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StartseiteKultur heuteSommerromanze älterer Großstädter22.11.2012

Sommerromanze älterer Großstädter

Susanne Bier liefert mit "Love is all you need" augenzwinkerndes Illusionskino

Im Flughafenparkhaus rammt Ida, eine Friseuse, die gerade eine Chemotherapie hinter sich hat, den Wagen des eleganten Unternehmers Phillip. "Love is all you need", der neue Film der dänischen Regisseurin Susanne Bier mit Trine Dyrholm und Pierce Brosnan in den Hauptrollen, ist eine romantische Komödie, die doch eine gewisse Tiefe besitzt.

Von Josef Schnelle

Pierce Brosnan und Trine Dyrholm brillieren in "Love is all you need" als ungleiches Paar, das Zeit braucht, um im jeweils anderen eine Seelenverwandtschaft zu entdecken.  (dpa/picture alliance/Daniel Dal Zennaro)
Pierce Brosnan und Trine Dyrholm brillieren in "Love is all you need" als ungleiches Paar, das Zeit braucht, um im jeweils anderen eine Seelenverwandtschaft zu entdecken. (dpa/picture alliance/Daniel Dal Zennaro)
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Aufruhr und Unsicherheit
"In einer besseren Welt"

"Verdammt! Haben Sie keine Augen im Kopf? Da! Sehen Sie was sie mit meinem Wagen gemacht haben. Was haben Sie sich gedacht? Halloooh! Sind Sie verletzt? Sind Sie verletzt? Dann steigen Sie gefälligst aus und sehen sich meinen Wagen an. Stopp! Stopp! Steigen Sie aus bevor Sie noch jemanden totfahren. OK? Steigen Sie einfach aus."

Ein Unfall und wie sich herausstellt, ein "Liebesunfall". Im Flughafenparkhaus rammt Ida den Wagen des eleganten Unternehmers Phillip. Beide sind auf dem Weg nach Italien. Dort - im romantischen Ambiente - soll die Hochzeit von Idas Tochter mit dem Sohn von Phillip stattfinden. Aber das wissen sie noch nicht. Ida ist "durch den Wind".

Eben erst hat sie eine Chemotherapie hinter sich gebracht. Sie trägt eine leicht verrutschende blonde Perücke, weswegen der Film im Original "De skaldede frisoer" heißt – zu deutsche etwa "Die kahle Friseuse". Mit der Beatles-Songzeile "Love is All You Need" wollte der deutsche Verleih wohl dem Missverständnis aus dem Weg gehen, dies sei ein Problemfilm.

Tatsächlich ist der Film eine Sommerromanze älterer Großstädter, dessen Zielpublikum eher schon dem zweiten oder dritten Frühling entgegenstrebt. Entstellt durch die Chemotherapie, hat Ida auch eben erst entdecken müssen, dass ihr Mann es mit der Buchhalterin treibt und sie auch noch als seine Begleiterin zur Hochzeit mitbringen wird. An derartig burlesken Elementen ist die Geschichte eines Familientreffens im Zitronenhain durchaus reich. Aber eine gewisse Tiefe mit Lebensphilosophischen Merksätzen am Ende hat der Stoff auch. Ida und Phillip müssen sich erst frei machen von ihren Problemen, um im jeweils anderen eine Seelenverwandtschaft zu entdecken.

"Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt noch kann, aber erweist Du mir die Ehre und tanzt den nächsten Tanz mit mir?" – "Aber natürlich."

Eine romantische Zutatenkomödie also, in der die Guten sich kriegen und die Eitlen und Selbstgerechten in der Nebenhandlung versauern, so wie man sie sonst nur aus Hollywood kennt? Pierce Brosnan war mal der eleganteste aller Bond-Darsteller. Jetzt haben ihn alle vergessen. Alle? Die dänische Regisseurin und Oscarpreisträgerin Susanne Bier offenbar nicht.

In der Rolle des innerlich versteinerten Phillip liefert der irische Schauspieler ein Comeback vom Feinsten. Bei dem er so unnachahmlich - blaue Hemden – stets passend zu seiner Augenfarbe - tragen kann, die dem azurblauen Tyrrhenischen Meer mehr als einmal den Rang streitig machen. Aber auch die Dänin Trine Dyrholm trägt nicht unerheblich zum Erfolg des Unternehmens bei. Als schusselige kahle Friseuse Ida ist sie bei jeder dreisten Charmeoffensive des eleganten Verführers so herrlich naiv-verblüfft. In diesem Genre ist die Auswahl der Schauspieler besonders wichtig. Sie müssen sofort überzeugen und ihre Chemie miteinander muss stimmen.
Nun mag man der Mitbegründerin der formstrengen Dogma-Bewegung übel nehmen, dass sie sich nach dem Auslandsoscar 2002 für ihr Drama um Gewalt und Rache "In einer besseren Welt" mit diesem – ihrem neunten Film - dem augenzwinkernden Illusionskino verschrieben hat. Immerhin hält sie der schweren Kost ihres oft provozierenden dänischen Kollegen Lars von Trier eine locker-liebenswerte Variante des skandinavischen Kinos entgegen. Solche Märchen für Erwachsene darf und muss es im Kino aber auch geben, sonst würde uns ja die Schwere des Seins glatt erdrücken. Unter der Sonne Italiens verflüchtigen sich die Probleme sowieso schnell. Der Süden heilt noch stets jede Melancholie der Nordländer. Schon das allein dürfte einen europäischen Finanzausgleich locker begründen. Wer will schon Schwerindustrie in Ferienparadiesen?

"Love is all you need" ist auf den ersten Blick ein Leichtgewicht. Vielleicht ist es aber doch ein Film über das Lebensgefühl der aktuellen Krise. In einer Umkehrung der Rollen. Wer ist reich, wer ist arm? Darüber kann das Bankkonto keine endgültige Auskunft geben. Schon der erste Morgen im Haus an der Amalfi Küste macht das klar. Die Rollläden fliegen auf - fast zeitgleich - und die Liebenden betreten jeweils ihren Balkon. Noch sind sie getrennt durch drei Zimmer zwischen ihnen. Sie atmen die Luft des Südens – den Duft von Zitronen und Kräutern - tief ein und genießen den Blick aufs offene Meer, um dann wieder erschrocken einen Schritt zurückzutreten. Hand aufs Herz: wollten Sie einen solchen Film nicht schon lange mal wieder sehen? Nur im Reich der Kinoträume können Liebesgeschichten einen derart unverschämten Sog entfalten.

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