer, die den Glanz des K&K-Reiches noch verkörpern - Aufgewachsen am Ende des 19. Jahrhunderts in einem Vielvölkerstaat, bauten sie ihre Karriere auf. Und ihre Freundschaft - denn so verschieden sie auch waren, so innig war doch auch ihre Freundschaft. Doch dann passiert etwas - genau wird man nie wissen, was passiert ist. Und auch der General, der bei diesem Abendessen einen Monolog hält, den früheren Freund gar nicht zu Wort kommen lässt, will am Ende nichts mehr von Tatsachen wissen - das ist für ihn nicht die Wahrheit, nach der er verlangt. Er weiß, dass man einen Freund, der so eng verbunden war wie sein Jugendfreund, auch dann nicht verliert, wenn Verrat und Betrug sie trennen. Sie beide, dessen sind sie sich bewusst, können erst jetzt, nachdem sie miteinander gesprochen haben, Frieden mit sich schließen und den Tod erwarten.

Ich war sehr beeindruckt von diesem Buch - das bereits vor mehr als 50 Jahren geschrieben wurde. Sándor Márai bedient sich einer sehr poetischen Sprache, viele Formulierungen möchte man sofort übernehmen. Was mich allerdings ein wenig gestört hat, war seine Beschreibung der Frauen. Freundschaft, so betont er mehrmals, könne es nur zwischen Männern geben. Und alles, was menschlich wäre an einer Frau, könne sie doch nur auf ihre "weibliche" Art sein.
Leseproben finden Sie unter:
die-leselust.de

Sándor Márai
Das Vermächtnis der Eszter
Roman.
Piper - Ersch. 1939 unter dem Titel "Eszter hayatéka"
Deutsch 2000 von Christina Viragh
mehr dazu:
die-leselust.de

Sándor Márai
Die Gräfin von Parma.
Roman.
Aus d. Ungar. v. Renee von Stipsicz-Gariboldi.
2002. -PIPER-
Der vornehme Fremde bezieht das schönste Gastzimmer im "Weißen Hirschen" zu Bozen: mit großen Fensterflügeln auf den Hauptplatz, mit vergoldeten Möbeln und einem venezianischen Spiegel über dem Kamin. Hier kann er sich, nach den Strapazen seiner Flucht aus den Bleikammern, endlich ausruhen. Hier kann er mit dem appetitlichen Stubenmädchen flirten und seinen Begleiter, den etwas verlotterten Klosterbruder Balbi, auf Botengänge zum Modisten und Perückenmacher schicken. Da erfährt er, dass auch der Graf von Parma mit seiner blutjungen schönen Frau in der Nähe weilt - und augenblicklich ist es um seine Lässigkeit geschehen. Denn Franziska ist die einzige Frau, die ihn je wirklich berührt hat ... und mit ihr hat er noch eine Rechnung offen.

Sándor Márai
Die jungen Rebellen.
Roman. Aus d. Ungar. v. Ernö Zeltner.
2001 -PIPER-
Vier Heranwachsende, deren Väter an der Front sind, entdecken ihre Unabhängigkeit. Sich selbst ausgeliefert, erfinden sie geheimnisvolle Spiele, die es Ihnen erlauben, der Autorität ihrer Familien zu entkommen. Erregung, Erwartung, Eifersucht, Fatalismus - das sind Gefühle, von denen sich die vier jungen Männer in die Welt der Erwachsenen treiben lassen. Die Gefühlswirren einer Gruppe von Jugendlichen in einer Zeit des Umbruchs werden wohl nirgends so zwingend vermittelt wie in diesem frühen autobiographisch geprägten Roman des brillanten Erzählers. Abel, der Sohn des Arztes, liegt auf dem Bett, mit gelockertem Kragen und angespannten Muskeln; er fühlt sich, als habe er Fieber. Aus der Küche hört er das leise Singen des Dienstmädchens, das gerade bügelt. Sein verschleierter Blick schweift aus dem Fenster - und nimmt vage die Silhouette der engen, kopfsteingepflasterten Gassen wahr. Der Geruch nach Tabak und Likör, noch vom Kartenspiel zuvor mit den Freunden, vermischt mit dem schwachen, pudrigen Veilchenduft aus dem Nebenzimmer, verursacht ihm Übelkeit. Doch dann rafft er sich auf - denn Bela, Tibor und die anderen warten bereits am geheimen Treffpunkt, draußen, im verlassenen Landgasthof. Während ihre Väter an der Front sind, entdecken vier Heranwachsende ihre Unabhängigkeit. Sich selbst ausgeliefert, erfinden sie geheimnisvolle Spiele, die es ihnen erlauben, der Autorität ihrer Familien zu entkommen. Erregung und Erwartung, gegenseitiges Mißtrauen und Eifersucht, Fatalismus und Resignation - das sind die Gefühle, von denen sich die vier jungen Männer in die Welt der Erwachsenen treiben lassen.

Sándor Márai
Die Gräfin von Parma.
Roman.
Aus d. Ungar. v. Renee von Stipsicz-Gariboldi.
-PIPER- 2002
Der vornehme Fremde bezieht das schönste Gastzimmer im "Weißen Hirschen" zu Bozen: mit großen Fensterflügeln auf den Hauptplatz, mit vergoldeten Möbeln und einem venezianischen Spiegel über dem Kamin. Hier kann er sich, nach den Strapazen seinerFlucht aus den Bleikammern, endlich ausruhen. Hier kann er mit dem appetitlichen Stubenmädchen flirten und seinen Begleiter, den etwas verlotterten Klosterbruder Balbi, auf Botengänge zum Modisten und Perückenmacher schicken. Da erfährt er, dass auch der Graf von Parma mit seiner blutjungen schönen Frau in der Nähe weilt - und augenblicklich ist es um seine Lässigkeit geschehen. Denn Franziska ist die einzige Frau, die ihn je wirklich berührt hat ... und mit ihr hat er noch eine Rechnung offen.

Sándor Márai
Der Wind kommt vom Westen.
Amerikanische Reisebilder.
2002. -PIPER-
Von Kalifornien über Mexiko, Texas und Florida zurück nach New York führte die Reise des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai. In seinen Reisebildern verbinden sich scharfsinnige Äußerungen über die sozialen und politischen Mißstände mit großer Offenheit gegenüber fremden Menschen und Orten. Marai beobachtete das bunte Treiben auf den Straßen von San Francisco und bewunderte sowohl die Wolkenkratzer von Houston als auch die vielfältige Natur des amerikanischen Kontinents. Ein großartiges Zeugnis der Begegnung eines europäischen Exilschriftstellers mit seiner neuen Heimat.

Sándor Márai
Die Möwe
Roman.
Aus d. Ungar. v. Christina Kunze
2009 Piper

Sándor Márai
Die Möwe
Komplettlesung
Sprecher: Ulrich Noethen
Regie: Ralf Schäfer
Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg
4 CDs 319 Minuten
Erschienen bei: Der Audio Verlag

Sie tritt in sein Leben, als er als ungarischer Minister eine verhängnisvolle Entscheidung für sein Land getroffen hat. Aino Lainen, die geheimnisvolle Finnin, hat verblüffende Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Geliebten und wirft den sonst so kontrollierten Mann völlig aus der Bahn. Weshalb taucht die seltsam vertraute Fremde gerade jetzt auf? Es beginnt ein gefährliches Spiel zwischen Leidenschaft, Sehnsucht und Zerstörung. Ein elegantes, vielschichtiges Kammerspiel - einfühlsam interpretiert von Ulrich Noethen.
Weiterlesen: http://www.aufbauverlag.de/index.php4?page=13735aufbauverlag.de

Christian Brückner, geboren 1943, studierte Theaterwissenschaft, Soziologie und Germanistik. Er spielte in diversen Theaterstücken, Fernsehserien und Kinofilmen mit. Seine Stimme ist besonders durch die Synchronisation von von Robert De Niro, Harvey Keitel und Robert Redford bekannt geworden. Daneben hat Brückner in über 25 Jahre lang als Sprecher und Literaturinterpret für fast alle Rundfunkanstalten gearbeitet. Außerdem spricht er Reportagen, Dokumentationen, gibt Literaturlesungen, in denen er unter anderem Gedichte Hölderlins, Celan und Novalis vor Publikum liest. ... Kurzhörspiele mit Marlene Dietrich, Tagebücher und Romane von Sándor Márai, "Schande" und andere Texte des diesjährigen Nobelpreisträgers J.M. Coetzee sind ebenfalls in dem anspruchsvollen parlando-Programm vertreten - weiterlesen: http://www.hoffmann-und-campe.de/go/christian-bruecknerhoffmann-und-campe.de

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