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StartseiteKultur heute"So etwas wie ein Grundkurs Kunstgeschichte"30.05.2007

"So etwas wie ein Grundkurs Kunstgeschichte"

Koldehoff: Berliner Impressionisten-Ausstellung zeigt nicht nur Meisterwerke

Kunstexperte Stefan Koldehoff spricht in Zusammenhang mit der Ausstellung impressionistischer Bilder des Metropolitian Museum of Art in der Neuen Nationalgalerie in Berlin von einer Mogelpackung. Zwar seien einige sehr gute Bilder zu sehen, insgesamt befänden sich unter den 150 Ausstellungsstücken aber auch weniger gute Exponate.

Moderation: Beatrix Novy

Zwei Besucher vor dem Bild "Die Geburt der Venus" von Alexandre Cabanel in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. (AP)
Zwei Besucher vor dem Bild "Die Geburt der Venus" von Alexandre Cabanel in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. (AP)
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Beatrix Novy: Die Impressionisten kommen nach Berlin. Aus dem Metropolitan Museum of Art in New York. Selbstverständlich kommen sie mit großem Getöse: Zeitungen brachten, so lange noch nichts zu sehen war, Hintergrundartikel, Interpretationen einzelner Bilder. Jetzt kurz vor der Eröffnung der Ausstellung war schon mal etwas zu sehen in der Nationalgalerie. Rechtfertigt diese Ausstellung die Aufregung?

Koldehoff: Nein, nicht wirklich. Das, was da heute in Berlin eröffnet wird, das ist tatsächlich so etwas wie ein Grundkurs Kunstgeschichte mit speziellem Fokus auf den Impressionismus, wird aber noch nicht mal ausschließlich durch erstklassige Bilder belegt, die das Metropolitan Museum of Art ja durchaus hätte.

Nun muss man wissen, Hintergrund dafür, dass diese Ausstellung überhaupt stattfinden kann, ist der Umstand, dass in New York die Räume, in denen diese Bilder ansonsten hängen, renoviert werden, deswegen hat man mal erst gegen viel Geld einige dieser Bilder nach Houston zu einer Ausstellung ausgeliehen. Und diese Ausstellung, die schon in Houston zu sehen war, die kommt jetzt nach Berlin. Aber das sind natürlich nicht alle A-Impressionisten, die das Metropolitan Museum hat, denn selbstverständlich zeigt man auch im eigenen Haus in New York weiterhin die Höhepunkte der eigenen Sammlung, sodass jetzt einige wichtige Bilder nach Berlin gereist sind. Natürlich sieht man eine Kathedrale von Monet, natürlich sieht man eins der berühmten Boulevard-Bilder von Pissarro, man sieht eine Vorstudie zu Seurats berühmter "Insel Grande Jatte", man sieht ein Tahiti-Bild von Gauguin, man zieht eine Zypresse von van Gogh, aber ansonsten ist wirklich auch sehr vieles da, was nun nicht unbedingt den Namen Meisterwerk verdient, von Matisse beispielsweise nur einige kleinformatige Stillleben. Andere Künstler wären zu nennen: Sisley oder Monet, die auch nicht mit ausschließlich erstklassigen Bildern vertreten sind.

Also man könnte, wenn man böse wäre, so ein bisschen auch von Mogelpackung sprechen. So eine Ausstellung hat durchaus ihre Berechtigung, nicht jeder kann mal eben nach New York jetten, um sich dort die Bilder dann vor Ort selbst anzugucken. Insofern ist es schon in Ordnung, wenn der Verein der Freunde der Nationalgalerie jetzt 150 Werke nach Berlin holt und damit sicherlich auch eine Menge Geld verdienen wird. Aber man soll doch dann bitte nicht so tun, als würde da die Kunstgeschichte komplett neu geschrieben.

Novy: Sie sagten gerade, ein Grund ist die Renovierung der Räume in New York, aber gibt es nicht auch noch einen anderen Grund? Wenn man die Zeitungen liest, hat man den Eindruck, dass es auch darum geht, hier eine Sammlertätigkeit und eine Sammlergeschichte, eine speziell amerikanische zu zeigen.

Koldehoff: Das liegt daran, dass sehr viele der Bilder, die jetzt in Berlin zu sehen sind, aus ein und derselben Privatsammlung stammen, aus der Sammlung Havemeyer nämlich, deren Besitzer Anfang des vergangenen Jahrhunderts rund 2.000 Werke ans Metropolitan Museum gestiftet haben. Aber auch da ist eigentlich aus der Not wieder eine Tugend geworden, es gibt durchaus vergleichbare andere bedeutende Sammlungen im Metropolitan Museum. Es wäre zum Beispiel zu nennen die Kollektion des Verlegers Walter Annenberg, die Bilder dürfen aber nicht reisen, und die haben zum Teil durchaus qualitätvollere Werke, aber die kann man eben aus diesem Grund in Berlin nicht zeigen. Nein, also weder was Rezeptionsgeschichte angeht, also die Frage, wie sind denn diese Bilder eigentlich aufgenommen worden in den USA, noch im Hinblick auf mögliche neue Erkenntnisse zum Impressionismus, die es einfach auch nicht gibt - der Impressionismus ist wirklich in den vergangenen Jahrzehnten in jede Richtung ausgewalzt und ausgeforscht worden.

Es ist ein sehr schöner Parcours durch die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts, beginnend mit André Delacroix und Géricault, also diesen statuarischen Portraits der neuen bourgeoisen Gesellschaft in Frankreich unter Napoleon. Dann entwickelt sich langsam unter Courbet der Realismus, die Pleinairmalerei, man verlässt die Ateliers, geht raus in die Natur, malt dort, löst sich irgendwann auch vom Diktat der Akademien, bildet die sezessionistischen Bewegungen - die Impressionisten waren ja ursprünglich eine Bewegung, die vor allen Dingen gegen die Akademie in Paris gerichtet war -, bis schließlich ganz freie Positionen à la Cézanne, Gauguin und van Gogh entwickelt werden.

Aber wie gesagt, das hat man alles schon wahnsinnig oft gesehen. Und wenn denn in den letzten Jahren neue Aspekte im Impressionismus entdeckt wurden - beispielsweise, dass es ja diese heilen Welten, die man immer mit dieser Kunstrichtung verbindet, schon damals gar nicht mehr gegeben hat, diese Bilder sind ja entstanden in einer Zeit, in der bereits die Industrialisierung begonnen hatte, und es gibt auch durchaus Impressionisten, die in ihren Werken darauf eingegangen sind, mit qualmenden Fabrikschloten. Das alles findet in Berlin nicht statt. Hier hat man einfach 150 gute, mittlere Bilder aufgehängt und zeigt einfach noch mal den Impressionismus, aber wie gesagt, das nicht zum ersten Mal.

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