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StartseiteCampus & Karriere"Manchmal wird Förderschule zur Einbahnstraße"18.07.2018

Sonderpädagogische Diagnostik"Manchmal wird Förderschule zur Einbahnstraße"

Der Schüler Nenad M. ging jahrelang gegen seinen Willen auf eine Förderschule. In diesem Fall hätten weiterführende Diagnosen gestellt werden müssen, sagte René Schroeder vom Verband Sonderpädagogik im Dlf. Außerdem spricht er sich für mehr Durchlässigkeit im System aus.

René Schroeder im Gespräch mit Benedikt Schulz

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WDR Fernsehen MENSCHEN HAUTNAH: FÜR DUMM ERKLÄRT, "Nenads zweite Chance", Ein Film von Cornelia Uebel und Gülseli Baur, am Donnerstag (20.10.16) um 22:40 Uhr. Elf Jahre lang galt Nenad M. zu Unrecht als geistig behindert. Jetzt will er um sein Recht kämpfen. © WDR, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter WDR-Sendung bei Nennung "Bild: WDR" (S2). WDR Presse und Information/Bildkommunikation, Köln, Tel: 0221/220 -7132 oder -7133, Fax: -777132, bildkommunikation@wdr.de (WDR Presse und Information/Bildk)
Ein einzelner Intelligenztest habe dazu geführt, Nenad als geistig förderbedürftig einzustufen - doch ein einziges Kriterium reiche für die Diagnose nicht aus, sagte René Schroeder vom Verband Sonderpädagogik im Dlf (WDR Presse und Information/Bildk)
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Reaktionen auf den Fall Nenad Erschüttert über ein krasses Fehlurteil

Benedikt Schulz: Nenad M. und die Folgen - der Fall des jungen Förderschülers hat ziemlichen Wirbel ausgelöst, als seine Geschichte der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Ein Test, den der junge Mann als siebenjähriges Kind absolviert hat, hat seine gesamte Schulkarriere bestimmt. Eine einzige Diagnose, die ihn als Förderschüler eingestuft hat und die anschließend jahrelang nicht revidiert wurde, weswegen Nenad weiterhin gegen seinen Willen auf der Förderschule bleiben musste. Inzwischen hat er seinen Hauptschulabschluss gemacht auf einem Berufskolleg als einer der Klassenbesten.

Was ist da schiefgelaufen, wie konnte eine einzige Einschätzung den Weg eines jungen Menschen für Jahre festlegen? Und was muss sich in ändern in Zukunft? Es gibt auf jeden Fall schon erste Forderungen, unter anderem diese hier: Das Land Nordrhein-Westfalen soll die Förderschulen auf weitere Fälle überprüfen. Über diese und andere Forderungen spreche ich jetzt mit René Schroeder, er ist NRW-Landesvorsitzender vom Verband Sonderpädagogik e.V., Herr Schroeder, ich grüße Sie!

René Schroeder: Ja, ich grüße Sie auch!

"Man hätte weitergehende Diagnosen stellen müssen"

Schulz: Erstmal die Frage an Sie als Experten, wie konnte es zu einem solchen Fall wie Nenad, zu einer solchen Fehleinschätzung eigentlich überhaupt kommen?

Schroeder: Ja, ich glaube, man muss das Ganze etwas komplexer betrachten. Wir haben natürlich einmal die Ausgangssituation, dass vor Jahren ein einzelner Intelligenztest genommen wurde, um diesen Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, die geistige Behinderung zu begründen. Und eigentlich natürlich ist etwas wie eine geistige Behinderung immer etwas komplexer, das heißt, eigentlich dürften wir das gar nicht als einziges Kriterium nehmen. Da war im Prinzip schon etwas, was schiefgelaufen ist, vor allen Dingen natürlich unter den Umständen, unter denen dieser Test durchgeführt wurde. Das wirft natürlich einige Fragen auf tatsächlich.

Was aber sozusagen dann auch die nordrhein-westfälische Perspektive betrifft, ist es natürlich so, dass diese Diagnose offensichtlich immer wieder fortgeschrieben wurde, obwohl wir natürlich durch auch das Schulgesetz und die entsprechenden Rahmenverordnungen ja die Verpflichtung haben als Lehrkräfte, jedes Jahr zu überprüfen ob ein sonderpädagogischer Förderbedarf besteht. Natürlich weiß ich jetzt nicht im Detail, was in der einzelnen Schule genau gemacht wurde und wie eben die Kolleginnen und Kollegen den individuellen Förderbedarf jeweils für sich begründet haben, aber natürlich hätte man da auch dann durch die Begleitung, durch die Arbeit mit dem Jugendlichen beziehungsweise mit dem Kind zu dem damaligen Zeitpunkt noch erkennen können oder erkennen müssen an einigen Stellen, dass man vielleicht einige Dinge noch mal hinterfragen müsste, und genauer zu gucken, also weitergehende Diagnosen einfach stellen.

Suche nach der "am wenigsten einschränkenden Lernumgebung"

Schulz: Aber wie kann das trotzdem passieren? Muss sich an der sonderpädagogischen Diagnostik etwas ändern, dass man immer wieder zu dieser falschen Einschätzung gekommen ist?

Schroeder: Ja, ich glaube, wir müssen an einigen Stellen uns kritisch hinterfragen dahingehend, unter welchem Handlungsdruck wir da stehen sozusagen. Sind wir möglicherweise in dem jeweiligen System, in dem wir arbeiten, ein Stück weit auch schon dahingehend so, dass wir Dinge, die wir glauben zu wissen, die wir vielleicht auch immer wieder durch unsere Erfahrung gespiegelt bekommen, dass wir dann vielleicht gar nicht mehr anders auf den Schüler schauen können. Möglicherweise auch nehmen wir die Lebenssituation des Schülers nicht ausreichend wahr.

Wobei natürlich, wir haben natürlich auch diese Ideen, also sonderpädagogische Diagnostik ist ja eben keine reine Intelligenzdiagnostik, sondern wir haben eben die Idee, komplexer das Kind und das Umfeld in den Blick zu nehmen und zu gucken, wie müsste eigentlich die am wenigsten einschränkende Lernumgebung aussehen. Und da könnte man jetzt auch definitiv zu der Entscheidung kommen bezogen auf Nenad, dass andere Beschulungsvarianten die erfolgreicheren und besseren gewesen wären - wobei ich jetzt natürlich die Kolleginnen und Kollegen hier jetzt nicht vorverurteilen möchte im Sinne von, sagen möchte, was sie alles falsch gemacht haben.

"Wir erleben im Moment eine steigende Rückschulung"

Schulz: Jetzt war dieser Schüler auf einer Förderschule, ein Schulkonzept, was eigentlich in Nordrhein-Westfalen schon mehr oder weniger vor dem Aus war, jetzt aber doch wieder nicht. Mal angenommen, dieser junge Mann wäre von Anfang an auf eine Regelschule geschickt worden - Stichwort Inklusion, so ist es ja eigentlich gedacht - wäre der Fall nicht grundsätzlich anders verlaufen?

Schroeder: Das ist natürlich jetzt etwas hypothetisch, aber der Beginn letztendlich der Entscheidung war ja, dass offensichtlich entschieden wurde, dass der junge Nenad in dem Fall nicht an einer allgemeinen Schule in der Grundschule in dem Fall ausreichend gefördert werden konnte. Das war ja die Entscheidung, die auch in Bayern getroffen wurde und die dann eben fortgeschrieben wurde. Jetzt könnte man natürlich überlegen, hat man vielleicht im gemeinsamen Lernen eine andere Sichtweise?

Allerdings erleben wir auch im Moment eine steigende Rückschulung, das heißt, Kinder, die im gemeinsamen Lernen sind, die also dort gemeinsam beschult werden, die aber dann - entweder auf Entscheidung der Eltern oder teilweise auch in Absprache mit den verantwortlichen Schulverwaltungen -, dann gerade auch im Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule nicht mehr gemeinsam beschult werden. Da muss man natürlich fragen, sind die Ressourcen und auch die Bedingungen auch im Moment im gemeinsamen Lernen so ausreichend, dass wirklich dort die Schülerinnen und Schüler gut gefördert werden können und vor allen Dingen auch, dass genau diesen Lernbedürfnissen entsprochen wird, die mit ihren individuellen Bedürfnissen korrespondieren.

Flexibleres System wünschenswert

Schulz: Worauf ich ein bisschen hinauswill, ist die These, dass es möglicherweise sehr schwierig ist, wenn man einmal in diesem System Förderschule ist, dann auf eine Regelschule wieder zu kommen.

Schroeder: Ja, ich glaube, wir müssen über die Durchlässigkeit natürlich sprechen. Wir erleben im Moment ja auch, das ist ja auch so ein bisschen eine Folge der Entwicklung in den letzten Jahren, dass wir ein Zwei-Säulen-Modell haben. Wir einerseits eben die Förderschulen, die dort in der Landschaft sind, die ihre Angebote vorhalten, auf der anderen Seite haben wir eben das gemeinsame Lernen als weiteres Angebot. Und eigentlich wäre es wichtig, auch gerade, um einen Übergang, einen Austausch und aber auch möglicherweise Aspekte von präventiver Unterstützung zu gewährleisten, dass wir ein flexibleres System hätten, wo es eben verschiedene Beratungsangebote für Schüler, für Eltern gibt, für die allgemeinen Schulen, möglicherweise auch mehr Regelungen gibt, wie jemand auch in besonderen psychosozialen Ausnahmesituationen temporär mal in einem besonderen Lernort beschult werden könnte. Und das ist das Problem, dass wir solche Strukturen im Moment in NRW nicht haben, das ist, glaube ich, eine große Schwierigkeit, die eben auch die Durchlässigkeit des Systems schwierig macht und demzufolge auch dazu führt, dass manchmal Förderschule an einigen Stellen zu einer Einbahnstraße wird.

Schulz: Sagt René Schroeder, er ist nordrhein-westfälischer Landesvorsitzender vom Verband Sonderpädagogik e.V. Herr Schroeder, vielen herzlichen Dank!

Schroeder: Ja, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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