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StartseiteKommentare und Themen der WocheReisewarnungen mit dem Holzhammer10.06.2020

SommerurlaubReisewarnungen mit dem Holzhammer

Die Pauschalverlängerung der Reisewarnung für das außereuropäische Ausland erwecke den Verdacht, dass hier jemand Zeit gewinnen möchte, kommentiert Johannes Kuhn. Planungssicherheit für die Tourismusbranche bringe das wohl eher nicht. Eine differenziertere Fernreisen-Einschätzung hätte hier geholfen.

Von Johannes Kuhn

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Der Flugverkehr ist durch die Coronakrise fast völlig zum Erliegen gekommen: bis auf eine einsame Reisende mit zwei großen Koffern menschenleeres Terminal 1 in der Abflughalle B im Flughafen Frankfurt, Hessen, Deutschland *** Air traffic has almost come to a complete standstill due to the corona crisis except for one lonely traveller with two large suitcases deserted Terminal 1 in departure hall B at Frankfurt Airport, Hesse, Germany  (Imago)
Wer außerhalb Europas verreisen möchte, für den gilt: Urlaub auf eigene Verantwortung, Reisen auf eigene Gefahr (Imago)
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Von Togo bis zur Türkei, von den USA bis Usbekistan: Die Bundesregierung hat ihre Reisewarnung für 160 Länder bis Ende August pauschal verlängert. Das wirkt, als wäre im Instrumentenkasten einzig der Holzhammer vorrätig gewesen.

Zumal, wenn man sich die 31 europäischen Länder ansieht, für die ab kommenden Montag keine Reisewarnungen mehr gelten.

Sicher Reisen nach Schweden und Großbritannien?

Nehmen wir Schweden, aktuell besonders vom Coronavirus geplagt. Wer ab kommender Woche von dort nach Deutschland einreist, müsste in den meisten Bundesländern eigentlich in Quarantäne. Denn das Land überschreitet die Grenze von durchschnittlich 50 Neu-Infektionen pro 100.000 Einwohner. Aber Reisen von Bundesbürgern an den skandinavischen Corona-Brennpunkt? Reisehinweise ja, eine Warnung nein.

Oder Großbritannien: Auch für dieses Land läuft die Reisewarnung aus. Dabei starben dort zuletzt im Wochenschnitt mehr Menschen an und mit COVID-19 als in allen EU-Ländern zusammen. Und wer im Urlaub oder geschäftlich die Insel erreicht, muss ohnehin in 14-tägige Quarantäne.

Mallorca während des Lockdowns am 8. Mai 2020 (imago / Thomas Reiner) (imago / Thomas Reiner)Coronakrise - Sehnsucht Tourismus
Kaum eine Branche wurde von der Coronakrise so hart getroffen wie der Tourismus: Wer weiterhin mit Touristen Geld verdienen will, muss sich etwas einfallen lassen. Andere sind froh, dass die Urlauber derzeit wegbleiben.

Zeit gewinnen mit Pauschal-Verlängerung

Natürlich sind solche Beispiele im Corona-Flickenteppich leicht gefunden. Und die Politik kann es in der Coronakrise ohnehin kaum jemandem recht machen. Wenn die Bundesländer bei Schulen, Grenzen und Schutzmaßnahmen ihr eigenes Ding machen, kommt der Ruf nach Einheitlichkeit. Werden pauschal Reisewarnungen verlängert, folgt der Hinweis auf regionale Unterschiede.

Und doch erweckt die Pauschal-Verlängerung den Eindruck, dass man einfach Zeit gewinnen möchte. Außenminister Heiko Maas betont ja selbst, noch vor September die Reisewarnungen für einzelne Länder an veränderte Bedingungen anpassen zu wollen. War die flächendeckende Reisewarnung bis zum Ende des Sommers dann überhaupt nötig?

Weiter keine Planungssicherheit für die Tourismusbranche

Die Welt hat in der Coronakrise größere Probleme, denn eine Reisewarnung ist kein Reiseverbot. Doch das Argument, die Tourismusbranche hätte nun Planungssicherheit, ist etwas wohlfeil: Denn niemand bucht jetzt für September seinen Thailand-Urlaub, weil die Reisewarnung nur bis zum 31. August läuft. Niemand weiß, wie die Situation vor Ort dann ist.

Klar ist, dass Reisen, gerade auf andere Kontinente für längere Zeit mit einem Risiko behaftet bleiben werden. Und Charterflüge nach Hause, wie sie das Auswärtige Amt zu Beginn der Coronakrise organisierte, wird es bei einer zweiten Welle nicht mehr geben. Urlaub in der Sonne, Reisen abseits der ausgetretenen Pfade, das heißt bis auf weiteres: Urlaub auf eigene Verantwortung, Reisen auf eigene Gefahr.

Die Bürgerinnen und Bürger sind klug genug, das zu wissen. Sie recherchieren über die örtliche Infektionslage und das Gesundheitssystem, sie fragen ihren Arzt und überlegen ohnehin, ob ein Großurlaub finanziell überhaupt drin ist. Bei dieser Abwägung hätte ihnen eine differenziertere Fernreisen-Einschätzung der Bundesregierung allerdings durchaus geholfen.

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