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StartseiteEuropa heuteJapanische Autos, polnische Subventionen07.08.2018

Sonderwirtschaftszonen in Polen (2/5) Japanische Autos, polnische Subventionen

Der japanische Autobauer Toyota ist das Aushängeschild der Sonderwirtschaftszone im polnischen Walbrzych. Vor einigen Jahren hatten sich noch Mitarbeiter über Leistungsdruck und pöbelnde Vorgesetzte beschwert - heute soll alles anders sein. Auch deshalb, weil Arbeitskräfte in der Region Mangelware sind.

Von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster

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Die Toyota-Fabrik in der Sonderwirtschaftszone Walbrzych (Waldenburg) (Deutschlandradio/ Grenzgänger)
Die Toyota-Fabrik in der Sonderwirtschaftszone Walbrzych (Waldenburg) (Deutschlandradio/ Grenzgänger)
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Ein gelber Schutzhelm rutscht vom Empfangstresen, knallt auf den graubeigen Kachelboden. Erschrocken fahren einige Werkbesucher zusammen. Die junge Frau hinter dem Empfangstresen lächelt entschuldigend. Kein Grund zur Beunruhigung im Sport- und Konferenzzentrum von Toyota im "Invest Park", der Sonderwirtschaftszone am Stadtrand von Walbrzych, ehemals Waldenburg.

Die 115.000-Einwohner-Stadt liegt im äußersten Südwesten Polens. Bis Mitte der 90er-Jahre war sie eines der wichtigsten Bergbauzentren des Landes. Mit dem Einzug der Marktwirtschaft mussten alle Zechen schließen. Toyota, das ist heute das Aushängeschild der Sonderwirtschaftszone. Ein Zeichen: Internationale Player kommen auch in die Provinz.

Sportpokale glänzen in Vitrinen. In einem Regal warten japanische Bücher auf Leser. Ein großes Banner neben der Eingangstür mahnt: "Nicht mit Händen in den Taschen laufen." "Nicht beim Gehen aufs Handy schauen." Alles auf Japanisch und Polnisch. Ergänzt durch Piktogramme.

Gute Konditionen und Produktionsbedingungen

Grzegorz Gorski sitzt einen Raum weiter. Der Manager blickt auf eine japanische Maske, die an der Wand hängt. Ihr fehlt ein Auge.

"Wenn wir bei Toyota eine Fabrik eröffnen, dann hat die Maske nur ein Auge", sagt Gorski und lächelt. "Und wenn wir in ein paar Jahren unser Produktionsziel erreicht haben, dann wird das zweite dazu gemalt." Vor mehr als 15 Jahren begann hier in Walbrzych Toyota mit der Produktion von Getrieben und Motoren. Seitdem sind einige Augen hinzugekommen. Grzegorz Gorski zählt auf: Das Betriebsgelände erstreckt sich über eine halbe Million Quadratmeter, das Unternehmen beschäftigt mittlerweile mehr als 1.600 Mitarbeiter. Er selbst ist seit 2004 dabei, "Manager General Affairs" steht auf seiner Visitenkarte.

"Die Sonderwirtschaftszone bot uns gute Konditionen. Das gesamte Areal wurde für uns entwickelt, die komplette Infrastruktur war fertig. Auch bei den erforderlichen Genehmigungen wurden wir unterstützt."

Hinzu kommen Steuerermäßigungen in erheblichem Umfang. Und Zuschüsse für jeden Arbeitsplatz. Bis zu 35 Prozent der Investitionssumme lässt sich so wieder hereinholen. Mit wieviel Zloty genau der Automobil-Hersteller insgesamt in Polen subventioniert wurde, ist gleichzeitig Betriebs- und Staatsgeheimnis. Fest stand damals, dass in Zentraleuropa investiert werden sollte. Und zwar vor dem polnischen EU-Beitritt 2004.

"Natürlich vergleicht das Management die Angebote", sagt er. Und wenn die Konditionen in einer Sonderwirtschaftszone besonders günstig sind, dann entscheidet man sich eben für diesen Standort. Wer weniger bietet, hat das Nachsehen. Auch die Tschechen wollten damals Toyota. Ebenso wie die Ungarn. Doch Polen machte das Rennen.

Der weltweite Markt macht den Takt

Zwei Hallen weiter läuft die Produktion: Getriebe für die Modelle Auris und Avensis. Fließbandarbeit nach der Toyota-Philosophie.

 "Es gibt hier keine Lagerräume", sagt Gorski, "wir produzieren exakt so viel, wie gerade gebraucht wird." Die Getriebe für die Fahrzeuge gehen in die Türkei und nach England. Die Hersteller dort geben den Takt für die polnische Produktion vor.

 "Alle 50 Sekunden läuft hier ein Getriebe vom Band. Genauer gesagt: Alle 50 bis 56 Sekunden. Das ist abhängig von der Takt-Zeit. Und die hängt wiederum von der Nachfrage ab. Manchmal verkürzen wir deshalb die Produktionszeit auf 48 Sekunden, manchmal verlängern wir sie auf 56."

Der weltweite Markt gibt den Takt vor. Die Arbeiter folgen. Doch nicht immer. Vor zwei Jahren berichtete die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" über den Leistungsdruck an den Produktionsstraßen von Toyota, über pöbelnde Vorgesetze, verunsicherte Mitarbeiter. Sogar ein Theaterstück über die Arbeitsbedingungen entstand, das noch heute im nahegelegenen Breslau auf dem Spielplan steht: "Strefa" - "Zone".

Arbeitskräfte gesucht

Grzegorz Gorski bittet, das Aufnahmegerät kurz auszuschalten. Zu diesem Punkt möchte er nichts sagen. Er verweist stattdessen auf eine Stellungnahme der Unternehmensleitung. Die wies damals die Vorwürfe zurück und sprach von Einzelfällen. Einige Manager wechselten. Jetzt ist es ruhiger geworden bei Toyota.

"In den letzten Jahren hatten wir keine große Fluktuation. Manche kommen, manche gehen. Demnächst aber brauchen wir einige hundert neue Mitarbeiter für unsere Standorte. Und wir analysieren jetzt schon den Arbeitsmarkt und schauen, wo wir sie herbekommen können."

Grzegorz Gorski zuckt mit den Schultern. Er weiß, das wird nicht einfach werden. Mittlerweile sind Arbeitskräfte Mangelware. Nicht nur in der Sonderwirtschaftszone, sondern in ganz Niederschlesien. Ob Elektroindustrie oder Automobilzulieferer – unzählige internationale Konzerne haben sich in den letzten 20 Jahren hier angesiedelt. Gerade mal 40 Kilometer entfernt, bei Jawor, baut Mercedes ein Werk für eine halbe Milliarde Euro. Natürlich in einer Sonderwirtschaftszone.

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