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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Sollzustand" statt Realität23.11.2009

"Sollzustand" statt Realität

Hannah Arendt: "Macht und Gewalt". Piper

Die Philosophin Hannah Arendt hat das moderne politische Denken entscheidend geprägt. Vor allem durch ihre Beschreibung politischer Phänomene. Ihre Studie über "Macht und Gewalt" wurde oft als idealistisch kritisiert - kein Wunder, beschreibt sie doch einen "Sollzustand".

Von Rainer Kühn

 Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)
Hannah Arendt im Jahr 1969 (AP Archiv)

Es spricht gegen den gegenwärtigen Stand der politischen Wissenschaft, dass unsere Fachsprache nicht unterscheidet zwischen Schlüsselbegriffen wie Macht, Stärke, Kraft, Autorität und schließlich Gewalt. Der Unfähigkeit, Unterschiede zu hören, entspricht die Unfähigkeit, die Wirklichkeit zu sehen und zu erfassen, auf die die Worte ursprünglich hinweisen.

Hannah Arendts Klage über die achtlose Gleichsetzung dieser politischen Grundbegriffe ist keine akademische Besserwisserei. Sie will vielmehr der Meinung entgegentreten, präzise Unterscheidungen seien unnötig, da es im Bereich des Politischen doch einzig um die Frage gehe, wer über wen herrscht. Von einer solchen, allein auf den Herrschaftsbereich verkürzten Vorstellung setzt sich Hannah Arendt ab. Und gelangt letztlich durch ihr spezifisches Verständnis von Macht zu einer neuen Definition des Politischen.

Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur so lange existent, wie die Gruppe zusammenhält.

Wie kam Arendt zu dieser Auffassung? Schließlich war Macht bis dahin in den Sozial- und Geisteswissenschaften fast unisono als ein Verhältnis von Befehl und Gehorsam begriffen worden. Etwa so, wie in der berühmten Bestimmung von Max Weber, dergemäß Macht jede Chance bedeute, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchsetzen zu können.

Hannah Arendt, 1906 in Linden bei Hannover geboren und in Königsberg aufgewachsen, hatte sich schon als Teenager mit Philologie und Philosophie beschäftigt. Später studierte sie bei Karl Jaspers, Edmund Husserl und Martin Heidegger. Insbesondere Letzterer, mit dem sie auch eine innige persönliche Beziehung verband, brachte sie dazu, sich der griechischen Klassik zuzuwenden. Diese Grundlage prägte ihr Denken auch, als sie aufgrund rassischer Verfolgung 1933 nach Paris und 1941 nach New York emigrierte. Seit dieser Zeit befasste sie sich immer stärker mit Politik und politischer Theorie.

Das Denken der griechischen Klassiker kreiste um die Frage, was das Wesen des Menschen ausmache, und was für ihn die wichtigste Tätigkeit sei. Dabei unterschieden sie zwei Begriffe: Einerseits die Arbeit, andererseits das Handeln. Arbeit war demnach zweckgerichtet, diente also dem Herstellen eines Objekts. Handeln hingegen war Selbstzweck, weil darunter ein politisch-praktisches Tun verstanden wurde: nämlich das "Miteinander Reden und Handeln" freier Bürger, die sich auf dem Marktplatz ihres Stadtstaats, ihrer Polis, über die allgemeinen Angelegenheiten verständigten. Und insofern war in der philosophischen Rangfolge das öffentliche Handeln im Interesse des Gemeinwesens weitaus höher angesiedelt als das bloße Arbeiten oder Herstellen. Der Mensch wurde dadurch geradezu als politisch handelndes Wesen, als "zoon politicon", definiert. An diese aristotelische Handlungstheorie knüpfte Hannah Arendt an, als sie das Begriffsfeld von Macht und Gewalt untersuchte.

Macht gehört zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen. Gewalt jedoch nicht. Gewalt ist ihrer Natur nach instrumental; wie alle Mittel und Werkzeuge bedarf sie immer eines Zwecks, der sie dirigiert und ihren Gebrauch rechtfertigt. Der Zweck des Krieges ist der Friede; aber auf die Frage: "Und was ist der Zweck des Friedens?" gibt es keine Antwort. Friede ist etwas Absolutes. Ein solches Absolutes ist auch die Macht; sie ist ein Selbstzweck.

Hannah Arendts Verständnis von Politik und Macht wurde oft als idealistisch kritisiert und als für moderne Staaten völlig unbrauchbar abgetan. Sie allerdings beharrte darauf, dass erst die Rückbesinnung auf die Wurzeln des Politischen es ermögliche, bestimmte Phänomene oder geschichtliche Vorgänge richtig zu verstehen. Etwa den gewaltlosen Widerstand Ghandis in Indien. Oder die Townhall-Meetings während der amerikanischen Revolution, wo die Siedler über die politische Gestaltung ihrer `Neuen Welt´ diskutierten.

Gerade in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Arendts Ansichten wieder ausführlich diskutiert, wonach Macht keine Frage von Anweisung und Unterordnung, sondern vielmehr im Sinne von Solidarität zu verstehen sei: Nicht zufällig nannte sich die polnische Freiheitsbewegung "Solidarnosc". Und was anderes als ein "Miteinander Reden und Handeln" waren die "Runden Tische" in der DDR?

Selbstverständlich ist Hannah Arendts Theorie normativ, beschreibt also eher einen "Sollzustand" als die Realität. Dennoch – oder gerade deshalb: Dass die Menschen heute dem politischen Bereich massenhaft den Rücken zuwenden, wäre ihr ein Gräuel. Und dies nicht, weil für sie politisches Handeln eine Pflicht wäre, sondern weil für sie Handeln Spaß macht. Das heißt, dass sich dem Menschen, wenn er öffentlich handelt, eine bestimmte Dimension menschlicher Existenz erschließt, die ihm sonst verschlossen bleibt und die irgendwie zum vollgültigen "Glück" gehört.

Das Buch "Macht und Gewalt" von Hannah Arendt ist 1970 im Piper Verlag erscheinen und noch immer erhältlich, 144 Seiten kosten 9 Euro 95 (ISBN: 978-3-492-200011).

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