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StartseiteCorsoHerausgeberin Fürstenberg: "Scham ist eines der zentralen Gefühle"01.06.2021

Soziale Klasse und LiteraturbetriebHerausgeberin Fürstenberg: "Scham ist eines der zentralen Gefühle"

In Deutschland war es lange ein Tabu, über den Aufstieg von einem in ein anderes Milieu zu schreiben. In dem Band „Check your habitus" erzählen Schreibende von ihren Erlebnissen. "Mich haben besonders die Texte berührt, die den Aufstieg in Frage stellen", sagte Herausgeberin Paula Fürstenberg im Dlf.

Paula Fürstenberg im Gespräch mit Susanne Luerweg

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Blick auf eine Fassade einer Plattenbausiedlung (www.imago-images.de (Frank Hormann /Nordlicht))
In einer Plattenbausiedlung ist die Schrifstellerinnenkarriere nicht unbedingt in die Wiege gelegt (www.imago-images.de (Frank Hormann /Nordlicht))
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Der Beruf der Schriftstellerin oder des Schriftstellers sei in erster Linie etwas für Akademikerkinder, lautete eine Kritik vor einigen Jahren. Die Romane dieser zwischen Arztpraxis und Anwaltskanzlei aufgewachsenen Autorinnen und Autoren finden sich zu Hauf im Literaturbetrieb, aber seit Kurzem gibt es neue Stimmen. Postmigrantische Autorinnen, Menschen, die nicht aus der Mittel - und Oberschicht stammen und dennoch Bücher schreiben. 18 von ihnen erzählen nun von ihren Gefühlen, ihrer Herkunft in dem Buch "Check your habitus."

Französischer Denkraum

"Scham ist eines der zentralen Gefühle, zusammen mit den Gefühlen von Verrat oder Wut", sagt Mitherausgeberin Paula Fürstenberg. Sie hat das Projekt, das zunächst nur online stattfand, mit Daniela Dröscher kuratiert und lektoriert. Während es in Frankreich mit Autorinnen wie Annie Ernaux und Schriftstellern wir Didier Eribon und Eduard Louis schon lange ein Thema ist, über seine Herkunft zu schreiben, entwickelt sich diese Art der Aufstiegsliteratur in Deutschland erst in den letzten Jahren. "Es ist auffällig, wie viel aus dem französischen Denkraum kommt, wenn wir über Klasse und Milieu sprechen."

Sensible Sprache

Auch das Leben zwischen den beiden Welten, dem Herkunfts- und Ankunftsmilieu, hat als einer der ersten der französische Soziologe Pierre Bourdieu erkannt. "Die eine wirkt fremd, die andere bleibt fremd." Vor allem die Sprache ist anders. Wird in der einen Welt kein Deutsch gesprochen oder ein Dialekt, kommunizieren in der anderen Welt die Menschen ganz selbstverständlich mit Fremdworten.

  (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)Das ewige Gefühl, ein Hochstapler zu sein
Nur wenige Autorinnen und Autoren, die durch Bildung aufgestiegen sind, schreiben auch darüber. 18 von ihnen hat Daniela Dröscher zu ihrem Online-Projekt "Check your habitus" eingeladen. Es verdeutlicht, wie schambehaftet Herkunft sein kann.

Im Rahmen des Lektorats wurde deutlich, "was für eine empfindliche Stelle die Sprache ist und Texte nicht so glattzubügeln und nicht so zu tun, als hätte es diesen Wechsel auch sprachlich nie gegeben, war uns wichtig."

Gesellschaftliche Entwicklung

War es lange ein Tabu, über den Aufstieg von einem ins andere Milieu zu sprechen oder zu schreiben, wird es in den letzten Jahren immer selbstverständlicher. "Ich glaube, es gibt einfach Leute, die Denkräume aufgestoßen haben. Dazu gibt es eine gewisse gesellschaftliche Entwicklung, die ein Gefälle zwischen arm und reich immer größer werden lässt und diese Themen nach vorne drückt."

"Check your habitus" ist weiterhin online zu lesen, mit Texten im Original, auf Russisch, Französisch beispielsweise und in Buchform

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