Donnerstag, 16.08.2018
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres
StartseiteMusikjournalBeethoven pur06.08.2018

Sommerliche Musiktage Hitzacker Beethoven pur

Mit dem Abschluss des Zyklus’ der Beethoven-Streichquartette sind die Sommerlichen Musiktage Hitzacker zu Ende gegangen; eine ergreifende Aufführung des Kuss Quartetts, findet unsere Kritikerin. Ein weiterer Höhepunkt: Beethovens Cellosonaten interpretiert von Alexander Lonquich und Nicolas Altstaedt.

Von Raliza Nikolov

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Das Kuss Quartett (Rüdiger Schestag)
Das Kuss Quartett spielte in Hitzacker seinen ersten Beethoven-Zyklus (Rüdiger Schestag)
Mehr zum Thema

Streichquartettfest Heidelberg 2017 Fünf auf einen Streich

Ultraschall Berlin 2017 Von der Unterseite des Gesangs

Sommerliche Musiktage Hitzacker 2016 Von Haydn bis Django Reinhardt

Hitzacker hat seinem Namen schon häufig alle Ehre gemacht - Ende Juli, Anfang August, wenn Kammermusik-Fans an die Elbe pilgern, in den beschaulichen Ort nicht weit von Lüneburg entfernt. Doch dass es diesmal so heiß blieb, mit tropischen Nächten, das war außergewöhnlich. Pianist und Dirigent Alexander Lonquich trat nur zu Beginn seines ersten Beethoven-Programms mit dem Münchner Kammerorchester im Jackett auf - in der zweiten Konzerthälfte beließ er es beim schlichten schwarzen T-Shirt. Durch die Reihen ging ein Raunen, das sich aber rasch in "euphorische Aufmerksamkeit" verwandelte, so drückte es Geiger Oliver Wille aus. 

Beethoven liegt Alexander Lonquich am Herzen, seit er sieben oder acht Jahre alt ist:  "Ich glaube, im Gegensatz zu anderen Komponisten liebe ich Beethoven immer mehr. Man lernt ihn immer besser kennen und da man ihn besser kennenlernt, wird er immer geheimnisvoller in gewisser Weise. Ud deswegen glaube ich, wenn man sich jetzt mit den späten Streichquartetten beschäftigt, dann hat man so viel mehr Erkenntnisse, und das hört nie auf. Und ich glaube Beethoven ist einer der wenigen Komponisten, wo man noch immer ständig Überraschungen hat in dem Sinne."

Alexander Lonquich: sprühendes Spiel

Überraschend und vor allem sehr lehrreich war für Alexander Lonquich auch die Erfahrung, Beethoven auf historischen Instrumenten zu spielen - mit Philippe Herreweghe. Diese Erfahrung mit den Instrumenten aus Beethovens Zeit hat ihm die Augen geöffnet für die Interpretations-Möglichkeiten auf dem modernen Flügel.

Und er betont, dass man trotz aller Transparenz und klanglichen Balance eines nicht vernachlässigen darf: "Ich glaube, dass die Aufführungspraxis bei Beethoven auch sein Pathos wiederentdecken müsste. Das ist mir persönlich ein bisschen zu kurz gekommen in manchen fantastischen Beethoven-Aufnahmen aus den letzten Jahren. Aber ich finde, dieses Pathos, das spricht aus seinen Worten, und das darf aus seiner Musik nicht verschwinden, finde ich."

Lonquich hat in Hitzacker auf beeindruckende Weise gezeigt, was er damit meint, in seinem glühenden Dirigat der Coriolan-Ouvertüre, mit seinem sprühenden, beredten Spiel. Dem Orchester war es vielleicht etwas zu heiß und zu eng auf der Bühne, es konnte ihm nicht immer ganz folgen auf seinem Höhenflug. Insgesamt erlebte das Publikum aber einen sehr guten Abend.

Annäherung an den Kosmos Beethoven

Im Jahr 2018, zwei Jahre vor dem großen Beethoven-Jubiläum einen Beethoven-Schwerpunkt mit Ausrufezeichen zu setzen, das kann man mutig nennen. Aus der Perspektive von Musikern wie Oliver Wille oder Alexander Lonquich stellt sich die Frage jedoch nicht, ob man sich auch jenseits von Jubiläen und Gedenktagen intensiv mit den bedeutendsten Komponisten auseinandersetzen sollte.

"Ich kann mir sogar vorstellen, dass 2020 ein bisschen ein schweres Jahr sein wird. Ich hoffe, man überhört sich nicht. Das ist immer die Gefahr, egal, ob es Mozart oder Brahms oder Beethoven ist. Ich finde aber, diese großen Musiker, die müssen immer präsent sein natürlich."

In Hitzacker "überhörte" man sich nicht. Das Konzept, sich dem Kosmos Beethoven zu nähern und von vielen Seiten aus zu betrachten, ging auf. So gab etwa Valentin Erben vom Alban Berg Quartett gemeinsam mit dem Kuss Quartett eine Einführung zu Beethovens Streichquartett op. 131. Einem Werk, von dem Erben sagt, es sei "vielleicht jenes der 'Späten Quartette' Beethovens, in dem ihm die Ausgewogenheit zwischen formaler Struktur und emotionalem Gehalt am überzeugendsten gelungen" sei.

"Wenn man das ein bisschen näher anschaut, besteht dieser Kern wieder aus zwei Teilen: Auftakt, dann Spannung, Steigerung. Immer wenn ein Musikstück mit Auftakt beginnt, haben wir das Gefühl, dass wir aufsteigen. Es fängt an, bevor es anfängt, und es endet überhaupt nicht. Und das spielt Ihr jetzt einfach."

Erster Beethoven-Zyklus des Kuss Quartetts

Das Kuss Quartett spielte daraufhin überaus inspiriert das gesamte op. 131 - eine ergreifende Aufführung. Mit klanglich sehr gut ausbalancierten Stimmen und von interpretatorischer Tiefe geprägt. Im Abschlusskonzert folgten die Quartette op. 132 und op. 130 mit der Großen Fuge, womit das Kuss Quartett seinen ersten Beethoven-Zyklus beendete.

Hinsichtlich Farbenreichtum und klanglichen Schattierungen gehörte vor allem der Abend mit Beethovens Cellosonaten zu den Höhepunkten des Festivals. Alexander Lonquich und Nicolas Altstaedt, zwei Künstler, die sich in Tönen miteinander unterhalten und sich einig sind darüber, dass Beethoven umso geheimnisvoller wird, je länger man sich mit ihm beschäftigt.

"Die Werke sind so groß und haben so eine Dimension, man kann das nicht auf einen Standpunkt erfassen. Man ändert im Laufe seines Lebens auch seine Perspektive und man hört einfach andere Dinge. Die Werke sind so reich, viele Dinge, Harmonien fallen einem erst später auf. Dadurch bleibt die Suche nach der Wahrheit immer geheimnisvoll."

Auf einem der Fachwerkhäuser in der Altstadt von Hitzacker steht der Spruch: "Nutze klug die Zeit, denn kurz ist es bis zur Ewigkeit." - Wer sich in dieser Woche auf die Konzerte mit Beethovens Streichquartetten, Cellosonaten und Klavierkonzerten einließ, der hatte viel Gelegenheit seine Zeit klug zu nutzen. Und bei aller Annäherung bleibt das Geheimnis Beethoven bestehen, Mahlers berühmter Satz klang immer wieder an: "Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk