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StartseiteEine WeltSomalia: Nach dem Anschlag von Nairobi28.09.2013

Somalia: Nach dem Anschlag von Nairobi

Der Shabaab-Terror, die Drahtzieher und ihre Motive

Der Anschlag auf die Westgate-Mall in Nairobi kostete mindestens 67 Menschen das Leben. Bekannt hat sich die somalische Terrorgruppe Al-Shabaab. Der geht es aber nicht nur um den Heiligen Krieg, sondern auch um Macht und die eigene finanzielle Grundlage - gerade das macht sie gefährlich.

Von Marc Engelhardt

Ein Soldat vor der Westgate-Mall. (picture alliance / dpa / MAXPPP)
Ein Soldat vor der Westgate-Mall. (picture alliance / dpa / MAXPPP)
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Kenia erklärt Geiseldrama für beendet

Die Schüsse fallen zur Mittagszeit. Amateuraufnahmen zeigen, wie Panik ausbricht. Wie jeden Samstag ist die Westgate-Mall voll mit Menschen. Die Terroristen wissen das, der Anschlag ist gut vorbereitet. Nur wenige Minuten nach ihrer Ankunft vor Nairobis schickstem Einkaufszentrum haben sie sich in drei Gruppen aufgeteilt und schießen auf Männer, Frauen, Kinder.

"Dieser Anschlag ist die Rache für das, was Eure ungläubige Regierung unschuldigen Muslimen in unserem Land angetan hat."

Rechtfertigt Achmed Abdi Godane das blutige Attentat in einer Audio-Botschaft.

"Viel Blut wird fließen, eure Wirtschaft wird zusammenbrechen - Kenia wird einer der gefährlichsten Orte der Welt sein."

Godane ist der Chef der islamistischen Shabaab-Miliz aus Kenias Nachbarland Somalia. Bekannter ist er unter seinem Kampfnamen Abu Zubeir. Gut 5000 selbst ernannte Gotteskrieger soll die Shabaab derzeit unter Waffen halten. Lange kontrollierten sie ganz Somalia, doch nach dem Einmarsch afrikanischer Truppen - unter ihnen Kenianer - haben die Islamisten sich in den Busch zurückgezogen.

Zuletzt galt die Shabaab als militärisch aufgerieben und innerlich zerrissen. Manche hatten sie schon abgeschrieben. Doch jetzt ist sie wieder da, stärker als je zuvor - und Abu Zubeir stellt Forderungen.

"Entscheidet euch heute und zieht Eure Truppen aus Somalia zurück. Ihr wundert euch, dass euer Land in Flammen aufgeht? Lasst euch gesagt sein, wir haben das bereits erlebt. Stoppt eure Aggression gegen unser Land. Eure Truppen haben illegal die Kontrolle über unsere Städte, den Hafen und Flughafen von Kismaayo und die Gewässer vor unserer Küste übernommen. Beendet diese Belagerung, sofort."

Die Forderung des Shabaab-Chefs ist mehr als Kriegsrhetorik. Denn die Befreiung der Häfen, allen voran dem der zweitgrößten somalischen Stadt Kismaayo, hat die Shabaab an einer empfindlichen Stelle getroffen: ihrem Geldbeutel. Alleine mit dem Schmuggel von Holzkohle soll sie jährlich bis zu vierzig Millionen Euro verdient haben. Die Shabaab soll zudem in den Handel mit Heroin, in Waffenschiebereien und Menschenschmuggel entweder verwickelt sein oder zumindest davon profitieren.

Die Shabaab steht unter Druck: Wenn die Einnahmen länger ausbleiben, wird sie das die Unterstützung bei den Somalis kosten, die die Islamisten nur aus Opportunismus unterstützen. Abu Zubeir hat deshalb die Flucht nach vorne angetreten. Wenn die Kenianer aus Angst vor neuen Anschlägen abziehen, dann könnte die Shabaab Kismaayo wiedererobern, so sein Kalkül. Und dann ist da noch das Terrornetzwerk Al Kaida.

"Heute habe ich gute Nachrichten zu verkünden."

Eröffnete der Nachfolger Osama Bin Ladens, Ayman Al-Zawahiri, seine Videobotschaft Anfang vergangenen Jahres. Die Shabaab werde den Heiligen Krieg der Kaida unterstützen und damit offiziell Teil des Terrornetzwerks werden, so der Kaida-Chef.

Es ist das erste Mal, dass die Kaida sich zur Shabaab bekennt. Lange ist man in der Führung des Terrornetzwerks misstrauisch gewesen, was die Ziele der Shabaab angeht. Nicht wenige werfen ihr vor, den Heiligen Krieg nur als Mittel zum Machterhalt zu missbrauchen. Im internen Machtkampf bei der Shabaab nutzen die Gegner von Abu Zubeir diese Vorurteile aus: Einer, Ibrahim Al-Afghani, stellt in einem Brief offen die Treue des Shabaab-Chefs zur Al Kaida infrage. Abu Zubeir lässt ihn hinrichten, andere seiner internen Kritiker fliehen. Erst mit dem Anschlag in Nairobi aber legt Abu Zubeir einen ultimativen Treuebeweis vor.

Vieles spricht dafür, dass die Kaida das Attentat unterstützt hat, sagt der UN-Sonderbeauftragte für Somalia, Nicholas Kay. Und er hält auch für möglich, dass tatsächlich US-Amerikaner und eine Britin an dem Attentat beteiligt waren.

"”Das würde mich nicht wirklich überraschen. Wir wissen seit Langem, dass die Shabaab ausländische Kämpfer in ihren Reihen hat, als Teil des globalen Dschihad. Deshalb würde es mich nicht wundern, wenn die Terroristen aus vielen verschiedenen Ländern kämen.""

Auf einige Hundert schätzt Kay die Zahl der ausländischen Dschihadisten bei der Shabaab. Manche sind Veteranen im globalen Dschihad, manche von der Kaida entsandte Ausbilder. Viele sind Jugendliche, mit oder ohne somalischem Hintergrund, die sich vom Dschihad in Somalia angezogen fühlen. Sie sehen Propaganda-Videos auf YouTube, folgen Hasspredigern bei Facebook und lesen auf Twitter Kurznachrichten von anderen Europäern und Amerikanern, die in der Shabaab eine neue Heimat gefunden haben. Einer der prominentesten war der weiße US-Amerikaner Abu Mansur al-Amriki, ein Mittelstandskind, das mit Rap-Musik für den Dschihad warb.

"Gönnt den Unterdrückern keine Pause, kommt und kämpft den Dschihad mit mir, von Somalia bis Afghanistan."

Sein eigener Dschihad endete tödlich: Al-Amriki wurde von Shabaab-Kämpfern getötet, nachdem er die Miliz kritisierte hatte. Trotzdem lassen sich so viele Jugendliche von solchen Texten ansprechen, dass die US-Bundespolizei inzwischen eine Sondereinheit gebildet hat. Und auch aus Deutschland fliegen Konvertiten zum Heiligen Krieg ans Horn von Afrika. Mit jedem einzelnen wächst die Angst, die Shabaab könne ihren Terrorkampf weiter internationalisieren. Eine Angst, die UN-Diplomat Kay ernst nimmt.

"Der Sieg gegen die Shabaab in Somalia ist entscheidend. Wir haben jetzt in Nairobi gesehen, dass die Shabaab eine internationale Gefahr darstellt. Und ich fürchte, dass wir ähnliche Anschläge auch woanders erleben könnten - für die Ideologie und den Terror der Shabaab spielen Grenzen keine Rolle."

Die Shabaab steht mit dem Rücken zur Wand - das macht sie so gefährlich. Um ihre Macht zu erhalten, scheint sie zu allem bereit.

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