Montag, 10.05.2021
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteInterview"Mitgefühl spielt in Europa keine Rolle"26.04.2015

Solidarität"Mitgefühl spielt in Europa keine Rolle"

Der Soziologe Tobias Scholz hat nicht den Eindruck, dass sich die Bürger der EU als Solidargemeinschaft empfinden. Das flegelhafte Auftreten griechischer Politiker etwa empöre mehr als das Leiden der Bevölkerung. "Da kam es gelegen, dass man sein Mitleid woanders loswerden konnte", sagte Scholz im DLF.

Tobias Scholz im Gespräch mit Petra Ensminger

Ein Obdachloser liegt auf seinem Schlafplatz auf dem Bürgersteig vor einer Filiale der Emporiki Bank in Athen (picture alliance / dpa / Michael Anhaeuser)
Obdachloser in Athen (picture alliance / dpa / Michael Anhaeuser)

Die Massenmedien sorgten heute dafür, dass uns das global stattfindende Elend ständig bewusst sei. Gleichzeitig seien wir aber nur bedingt aufnahmefähig für die vielen Krisen und Katastrophen in der Welt, sagte der Soziologe Tobias Scholz im Interview mit dem Deutschlandfunk: "Wir sind nicht in der Lage, an allen Leidensereignissen emotional teilzuhaben. Deshalb suchen wir uns die Ereignisse aus, wo wir mit unserem Mitleid anschließen."

Dann litten die Menschen mit und seien durch die schlimmen Bilder emotional aufgewühlt, allerdings auch von Handlungsoptionen abgeschnitten. Scholz spricht deshalb von einem "distanzierten Mitleid". Er bestätigte, dass es für viele Menschen geradezu eine Art Befreiungsschlag sei, wenn sie Flüchtlingen vor Ort in Deutschland helfen könnten. Das betreffe insbesondere solche Flüchtlinge, die vor dem Krieg beispielsweise im Irak oder in Syrien geflohen seien. "Da leiden wir bereitwilliger mit als dort, wo ein lebensökonomischer Grund die Menschen motiviert, ihr Land zu verlassen", so Scholz. Auch Opfer von Naturkatastrophen erregten schneller unser Mitleid als Menschen in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen.

Kritische Einstellungen Flüchtlingen gegenüber änderten sich aber, sobald das individuelle Schicksal von Menschen erzählt würde. Dann sei es einfacher möglich, "mit unseren Gefühlen einzusteigen". Das erklärt für Scholz auch die fehlende Solidarität mit Griechenland innerhalb der Europäischen Union: "Es kursieren nur wenige Geschichten von der Eurokrise, die den Menschen ermöglicht haben, wirklich zu verstehen, was die Sparmaßnahmen mit den Menschen in Griechenland gemacht haben."

 

Das vollständige Interview können Sie mindestens fünf Monate lang in unserem Audio-on-demand-Player nachhören.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk