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StartseiteEine WeltRettungssanitäter leben gefährlich14.07.2018

SomaliaRettungssanitäter leben gefährlich

Verletzte in Krankenhäusern zu versorgen, ist in Somalia keine Selbstverständlichkeit. Es gibt kaum Rettungswagen, stattdessen werden Schwerverletzte häufig mit Schubkarren transportiert. Abdulkadir Abdirahman Adan hat in der Hauptstadt Mogadischu einen privaten Rettungsdienst gegründet.

Von Bettina Rühl

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Mogadischu am 30. August 2016: Helfer und ein Verletzter nach der Explosion einer Autobombe an einem Rettungswagen von Abdulkadir Abdirahman Adans privater Aamin Ambulance (picture alliance / dpa / EPA / Said Yusuf Warsame)
Mogadischu am 30. August 2016: Helfer und ein Verletzter nach der Explosion einer Autobombe an einem Rettungswagen der privaten Aamin Ambulance (picture alliance / dpa / EPA / Said Yusuf Warsame)
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Der Fahrer des Rettungswagens bahnt sich seinen Weg durch den chaotischen Verkehr von Mogadischu. Handkarren und Eselgespanne versperren ihm die Straße, trotz des Martinshorns weichen sie nur zögerlich aus. Pickups mit getönten Scheiben und Ladeflächen voll schwer bewaffneter Männer drängen sich vor ihn, zwingen ihn zum Abbremsen. Wer in Mogadischu eine Waffe hat, hat die Macht, die Nothelfer haben das Nachsehen. Dabei zählt wieder einmal jede Minute.

"Der Mutter geht es nicht gut, aber vor allem das Neugeborene ist in Gefahr."

Vor rund 15 Minuten wurde der Rettungssanitäter zu dem neugeborenen Baby gerufen.

"Nach der Geburt hat es erst gar nicht geatmet, nach einer Weile fing es wenigstens an, die Augen zu öffnen."

Auch Rettungswagen werden kontrolliert

Jetzt versuchen die Rettungssanitäter, mit dem neugeborenen Mädchen ins Krankenhaus zu rasen. Aber mit dem Rasen ist das so eine Sache, immer wieder wird der Rettungswagen an Straßensperren aufgehalten, Soldaten kontrollieren die Fahrzeuge. Das soll Sicherheit bringen, Terroranschläge mit Sprengstoff beladenen Autos oder Lkw sind in Mogadischu häufig. Aber für das Baby, das noch immer nicht genug Sauerstoff kriegt, zählt jede Sekunde.

Währenddessen gehen in der Zentrale des Rettungsdienstes weitere Notrufe ein. Zahnarzt Abdulkadir Abdirahman Adan hat zwar gerade eine Patientin auf dem Behandlungsstuhl und den Bohrer in der Hand, hört den Funkverkehr aber trotzdem mit.

"Ich habe den Rettungsdienst 'Aamin Ambulance' gegründet. Das war 2006, damals gab es für Schwerverletzte und Kranke nur eine Transportmöglichkeit, und zwar mit Schubkarren."

Menschen sterben vor der Haustür

Abdulkadir war damals gerade erst aus Pakistan zurückgekehrt, dort hatte er Zahnmedizin studiert. In seiner Heimat Somalia war das damals unmöglich, das Land wurde von einem brutalen Bürgerkrieg zerrissen, hatte seit Jahren keine Regierung. Trotz des Krieges kam Abdulkadir sofort nach seinem Studium zurück.

"Ich hatte nie auch nur daran gedacht, für immer woanders hinzugehen. Ich mag meine Heimat, mein Volk. Ich kam also zurück und machte eine Zahnarztpraxis auf. Sie lag in der Nähe unseres größten Marktes, des Bakara-Marktes. Das Stadtviertel war umkämpft, ständig starben Menschen oder wurden schwer verletzt. Und es gab keine Rettungswagen."

Fast täglich sah er Menschen buchstäblich vor seiner Tür verbluten. Schon nach kurzer Zeit hielt er das nicht mehr aus und beschloss, einen Rettungsdienst aufzubauen. Der junge Zahnarzt investierte sein gesamtes Erspartes, damals rund 4.000 Dollar. Er kaufte im Ausland einen Kleinbus, den er zu einem einfachen Rettungswagen umbauen ließ. Dann fing er an, bei Geschäftsleuten und anderen Menschen mit etwas Geld für sein Projekt zu werben.

16 Rettungswagen für 2,5 Millionen Menschen

Heute hat er 16 Rettungsfahrzeuge, viel zu wenig für die rund zweieinhalb Millionen Bewohner der Hauptstadt. Aber viel besser als im Rest des Landes, wo die Menschen für ihre Krankentransporte noch immer auf Schubkarren angewiesen sind. Von den laufenden Kosten für die "Aamin Ambulance" bezahle er rund die Hälfte aus der eigenen Tasche, sagt Abdulkadir – 6.000 Dollar im Monat. Natürlich könnte er mit seinem Geld auch etwas anderes machen, meint der Zahnarzt. Aber da die somalische Regierung untätig sei, müsse halt irgendwer einspringen.

"Hier kommt es nicht selten vor, dass an einem Tag mehr als 100 Menschen durch ein Attentat sterben. Erinnern Sie noch an den 14. Oktober letzten Jahres? Da sind mehr als 500 Menschen gestorben. Die Toten können wir nicht ersetzen. Deshalb müssen wir versuchen, so viele Überlebende wie irgend möglich zu retten."

Der Anschlag im vergangenen Herbst war der bislang schwerste in der somalischen Geschichte.

"Die Erinnerung daran ist schwer zu ertragen. Vor Ort haben uns so viele Opfer um Hilfe angefleht, und wir konnten nichts für sie tun. Wir hatten zuerst nur einen Rettungswagen. Wir sahen viele Menschen, die noch in ihren brennenden Autos eingeschlossen waren, und wir konnten ihnen nicht helfen. Andere Opfer sahen wir unter den Trümmern der Gebäude, die eingestürzt waren, auch für sie konnten wir nichts tun."

36 Stunden lang brachten Abdulkadir und seine Helfer unablässig Opfer in eines der wenigen Krankenhäuser. Auch Bashir Farah Mohamed packte mit an.

"Ich hatte noch nie in meinem Leben eine so gewaltige Explosion und so viele Verletzte gesehen. Mich hat der Anblick schockiert und traurig gemacht, ich konnte meine Gefühle kaum kontrollieren. Und ich war unglaublich nervös. Ich rechnete jeden Moment mit einer zweiten Explosion."

Für Islamisten sind auch Helfer ein Ziel

Das ist eine bekannte Taktik der islamistischen Shabaab-Miliz, die in Somalia gegen die Regierung kämpft und Terror verbreitet: Die radikalen Islamisten zünden einen zweiten Sprengsatz, sobald die ersten Helfer vor Ort sind. Das makabre Kalkül: die Zahl der Opfer steigt enorm, wenn auch die Retter getötet werden. Trotz seiner Angst versorgte Bashir so viele Verletzte wie er konnte. Wenig später folgte tatsächlich eine weitere Explosion, allerdings rund einen Kilometer entfernt. Bashir rannte zu dem neuen Anschlagsort, getrieben vom Wunsch zu helfen und voller Angst um sein eigenes Leben – Alltag für Helfer in Somalia.

Das neugeborene Mädchen liegt inzwischen auf der Intensivstation im Kinderkrankenhaus. Weil der Sauerstoffgehalt in seinem Blut zu niedrig ist, bekommt es über die Nase zusätzlichen Sauerstoff. Ob das Gehirn geschädigt wurde, könne man jetzt noch nicht sagen, meint der Kinderarzt Abdullahi Hashim.

"Aber derzeit glaube ich das nicht. Es wirkt jetzt unauffällig und ruhig."

Ohne einen Rettungswagen hätte das anders ausgesehen.

Erfolgreiche Einsätze wie dieser geben den Helfern neue Kraft. Kraft, die sie beim nächsten furchtbaren Terroranschlag wieder brauchen werden.

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